Die Auswirkungen der Fußball-WM

Welche wirtschaftlichen Vorteile die Weltmeisterschaft dem Land bringen wird, ist nicht leicht zu beurteilen. Mit Blick auf frühere Weltmeisterschaften ist für das Jahr 2018 von einem zusätzlichen BIP-Wachstum von bis zu 0,3 Prozent auszugehen. Ken Van Weyenberg von Candriam analysiert die Auswirkungen, die die WM auf die russische Wirtschaft haben dürfte

Bis zum Eröffnungsspiel sind es nur noch ein paar Tage, und Russland scheint bestens auf die Fußball-WM 2018 vorbereitet zu sein. Welche wirtschaftlichen Vorteile die WM Russland bringen wird, ist hingegen nicht leicht zu beurteilen. Ein Blick auf frühere Weltmeisterschaften kann helfen.

Viele Länder wollen die Fußball-WM ausrichten, eines der größten Sportereignisse der Welt. Die Politik glaubt, dass die Investitionen sowohl lang- als auch kurzfristig der Wirtschaft sowie dem Image des Gastgeberlandes nützen und dessen Markenwert steigern, was gut für den Tourismus und die Unternehmen ist. Dennoch ist der langfristige Nutzen internationaler Sportveranstaltungen für das Gastgeberland kaum messbar. Die kurzfristigen Auswirkungen lassen sich aber genauer bestimmen. Sie setzen sich zusammen aus finanziellen Impulsen wie Ausgaben für Hotels und Einkäufe, direkte Steuern auf Tickets, Teilnahmegebühren und Prämien sowie aus zusätzlichen Arbeitsplätzen in den Monaten vor und während der WM.

Zum ersten Mal in Russland

Die bevorstehende Weltmeisterschaft wird eine der teuersten in der Geschichte des Turniers. Nach einer genauen Analyse schätzt Candriam die Kosten auf fast 13 Milliarden US-Dollar, die zu 70 Prozent vom Staat getragen werden. Von diesen 13 Milliarden Dollar entfallen vier auf die Sportinfrastruktur (Stadien) und fast sieben Milliarden auf die Verkehrsinfrastruktur. Dazu gehören die Modernisierung wichtiger Flughäfen und der Ausbau und die Reparatur von Autobahnen.

Kurzfristig gesehen dürften sich die Investitionen und die Weltmeisterschaft insbesondere im zweiten und dritten Quartal dieses Jahres positiv auf die russische Wirtschaft auswirken. Sie wird vom vorübergehenden Beschäftigungszuwachs und dem zusätzlichen Konsum der 3,5 Millionen Menschen profitieren, die Tickets für die WM gekauft haben. Bei früheren Weltmeisterschaften haben die Besucher bis zu doppelt so viel Geld für Unterkunft, Essen und Getränke ausgegeben wie andere Touristen. Unternehmen, die bei der WM 2014 in Brasilien Verkaufslizenzen für Stadien erhalten hatten, haben dort laut FIFA über 800.000 Portionen Essen, über drei Millionen Becher Bier, zwei Millionen Becher alkoholfreie Getränke und fast 750.000 Snacks verkauft.

Der geschätzte wirtschaftliche Gewinn Russlands liegt bei etwa 0,2 bis 0,3 Prozent zusätzlichem BIP-Wachstum im Jahr 2018. Das scheint früheren Weltmeisterschaften zu entsprechen. Die kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteile von Brasilien wurden auf 0,2 bis 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt. Offizielle Zahlen stehen noch aus. Nach Angaben der Wirtschaftsprüfer von KPMG verzeichnete Südafrika 2010 dank der Weltmeisterschaft 0,5 Prozentpunkte mehr Wachstum.

Die langfristigen Vorteile

Die Schätzung der möglichen langfristigen Vorteile ist schwieriger. Mit Blick auf den Tourismus in den Jahren nach der WM und die späteren Auswirkungen der staatlichen Investitionen ist Russland aber recht optimistisch. Ein Bericht über die erwarteten finanziellen Auswirkungen der WM auf die Wirtschaft geht von einem BIP-Anstieg von fast 31 Milliarden US-Dollar (beziehungsweise zwei Prozent) in den zehn Jahren von 2013 bis 2023 aus. Ob diese Prognosen realistisch sind, ist schwer zu sagen. 
 Zweifellos wird die Weltmeisterschaft Russland aber zu einer besseren und moderneren Sportinfrastruktur und besseren öffentlichen Verkehrsmitteln verhelfen. Und dank Reputationsgewinnen dürften nach der WM auch mehr Touristen ins Land kommen.

Fragwürdige Wirtschaftsstruktur

Die WM 2018 verhilft der russischen Wirtschaft, die ansonsten vornehmlich auf traditionellen Sektoren wie Treibstoff und Bergbau basiert, zu mehr Vielfalt. Schade für die Russen ist nur, dass Wirtschaft mehr ist als kurzfristiger Nutzen durch Sportereignisse. Nach wie vor ist diese in Russland stark von den Öl- und Gaspreisen abhängig, die bis 2016 gefallen sind. Hinzu kommen die internationalen Wirtschaftssanktionen, vor allem der USA und der EU, nach der Annexion der Krim 2014. Sie haben dem Wirtschaftswachstum geschadet. Von 2014 bis 2017 ist der Anteil von Öl und Gas an den russischen Exporten von 65 auf 55 Prozent gefallen.

Das reale BIP-Wachstum im Jahr 2017 wird auf nur zwei Prozent geschätzt und dürfte in den nächsten zwei Jahren knapp darunter liegen. Höhere Ölpreise sind zweifellos gut für die Wirtschaft, aber weitere US- oder EU-Sanktionen, politische Risiken und die Abhängigkeit von Rohstoffexporten sind zu wichtig, um ignoriert zu werden. All dies rechtfertigt Vorsicht bei russischen Wertpapieren.




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