Die Vermögensillusion – die neue Macht der Daten

Carsten Mumm, Chefvolkswirt des Bankhauses Donner & Reuschel

Da die Bewertung von Vermögen immer unter den gegebenen technologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen erfolgt, muss bei Paradigmenwechseln auch das Vermögen einer Volkswirtschaft grundlegend neu bewertet und der Wohlstand neu definiert werden.

 

Die Digitalisierung bedeutet eine fundamentale Veränderung der Produktionsweisen. Während Daten ein neuer Produktionsfaktor geworden sind, verlieren industrielle Geschäftsmodelle und physisches Kapital an Wert. Auf diese Weise kann die Digitalisierung zu einer ungleichmäßigeren Einkommens- und Vermögensverteilung beitragen. Sie verändert fundamental die Welt und die Art und Weise, wie Gesellschaft und Wirtschaft organisiert sind. Daten sind heute schon eine der wichtigsten Ressourcen für die digitale Gesellschaft. Und je größer die Menge der miteinander verknüpften Daten, umso größer ist deren ökonomischer Wert.

Bereits heute ist die Macht von Plattformen, auf denen Daten zentralisiert und verknüpft werden, offenkundig. Soziale Medien beispielsweise werden für neue Nutzer umso interessanter, je mehr andere Menschen die gleiche Plattform nutzen. Der Übergang in die Datenökonomie ist ein Beispiel für die Umwertung von Vermögen. Gemessen am Börsenwert haben die Daten-Plattformen mittlerweile viele große industrielle Konzerne als wertvollste Unternehmen abgelöst.

Das Vermögen der Zukunft liegt im Humankapital

Künftig werden Besitzer von Robotern, Algorithmen und Daten steigende Einkommen erzielen. Demgegenüber werden von der Entwertung nicht nur mechanische, sondern vor allem auch kognitive Tätigkeiten betroffen sein. Künstliche Intelligenz und Daten sind dauerhaft im Einsatz, mehrfach verwendbar und zu sehr geringen Grenzkosten replizierbar. Künstliche Intelligenz wird somit traditionelle Berufsbilder und Fähigkeiten (wie zum Beispiel ärztliche Diagnosen) entwerten, andere Berufe werden dagegen relativ an Wert gewinnen.

Künftig wird daher Bildung und Ausbildung eine entscheidende Bedeutung zukommen, um in einem permanenten und sich beschleunigenden Veränderungsprozess dauerhaft erfolgreich Erwerbseinkommen generieren zu können. Humankapital wird zum wichtigsten Vermögen. In Zukunft wird es allerdings weniger darum gehen, hochspezialisierte Berufe zu erlernen, sondern eher darum, sich flexible Fähigkeiten anzueignen, um damit ständig neue Tätigkeiten auszuführen. Lebenslanges Lernen wird eines der zentralen Charakteristika künftiger Gesellschaften sein. Das Vermögen der Zukunft wird in Technologie sowie in dem Wissen liegen, sie anzuwenden und weiterzuentwickeln. Entsprechend ist die Teilhabe an technologischer Wertschöpfung und kreativer Bildung der entscheidende Zugang zu Vermögen.

Auch die Dekarbonisierung stellt einen ähnlich grundlegenden Wandel in der Wirtschaft dar, da die Fragen von Ressourcenverbrauch und Produktion neu beantwortet werden müssen.

Fossile Produktionsweisen werden entwertet, saubere dagegen aufgewertet. Der Klimawandel erzeugt zwar kein neues Vermögen, aber er führt zu einer gesellschaftlichen Neubewertung natürlicher Ressourcen. Zugleich werden neue Technologien entwickelt, die in Relation zu den alten an Wert gewinnen. Schließlich hat die Demographie einen wichtigen Einfluss auf die Entscheidungen von Vermögensbildung und Investition. Dabei wirkt Demographie über verschiedene Kanäle auf die Vermögensbildung einer Gesellschaft. Ein Wirkungskanal ist zum Beispiel die Innovationsfähigkeit, die bei älteren Gesellschaften oftmals geringer ist. Um den erreichten Besitzstand zu wahren, steigt mit zunehmendem Alter die Risikoaversion, mit der Folge einer geringeren Innovationsdynamik, was wiederum das Wachstum der Volkswirtschaft bremst.

Die Donner & Reuschel Studienreihe „Standpunkte“ wird in Kooperation mit dem HWWI erstellt und legt ihren Fokus auf die besonders relevanten – jedoch oft unterrepräsentierten – Aspekte des Wandels. Die erste Studie widmet sich in fünf Teilen dem Begriff des Vermögens in all seinen Formen und Facetten. Die ausführlichen Ergebnisse der Studienreihe finden Sie unter www.donner-reuschel.de/verantwortung/




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