„Die Märkte erwarten zu viel von der EZB“

David Lafferty, Chefstratege Natixis IM

Im Vorfeld der EZB-Ratssitzung am Donnerstag gibt David Lafferty, Chefstratege der zu den 15 größten Investmenthäusern zählenden „Natixis Investment Managers“, zu bedenken, dass die Märkte zu viel von der Geldpolitik erwarten. Die fehlende Nachfrage in Europa habe strukturelle Gründe, die die EZB nicht lösen könne.

Lafferty: „Den Zentralbankern ist das sehr wohl bewusst, aber sie können nicht riskieren, dass es aussieht, als würden sie das Handtuch werfen. Deshalb wird es auch zu einem weiteren geldpolitischen Stimulus kommen, aber er wird wahrscheinlich die Märkte enttäuschen.

Die Möglichkeiten der EZB sind mehr erschöpft, als sie öffentlich anerkennen kann. Die Bank kann noch ein paar Euro mehr für das Problem ausgeben, aber die Auswirkungen dürften in Zukunft bescheiden sein. Niedrigere Zinsen werden nicht dazu führen, dass besorgte Verbraucher oder vorsichtige CEOs Kredite aufnehmen, wenn sie glauben, dass sich die Wirtschaft auf dem Kurs zu Nullwachstum – oder schlimmer noch – einer Rezession befindet.

Auch wenn Nichtstun für die EZB keine Option ist – sowohl Deutschland als auch Italien stehen kurz vor der Rezession -, deuten die jüngsten Kommentare einiger Kreise darauf hin, dass die Maßnahmen der EZB bescheidener ausfallen werden. Sie wird vermutlich eine Reihe von Anpassungen ankündigen und damit mehr auf Breite als auf Größe setzen, um die Märkte zu beeindrucken. Einige oder gar alle diese Maßnahmen dürften am unteren Ende der Erwartungen liegen.

Die EZB wird wohl Zinssatz für Bankeinlagen um weitere 10 bis 20 Basispunkte senken.  Eine Senkung um 10 Basispunkte scheint etwas wahrscheinlicher, wenn auch nur, um den Schaden für die Banken zu mildern und noch etwas Munition zu haben, sollte sich die Wirtschaft weiter abschwächen.

Eine weitere Entlastung für die Banken erwarten wir durch die Einführung einer Staffelung oder eines Systems mit Freibeträgen. Wenn dies mit ausreichenden Details und Größen ausgestattet ist, könnte dies den europäischen Bankaktien einen echten Schub verleihen, auch wenn die Auswirkungen auf die Realwirtschaft bescheiden sein werden.

Die meisten Schätzungen gehen davon aus, dass die EZB wieder mit ihren Anleihenkäufe beginnen wird, und zwar in einer Höhe von 25 bis 50 Mrd. EUR pro Monat. Da nur noch wenige Vermögenswerte zu kaufen sind, gehen wir davon aus, dass auch diese Maßnahme eher am unteren Rand dieser Spanne liegen wird. Mehr noch: Wir sehen das vielleicht größte Marktrisiko darin, dass die EZB überhaupt keine Ausweitung des QE-Programms ankündigt. Die hohen Erwartungen werden sie aber wahrscheinlich davon abhalten.

Dass sie etwas am oberen Ende der Spanne ankündigt, halten wir für unwahrscheinlich. Dazu müsste die EZB das Limit für die Emissionen eines einzelnen Landes von derzeit 33% auf 50% anheben, und das ginge wohl für die Bundesbank und einige andere zu weit. Im Einklang mit der wiederholten Forward Guidance der EZB selbst ist unser Base Case ein kleineres (weniger Euro), aber längeres (mehr Monate) Ankaufprogramm.

Es gibt einen Vorteil, wenn die EZB eine gewisse Zurückhaltung zeigt: Sie könnte die europäischen Kernstaaten zwingen, eine Expansion ihrer Fiskalpolitik ernster zu nehmen. Bei bereits im negativen Bereich liegenden Zinsen ist die zusätzliche Emission von Anleihen praktisch kostenlos. Die Einnahmen könnten auf Projekte zur Steigerung der langfristigen Produktivität ausgerichtet werden und das QE-Programm so unterstützen. Die Übergabe von Draghi an Lagarde im November dürfte eine neue Phase bei der EZB einleiten. Weiter lockere Geldpolitik, ja – aber mit mehr Druck auf die Länder der Eurozone, auch ihrerseits mehr zu tun. Die EZB kann nicht länger der einzige im Spiel bleiben.




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