Das Märchen von der restriktiven Geldpolitik

In der Wirtschaftstheorie ist es ein fast religiöses Glaubensbekenntnis: Üppige Geldpolitik führt irgendwann über steigende Rohstoffnachfrage, Beschäftigung, Löhne und Konjunktur zu Inflation. Ist das so?

Und wenn nicht jetzt, wann dann? Immerhin ersäufen uns die Notenbanken förmlich in Liquidität. Dagegen war die Sintflut ein Nieselregen. In Amerika zum Beispiel reicht das Notenbankgeld mühelos aus, um die gesamte US-Volkswirtschaft noch ungefähr viermal zu finanzieren. Wenn es aber dramatisch mehr Geld als dafür zu kaufende Waren und Dienstleistungen gibt, müssten wir dann nicht sogar unter Hyperinflation leiden?

Theoretisch kreist zwar der geldpolitische Berg, praktisch gebärt er jedoch nur eine Inflations-Maus. Man mag einwenden, dass die offizielle Preissteigerung gegenüber der tatsächlichen geschönt ist. Ja, der zu ihrer Berechnung verwendete Warenkorb orientiert sich zu wenig an der Lebensrealität der Verbraucher, an der Kaufhäufigkeit von Produkten und Dienstleistungen.

Wie kann es aber sein, dass es in allen OECD-Ländern nicht zu spürbarer Inflation kommt?

Trotzdem müsste selbst die offizielle Inflation deutlich höher liegen. Doch in den USA sind die Preisdaten seit Anfang des Jahres von über zwei wieder unter zwei Prozent gefallen. Und in der Eurozone muss man fast zum absurden Schluss kommen, dass Geldversorgung der EZB und Inflation nicht nur nicht gleichförmig, sondern gegengleich laufen. Und ist es nicht erstaunlich, dass die deutsche Inflationsrate während der Ägide der stabilitätsorientierten Deutschen Bundesbank im Durchschnitt bei 2,7 Prozent lag, während sie seit der Happy Hour der EZB ab Oktober 2008 mit dramatischen Zinssenkungen und Geldflutungen nur bei 1,1 Prozent liegt?

Zunächst verhindern ein in puncto Förderdisziplin ziemlich begrenzter Corpsgeist der Opec und die alternative Fördermethode Fracking rohstoffseitigen Preisdruck. Doch auch die Kerninflationsrate ohne Energiepreise kommt kaum vom Fleck. Lohnpreisgetriebene Inflation ist ebenso wenig vorhanden wie Badeseen in der Wüste.

Der Faktor Arbeit ist auf der Angebotsseite durch die Globalisierung und Mobilität heutzutage einer starken Konkurrenz ausgesetzt. Auch sind aus früher normalen Arbeitsverhältnissen vielfach quasi-Selbstständigkeiten und Teilzeitjobs geworden, die nicht mehr in den Genuss regelmäßiger tariflicher “Lohnerhöhungs-Automatismen” kommen.

Liquiditätsversorgung der EZB ein Ozean, tatsächliche Geldmenge nur ein Baggersee

Vor allem aber nutzt selbst die üppigste Notenbankpolitik nichts, wenn ihre Liquiditätsflut nicht in der Konjunkturwüste ankommt und sie somit auch nicht grün machen kann. Es gibt da eine Staumauer: Die Nachwehen des Immobiliencrashs und seiner Vermögensverluste – wir feiern bald 10-Jahresgedächtnis – spürt man in Europa immer noch.

Die Konsum- und Investitions-Seelen sind immer noch belastet. Und langweilig wie ich bin, muss ich wiederholen, dass die sture Reformverweigerung in den Euro-Ländern nicht für einen stimmungsseitigen Mauerfall sorgt. Die momentanen konjunkturellen Nachholeffekte sollten nicht mit nachhaltigem Wirtschaftswachstum verwechselt werden, das in einer globalen Welt ohne Standortverbesserungen und klares Bekenntnis zur Digitalisierung nicht erreichbar ist.

Und so erklärt sich, dass das Überangebot an Notenbankgeld der EZB nicht in Form von befriedigender Kreditnachfrage bei Banken – dann nämlich wird es erst richtiges Geld – in der Realwirtschaft ankommt. Die sogenannte Geldmenge M3 als Spiegelbild der Konjunkturstärke ist schwach.




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