„Deutschland rutscht in technische Rezession“

David Wehner, Do Investment

Die Kapitalmärkte waren im Verlauf des dritten Quartals durch eine hohe Volatilität gekennzeichnet. Zu den Haupttreibern gehörten die weitere Eskalation im Handelsstreit zwischen den USA und China, die expansive Zentralbankpolitik, das „Sommertheater“ in Italien und die Wahlen in Argentinien. Die Aktienmärkte verzeichneten teils starke Korrekturen, die insbesondere Länder mit einer hohen Exportorientierung getroffen haben.

Stichwort: Handelsstreit. Dieser behält, neben zahlreichen weiteren geopolitischen und politischen Risiken, einen erheblichen Einfluss auf die globalen Wachstumsaussichten. Diese anhaltend hohe Unsicherheit hat Unternehmen mit voller Wucht getroffen. In der Folge reduzieren sie ihre Lagerbestände, fahren Neubestellungen zurück und verschieben Investitionen.

Geopolitik bremst Europa und Deutschland

Blickpunkt Europa: Die Wachstumsgeschwindigkeit in der Eurozone sollte ohne eine Trendwende beim Handelsstreit dauerhaft niedriger sein. Insbesondere exportorientierte Länder wie Deutschland leiden unter der globalen Unsicherheit. Wir gehen davon aus, dass Deutschland in eine technische Rezession rutschen wird, also zwei aufeinander folgende Quartale mit einem negativen Wirtschaftswachstum verzeichnet. Von einer tiefgreifenden Rezession für Deutschland und die restlichen Eurozonen-Staaten gehen wir derzeit nicht aus, vielmehr von einer Stagnation. Die expansive Geldpolitik und der Arbeitsmarkt stützen bisweilen die Konjunktur.

Aktienmarkt als weltweites Stimmungsbarometer

Eine Lösung des Handelsstreits würde die Wirtschaftsaussichten aufhellen und die Ertragserwartungen, insbesondere im Industrie-Sektor, verbessern. Die Börsen würden eine Beilegung des Handelsstreits mit steigenden Kursen honorieren. Falls die Handelsstreitigkeiten jedoch weiter eskalieren sollten und sich die Wachstumsaussichten eintrüben, sind stärkere Kurskorrekturen wahrscheinlich.

Hoffen, bangen – oder überlegt handeln: Anleger müssen aktiv bleiben

Die katastrophale Kapitalmarktentwicklung des vierten Quartals 2018 haben zahlreiche Marktteilnehmer noch im Gedächtnis und befürchten eine Wiederholung der Ereignisse in diesem Jahr. Die diesjährige Hausse an den Aktien- und Rentenmärkten basiert zum überwiegenden Teil auf den expansiven Zentralbankmaßnahmen und der Hoffnung, dass sich die geopolitischen Risiken vermindern und die Konjunktur dadurch neue Wachstumsimpulse erhält. Diese Erwartungen wurden bisher enttäuscht, vielmehr sind neue Risiken hinzugekommen.

Diese Gemengelage schlägt sich stärker in den Konjunkturdaten nieder und führt zu ersten Kollateralschäden. Die Konjunkturdaten werden sich aufgrund der schwachen Vorgaben des dritten Quartals wahrscheinlich weiter eintrüben. Wir gehen von einem negativen vierten Quartal für die deutsche Konjunktur aus und sehen das Jahreswachstum bei nur noch 0,5 Prozent. Das Wachstum für die Eurozone erwarten wir leicht unter der 1-Prozent-Marke.

Grundsätzlich sehen wir eine klare Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums auf 3 Prozent für 2019 (2018: 3,7). Lediglich die USA entwickeln sich über ihrem Potentialwachstum mit 2,3 Prozent, jedoch mit abschwächender Tendenz. Die schwachen Konjunkturdaten werden sich in den Unternehmensergebnissen widerspiegeln.

Zum Jahreswechsel ist Geopolitik bestimmend

Aktuell bestimmt ein Zusammenwirken von Berichtssaison, Konjunkturdaten und geopolitischen Risiken die Märkte. Der Status Quo – schwache Konjunkturdaten und belastete Unternehmensergebnisse – ist zum überwiegenden Teil bekannt und eingepreist. Deshalb liegt der Fokus auch zum Jahreswechsel auf den geopolitischen Themen. Der Ausgang der jeweiligen Ereignisse wird stärkere Auswirkungen an den Aktienmärkten haben als die Konjunkturdaten der zurückliegenden Monate.

Positive Perspektiven der Entspannung

Wir sind der Auffassung, dass eine Entspannung bei den geopolitischen Risiken möglich und notwendig ist, um neue Impulse zu setzen. Im Handelsstreit zwischen den USA und China steigt der Druck eine Lösung zu finden, trotz aller Twitter-Polemik von Donald Trump. In den USA wird in einem Jahr ein neuer Präsident und der halbe Kongress gewählt.
Donald Trump möchte seine Wiederwahl – und dafür benötigt er ein solides wirtschaftliches Umfeld und einen steigenden Aktienmarkt, um seine Wählerschaft nicht zu verscheuchen. Derzeit sind erste Bremsspuren in der Wirtschaft zu erkennen, der Aktienmarkt tritt auf der Stelle. Ein erneuter Einbruch der US-Börsen um 20 Prozent dürfte schwer aufzufangen sein. Die Zentralbanken haben einen Großteil ihrer Munition verschossen und hätten große Schwierigkeiten einer Korrektur entgegenzuwirken, auch mit Blick auf ihre politische Unabhängigkeit.

Falls unsere Einschätzung eintritt, würden die Aktienmärkte mit einer Entspannungsrallye reagieren – und es wäre mit steigenden Aktienkursen zum Jahresende zu rechnen. Die Renditen von Anleihen würden in diesem Umfeld leicht steigen, bei zehnjährigen Bundesanleihen sind Erträge von -0,20 bis 0,00 Prozent möglich.

 




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