Als Start-up an die Börse

Gründer sehen Börsengänge selten als Option zur Finanzierung ihrer Unternehmen. Dabei bieten sich durchaus Vorteile.

Deutschland braucht eine aktive und innovative Gründerszene. Darüber herrscht Einigkeit in Politik und Wirtschaft. Will Deutschland seine Leistungsfähigkeit und seinen Wohlstand in Zukunft erhalten oder ausbauen, sind Start-ups unerlässlich. Fortschritt braucht als Grundlage eine Kultur, in der Neugründungen den Raum und die Zeit bekommen, sich zu entwickeln – und das Geld.

Finanzierung nicht immer gesichert

Für Gründer ein Problem, denn: An Ideen mangelt es nicht, an finanzieller Unterstützung hingegen schon. Der aktuelle „Deutsche Start-up Monitor“, jährlich herausgegeben vom Bundesverband Deutsche Startups e.V. (BVDS), weist auf die Probleme hin: Mehr als 80 Prozent der befragten Start-ups nutzten 2017 eigene Ersparnisse zur Finanzierung. Um ihre Idee und ihre Firma voranzubringen, mussten mehr als 20 Prozent sogar ausschließlich auf diese zurückgreifen. Etwas weniger als ein Drittel der Start-ups griff auf Kapital zurück, das Familie und Freunde zur Verfügung stellten. Etwas mehr als ein Drittel bekam staatliche Fördermittel.

Mithilfe von Venture Capitalists finanzierten sich 16 Prozent, auf Mittel von Business Angels konnten 21 Prozent bauen. Eine klassische Finanzierung per Kredit scheidet meist komplett aus: Nur 14 Prozent erhielten ein Bankdarlehen. Via Crowdfunding konnten sich lediglich vier Prozent finanzieren. Insgesamt flossen 2017 2,1 Milliarden Euro externes Kapital an junge Unternehmen. Allerdings nahm mehr als die Hälfte der Start-ups weniger als 250.000 Euro an Fremdkapital auf.

Start-ups sehen kaum Potenzial für Börsengänge …

Der BVDS fragte auch danach, wie viele Start-ups Fremdkapital über einen Börsengang aufnahmen. Das Ergebnis: 0,0 Prozent. Das überrascht wenig, ist der Gang an die Börse doch mit erheblichem zeitlichen und monetären Aufwand verbunden. Gesetzliche und organisatorische Anforderungen müssen erfüllt werden, es gibt formal- und satzungsrechtliche Voraussetzungen und Folgepflichten. Detaillierte Vorschriften verlangen eine klare Führungsstruktur und regelmäßige Berichterstattung. Hinzu kommen hohe Beraterkosten, die mangelnde Aktienkultur und die hohe Skepsis der Deutschen gegenüber Aktien, insbesondere denen junger Unternehmen.

… zu Unrecht, wie Beispiele zeigen.

Dass der Gang an die Börse dennoch gelingen kann, beweist das Beispiel des baden-württembergischen Unternehmens Curetis. Das Medizintechnik-Unternehmen aus Holzgerlingen hat das Diagnostiksystem Unyvero entwickelt. Es ermöglicht Krankenhäusern, Patienten schnell und einfach auf Infektionen und Antibiotikaresistenzen zu testen. Diese Tests brauchten bislang nicht nur viel Zeit, mindestens zwei Tage, sondern auch hochqualifiziertes Laborpersonal. Mit Unyvero sind diese Tests innerhalb weniger Stunden möglich. Zudem ist das System sehr leicht zu bedienen und kann daher zum Beispiel auch auf der Intensivstation und damit nah am Patienten eingesetzt werden. Im November 2015 ging Curetis in Amsterdam an die Börse. Im gesamten Jahr 2015 hatte das Unternehmen einen Umsatz von 2,1 Millionen Euro. Über den Börsengang konnte es nicht nur 44,3 Millionen Euro einnehmen, sondern auch eine Unternehmensbewertung von bis dato bemerkenswerten 150 Millionen Euro erzielen.

