Der Bulle lebt!

Wir erleben den längsten Bullenmarkt aller Zeiten, aber statt Euphorie herrscht Skepsis auf allen Seiten. Unkenrufer prophezeien das baldige Ende der Aktienhausse. Doch noch ist der Bulle standfest, argumentiert Manager Scott Berg von T. Rowe Price.

Anleger befinden sich mittendrin in einer der stärksten Aktienhaussen, die es je gab – doch die Stimmung ist nicht entsprechend. Im März 2009 erreichte der S&P 500 seinen Tiefpunkt nach der Finanzkrise. Es war gleichzeitig der Beginn des immer noch andauernden Bullenmarktes. Investoren wurden seit dem mit so manchem Problem konfrontiert. Die Wunden, die die Finanzkrise hinterließ, heilen nur sehr langsam. Zudem herrschte über große Zeiträume hinweg ein nachhaltiges Durcheinander: Politiker und Notenbanker sahen und sehen sich gezwungen, wie das anhaltende Niedrigzinsumfeld beweist, radikale geldpolitische Maßnahmen zu implementieren, um dem ausbleibenden Wirtschaftswachstum und der dauerhaften Bedrohung der Krise 2.0 zu begegnen. Die außergewöhnlichen wirtschaftlichen Bedingungen haben dabei weitreichende Auswirkungen auf die Gesellschaft außerhalb der Märkte. Das führt dazu, dass der Bulle von Beginn an negativ betrachtet wurde. In Anbetracht der Tatsache, dass viele Märkte sich auf ihren Allzeithochs befinden, ist diese Sichtweise bemerkenswert.

Die Gründe für die globalen Höhenflüge sind dabei sogar teilweise in der Finanzkrise selbst zu finden. Die Tiefe der globalen Krise sorgte für sehr günstige Bewertungen, die bis heute ein Anker für einen Großteil der Renditen sind. Auch die auf die Krise folgende geldpolitische Reaktion brachte den Aktienmärkten Auftrieb. Hinzu kamen in jüngerer Vergangenheit Faktoren wie Stabilität und eine behutsame Verbesserung der wirtschaftlichen Situation. Das globale Wachstum ist zwar recht langsam, entwickelt sich aber dennoch positiv. Zudem stellten sich die politischen Rahmenbedingungen, mit Ausnahme des Nordkorea-Disputs, deutlich weniger dramatisch dar als es Anfang 2017 zu befürchten war. Entsprechend stiegen die Unternehmensgewinne im Allgemeinen an.

Die Zweifel werden größer

Doch nicht nur die Gewinne steigen, auch die Skepsis wächst. Einige Analysten warnen vor einer Blase. Betrachtet man jedoch die Indikatoren mit dem höchsten Grad an Visibilität und den größten Auswirkungen auf die langfristigen Aktienrenditen, das sind die Bewertungen und die Unternehmensgewinne, erscheinen diese nach wie vor angemessen. Die Hausse mag fortgeschritten sein, da das wirtschaftliche Umfeld sich jedoch als stabil bis verbessert darstellt, sind auf breiter Basis keine Bewertungsextreme zu beobachten. Neben einer Blase ist auch eine Straffung der Geldpolitik ein Sorgenpunkt vieler Anleger. In mancher Hinsicht könnte eine scharfe Erhöhung der Leitzinsen der Weltwirtschaft und den globalen Aktienmärkten durchaus Probleme bereiten. Doch der Anstieg der Inflation, der sich Anfang 2017 ankündigte, ist ins Stocken geraten, woran sich wohl zunächst wenig ändern wird. Das dürfte eine aggressive Straffung der monetären Bedingungen verhindern.

Insgesamt ist das Marktumfeld allerdings komplex. Wer gute Ergebnisse mit einem Aktienengagement erzielen will, benötigt ein ausgewogenes Portfolio. In den USA beispielsweise ist damit zu rechnen, dass die Unternehmen ihre positive Gewinnentwicklung fortsetzen werden. In Europa dürfte sich das Wirtschaftswachstum allmählich verbessern, unterstützt durch einen robusten Konsum der privaten Haushalte, eine Verbesserung der Stimmung und einen stärkeren Welthandel. Bei den Schwellenländern haben insbesondere China, Indien, Indonesien, die Philippinen und Peru starke langfristige Wachstumsperspektiven. Diese werden von den inländischen Konsumtrends sowie einer günstigen demografischen Entwicklung angetrieben. Anlageentscheidungen jedoch lediglich entlang regionaler oder Ländergrenzen zu treffen wäre unzureichend. Eine Positionierung anhand fundamentaler und aktienspezifischer Aspekte ist unerlässlich. Während der vergangenen Jahre hat sich der Ansatz als gewinnbringend erwiesen, in solche Firmen zu investieren, die von den Veränderungen profitieren werden, die sich bereits heute ankündigen. Diese Strategie wird zukunftsorientierten Anlegern auch weiterhin Optionen bieten. Insbesondere in den Bereichen Technologie und Digitalisierung finden sich hierfür gute Beispiele.

Gute Rahmenbedingungen für Aktienengagement

Zu den prominentesten gehören Unternehmen wie Amazon, die enorm vom andauernden Wachstum im Online-Handel profitiert haben, oder wie das US-amerikanische Reiseunternehmen Priceline, das sich verändert und entwickelt hat, und heute sowohl national als auch international massiv expandiert. Der Elektrofahrzeughersteller Tesla revolutioniert den globalen Automobilmarkt und die langfristigen Auswirkungen dieser Veränderung werden nach wie vor erheblich unterschätzt. Denn das Unternehmen hat nicht nur einen gewaltigen technologischen Vorsprung im Bereich der Elektromobilität, sondern auch weit überlegene Produkte. In den Schwellenländern sind Unternehmen zu nennen wie die chinesische Alibaba Group, mit ihren vielfältigen Angeboten im E-Commerce Bereich, oder Tencent, das die dominierende Social-Media-Plattform Chinas betreibt. In Lateinamerika profitiert beispielsweise MercadoLibre, eine der größten Online-Handelsplattformen der Region, von den Veränderungen und Entwicklungen der Gesellschaft.

Die Erwartungen des Marktes sind insgesamt gestiegen. Sollten Unternehmen sie im kommenden Jahr nicht erfüllen, sind kurzfristig einige Turbulenzen an den Märkten möglich und es mag zu Volatilitäten kommen. Allerdings sollten diese keinesfalls mit dem Ende des Bullenmarktes verwechselt werden. Denn trotz einiger Sorgen zeigt sich eine Vielzahl an Anlagemöglichkeiten und positiven Indikatoren – der Bullenmarkt steht nach wie vor auf stabilen Beinen. Es gibt genügend Treiber, die das Marktniveau mittelfristig halten und anheben werden. Die globalen Entwicklungen deuten darauf hin, dass die Inflation und Zinsen voraussichtlich niedrig bleiben werden. Gleichzeitig wird auch das Wirtschaftswachstum gedämpfter bleiben. Aktienanleger werden sich somit auch künftig mit verschiedenen Problemen konfrontiert sehen, die allgemeinen Rahmenbedingungen sind jedoch insgesamt solide. Ein langsames Wirtschaftswachstum ist besser als kein Wachstum, die weltweiten Beschäftigungsraten sind vielversprechend und insbesondere der Aktienmarkt bietet nach wie vor attraktive Investitionsmöglichkeiten. Der Bulle lebt.




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