„Amazonisierung“ als Herausforderung

Nicolas Mackel, CEO von Luxembourg for Finance

Die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit der Finanzdienstleistungsunternehmen in Europa hängt maßgeblich davon ab, ob sie die richtigen Antworten auf den Trend zu integrierten Plattformen finden. Analog zur wachsenden Dominanz von Anbietern wie Amazon im Handel werden auch Kapitalverkehr, Geldanlage und Versicherungen künftig zum Großteil über integrierte Plattformen abgewickelt. Worauf diese Amazonisierung beruht und was aus ihr folgt, zeigt die Studie „Amazonisation is the future of Financial Services“, die die Beratungsgesellschaft PwC im Auftrag von Luxembourg for Finance erstellt hat.

Demnach hat der Finanzsektor in Europa in den Jahren seit der Finanz- und Wirtschaftskrise im globalen Vergleich stark an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Zudem stellt die Amazonisierung eine neue Herausforderung dar. Finanzdienstleister, die darauf nicht angemessen reagieren laufen Gefahr, den Zugang zum Kunden zu verlieren. Denn Kunden werden bei Finanzfragen künftig im zunehmenden Maße auf integrierten Plattformen nach Lösungen suchen, Produkte vergleichen und dann den Vertrag abschließen, der am besten zu ihren Bedürfnissen passt. Vor dieser Herausforderung stehen sämtliche Bereiche des Sektors, von Banken über Asset Manager, Versicherungen oder Zahlungsdienstleistern.

Europas Banken müssen sich zügig zu Anbietern entwickeln, die ihren Kunden alle erforderlichen Lösungen aus einer Hand bieten könnten und dabei die eigene Produktpalette mit Innovationen von Dritten verbinden, so eine der in der Studie entwickelten Handlungsempfehlungen.

Im Asset Management werden Kunden künftig noch besser und einfacher die einzelnen Produkte und die Manager sowie deren Leistung miteinander vergleichen können. Zusammen mit den wachsenden Anforderungen aus der Regulierung wird das die Position der Markt- und Qualitätsführer im jeweiligen Segment weiter stärken. Versicherungen stehen laut der Studie vor der Aufgabe, ihren Kunden neben Transparenz hinsichtlich von Konditionen und Leistungen insbesondere flexibel abrufbare und an der tatsächlichen Nutzungszeit orientierte Tarife zu bieten. Im Zahlungsverkehr wird der Druck auf etablierte Anbieter durch neue aggressive Wettbewerber aus dem Lager der FinTechs und den verstärkten Einsatz von künstlicher Intelligenz hoch bleiben. Das gilt im besonderen Maß für den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr.

Neben der Herausforderung durch die Amazonisierung identifiziert die Studie die wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeitsaspekten auf allen Ebenen und der Weg zu einem multipolaren Finanzsystem in Europa als Folge des Brexit als weitere grundlegende Entwicklungen, die maßgeblich für die Zukunft des Finanzdienstleistungs-Sektors sind.

Die Milleninals, also die von Anfang der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre Geborenen, werden innerhalb der kommenden Jahre aufgrund des eigenen Einkommens und insbesondere durch Erbschaften und Vermögensübertragungen zur wesentlichen Nachfragegruppe bei Kapitalanlagen. Diese Generation wird stärker als zuvor auf Asset Manager setzen, die überzeugende Lösungen bieten, die Integration von Umwelt-, Sozial- und Governance-Standards (ESG) in die Anlageentscheidung zu integrieren. Entsprechend ausgerichtete Produkte werden somit immer mehr zum Muss.

Gerade im Bereich ESG sehen die Autoren der Studie den Sektor in Europa in einer guten Ausgangsposition. Mit der Entwicklung eines einheitlichen Rahmenwerks sowie klarer Standards und Definitionen („Taxonomie“) zu Green Finance ist die Europäische Union globaler Pionier. Sie schafft damit wichtige Voraussetzungen, um die mit dem Bedeutungsgewinn von ESG verbundenen Chancen zu nutzen. Zudem existiert bereits ein breites Angebot an ESG-orientierten Kapitalanlagen und Finanzierungslösungen.

„Hält man sich den gewaltigen zusätzlichen Investitionsbedarf beim Klimaschutz beziehungsweise der Anpassung an die Folgen des Klimawandels vor Augen, leistet die Entwicklung eines nachhaltigen Finanzsystems einen wichtigen Beitrag, damit die Menschheit diese große Herausforderung wirklich bewältigen kann“, sagt Nicolas Mackel, CEO von Luxembourg for Finance. „Hier weiterhin konsequent voranzugehen und Führung zu zeigen ist ein wesentlicher Faktor für eine global wettbewerbsfähige Finanzwirtschaft in Europa. Als wichtigster Standort für Investmentfonds in Europa und größter Listing-Platz für Green Bonds weltweit, kommt dem Finanzplatz Luxemburg hier eine besondere Aufgabe zu“.

„Amazonisierung, Digitalisierung und Entwicklungen wie die wachsende Bedeutung von ESG stellen die etablierten Akteure am Finanzmarkt vor Herausforderungen, die sich nur durch eine konzertierte Aktion bewältigen lassen. Europas Finanzunternehmen müssen sich auf die wesentlichen Themen fokussieren, stärker zusammenarbeiten und gemeinsam investieren, wenn sie dauerhaft global wettbewerbsfähig bleiben wollen“, kommentiert John Parkhouse, Senior Partner von PwC in Luxemburg.

Dass mit London eines der global führenden Finanzzentren nach dem Brexit nicht mehr Teil der EU sein wird, bedeutet für den gesamten europäischen Finanzsektor kurz- und mittelfristig einen Rückschlag im globalen Wettbewerb etwa mit New York oder Singapur. Auf lange Sicht kann sich nach Ansicht von Nicolas Mackel die stärkere Konzentration der Disziplinen auf spezialisierte Standorte innerhalb der EU aber auch als Vorteil erweisen:

„Im Zuge des Brexit verlagern Unternehmen ihre Aktivitäten vor allem an die Standorte, an denen das jeweils passende Ökosystem bereits existiert – also beispielsweise nach Frankfurt und Paris beim Transaction Banking oder nach Luxemburg und Dublin beim Asset Management. Wenn es der Finanzsektor in Europa schafft, über eine gute Zusammenarbeit der einzelnen Plätze seine Expertise zu bündeln und gemeinsam an den Start zu bringen, dann wird er auch in globaler Hinsicht dauerhaft wettbewerbsfähig sein.“




Nachricht an die Redaktion

Hier können Sie uns einen Kommentar zu dem Artikel zukommen lassen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

[honeypot additional-name-406]]

Bei unseren Lesern momentan beliebt