Die Old Economy schlägt zurück

Am Ölmarkt kann es jederzeit zu überraschenden Preisanstiegen kommen. Die Gründe dafür liegen einerseits bei den stetig wachsenden geopolitischen Risiken sowie andererseits einer knappen Angebotsseite. Dr. Salman Ahmed, Chief Investment Strategist bei Lombard Odier, kommentiert.

Am Ölmarkt besteht unserer Ansicht nach zurzeit ein erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Preisanstieg. Diese Annahme machen wir an den stetig wachsenden geopolitischen Risiken im Nahen Osten sowie einer relativ geringen Dynamik auf der Angebotsseite fest, die derzeit den Ölmarkt bestimmen. Wir gehen momentan davon aus, dass der Ölpreis in den kommenden Wochen im Zuge des Wiedererstarkens der Old Economy, also klassische Industrien, wie die Automobil-, Bau- oder Chemieindustrie, die materielle und greifbare Güter herstellen, deutlich steigen könnte.

Es zeichnet sich eine neue Weltordnung ab

Während die USA an ihrer einseitigen Verhandlungsstrategie festhalten und Anfang Mai aus dem iranischen Atomabkommen ausgestiegen sind, zeichnet sich eine neue Weltordnung ab. Die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen bedingungslosen Allianzen, welche in den letzten 70 Jahren einen stabilisierenden Einfluss auf den Nahen Osten ausübten, werden durch eher sachorientierte Beziehungen ersetzt. Letztendlich schwächt diese Veränderung das Sicherheitsnetz der ganzen Region.

Die USA sind aufgrund ihrer einheimischen Förderung von Schiefer-Öl und -Gas inzwischen bei der Versorgung mit fossilen Brennstoffen wesentlich weniger auf den Rest der Welt angewiesen. Daher wird es für das Land auch zunehmend unerheblicher, sich für ein Aufrechterhalten der Stabilität im Nahen Osten einzusetzen.

Zusammenarbeit zwischen der Opec und Russland

Andererseits haben die überschüssigen Öl-Reserven, die durch zunehmende Schieferöl-Förderung entstanden sind, zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen der Opec (Organisation erdölexportierender Länder)  und Russland beigetragen. Das Überangebot wurde dadurch recht erfolgreich beseitigt. Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten kommen somit zu einer Zeit, in der die Marktsituation ohnehin schon angespannt ist.  Angesichts des starken Rückgangs der venezolanischen Ölförderung und der strukturellen Faktoren, welche den Ausgleich der Ölproduktion in den USA erschweren, dürfte es unseres Erachtens nach von entscheidender Bedeutung sein, wie sich der iranische Erdölexport zukünftig entwickelt.

Wir sind der Meinung, dass geopolitische Faktoren in Zukunft größeren Einfluss auf den Rohölpreis haben werden, als die Auswirkungen einer erstarkenden Weltwirtschaft.

Konsequenzen für Kapitalanlagen:

  1. Die Korrelationen zwischen der bedeutendsten Ölsorte Brent und anderen Anlageklassen haben sich wesentlich verändert.
  2. Russlands schwaches Wachstum im Vergleich zu anderen Schwellenländern könnte sich verbessern.
  3. Energieaktien sollten aus unserer Sicht aufgrund ihrer niedrigen Bewertungen profitieren.
  4. Ein Anstieg des Ölpreises verstärkt den Inflationsdruck und hält so den Aufwärtsdruck auf 
die Anleiherenditen in den USA aufrecht.
  5. Wir gehen davon aus, dass steigende geopolitische Spannungen die Risikobereitschaft dämpfen werden, auch wenn risikobehaftete Anlagen weiterhin von der anhaltenden Konjunkturdynamik profitieren dürften.



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