Bei Curetis kamen alle notwendigen Parameter zusammen. Die Finanzierungshistorie stimmte und namhafte Unternehmen der Branche, wie etwa das Pharmaunternehmen Roche, hatten investiert. Das Management hatte bereits Erfahrungen mit einem Börsengang gemacht. Der Business-Plan und das Geschäftsmodell konnten überzeugen. Treffen diese Voraussetzungen zu, ist ein erfolgreicher Gang an die Börse auch mit einem verhältnismäßig geringen Umsatz möglich. Selbst wenn der Aufwand groß ist: Rechtliche Voraussetzungen müssen geschaffen, Auflagen erfüllt und die Rechnungslegung angepasst werden. Allein der Börsengangprozess dauert etwa sechs bis neun Monate. Doch übersch.tzen viele die Komplexität dieses Vorgangs und unterschätzen die Vorteile, die die klaren gesetzlichen Regelungen mit sich bringen. Viele Wagniskapitalgeber beispielsweise stellen oft komplexe Ansprüche an Start-ups, zum Beispiel beim Reporting, die sich jederzeit ändern können. Bei einem börsennotierten Aktienunternehmen kommt dies seltener vor. Der zur Listung notwendige Aufwand ist in der Regel nicht komplizierter als die Auflagen eines Venture Capitalists. Zudem sind die Anforderungen an ein Börsenunternehmen klar und transparent und oft leichter zu bewältigen als die eines Venture Capitalists.

Das Beispiel Curetis illustriert zudem noch einen weiteren Faktor, beziehungsweise ein weiteres Hindernis, das viele Startups abschreckt. Curetis ging in Amsterdam an die Börse, da es in Deutschland keine ausreichende Investorenbasis erkannte. In den Niederlanden hingegen ist die Investmentkultur eine andere. Hier gibt es eine deutlich höhere Bereitschaft, in junge Unternehmen zu investieren. Die Anleger nehmen das etwas höhere Risiko in Kauf und profitieren im Bestfall auch von einer höheren Rendite. Ähnlich verhält es sich in Frankreich. Insgesamt gibt es in Europa eine deutlich breitere Investorenbasis für junge Unternehmen als in Deutschland. Bekommen sie über eine europäische Börse wie die Euronext in Amsterdam Zugang zu dieser, bietet das Gründern wie Investoren attraktive Möglichkeiten. Das Interesse aus anderen europäischen Ländern, in deutsche Start-ups zu investieren, ist vorhanden, lediglich der leichte Zugang fehlt.

Derzeit ist die Finanzierung über den Kapitalmarkt für Start-ups beinahe kein Thema. Dabei zeigt die europäische Erfahrung, dass Börsengänge im vergangenen Jahr einträglich waren. Doch der Mittelzufluss aus Folgefinanzierungen, also der permanente Kapitalzufluss, war um ein Vielfaches höher. Das zeigt, dass der Kapitalmarkt eine durchaus interessante Möglichkeit sowohl für junge Unternehmen als auch für Investoren ist. Unternehmen bietet er interessante Optionen, Finanzierungsengpässe zu lösen. In Deutschland gibt es eine Vielzahl sehr vielversprechender junger Firmen. Viele von ihnen sehen sich mit demselben Dilemma konfrontiert: Sie sind zu jung, zu klein und haben zu wenig Sicherheiten, um einen ausreichenden Bankkredit bekommen zu können. Die eigenen Ersparnisse, das Geld von Familie und Freunden sind begrenzt. Für die meisten Wagniskapitalgeber in Deutschland sind Finanzierungsrunden ab 20 Millionen nur schwierig allein zu stemmen. Häufig kommen hier ausländische, vor allem US-amerikanische Geldgeber ins Spiel. Jedoch bietet der Kapitalmarkt Alternativen – insbesondere der europäische Kapitalmarkt. Die Unternehmen können auf eine breite Basis an Investoren und Aktionären zurückgreifen und Anlegern eröffnet sich eine Vielzahl interessanter Investitionsgelegenheiten über die Ländergrenzen hinweg. //




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