Droht der Börsen-Crash im Herbst?

Joseph V. Amato, Chief Investment Officer Equities bei Neuberger Berman

Joseph V. Amato, Chief Investment Officer Equities beim US-amerikanischen Vermögensverwalter Neuberger Berman, warnt vor einem ereignisreichen Herbst, der die Aktienmärkte zum Einsturz bringen könnte.

Die Zahlen liegen vor: Die US-Wirtschaft war seit Beginn der Erhebungen noch nie so schwach wie im 2. Quartal 2020. Und doch stiegen S&P 500 und Nasdaq auf neue Hochs. Mittlerweile hat der Nasdaq seit Jahresbeginn um etwa ein Drittel zugelegt. Als die Kurse letzte Woche dann fielen, fragten sich die Anleger, ob sich der Markt jetzt wieder an den wirtschaftlichen Realitäten orientiert – oder folgt die Wirtschaft vielleicht dem Markt?

Geschichte wiederholt sich – oft 

Die Vergangenheit könnte durchaus zur Vorsicht mahnen. September und Oktober waren oft die schwächsten Monate für US-Aktien. Auch wenn der S&P 500 seit 1900 in keinem Monat stärker gefallen ist als im November 1929 und im April 1932, waren zweistellige Verluste am häufigsten im Oktober zu beobachten, gefolgt vom September. In 8 von 121 Jahren verloren Aktien im Oktober 10 Prozent und mehr und seit 1900 büßten sie durchschnittlich 0,29 Prozent ein. Die schlimmsten Tage der Finanzkrise 2008/2009, der Schwarze Montag 1987 und die Bankenkrise 1907 – alle fielen in den Oktober.

Tatsächlich ist der Herbst für die Finanzmärkte keine einfache Zeit – und 2020 könnte das erst recht so sein.

Noch wissen wir nicht, wie die Wahlen in den USA ausgehen, aber schon jetzt könnte die amerikanische Politik die Märkte irritieren. Bei den Verhandlungen über ein neues Konjunkturpaket liegen Demokraten und Republikaner noch etwa 1 Billion US-Dollar auseinander, sodass vielleicht keine Einigung gelingt. Am Monatsende droht ein Verwaltungsstillstand der Regierung, ein sogenannter Government Shutdown. Das macht die Lage nicht einfacher und könnte für neuen Streit sorgen.

In Japan wiederum ist nach der langen Zeit der Stabilität und des Fortschritts unter Premierminister Shinzō Abe unklar, wer jetzt die Führung übernimmt. Und in Europa ist es alles andere als sicher, ob sich Großbritannien und die EU bis Ende Oktober auf eine Neuregelung ihrer Beziehungen nach dem Brexit verständigen. Die schwierigen Themen heißen Subventionen, einheitliche Regulierungen und Fischereirechte.

Langfristige Folgen

Zusätzlich sollten wir auch nicht vergessen, dass das Coronavirus noch nicht besiegt ist. Der Sommer brachte bereits eine zweite Infektionswelle, als die Shutdowns gelockert wurden. Die nächsten Risiken liegen auf der Hand: das Ende der Sommerferien an den amerikanischen Schulen und Universitäten, die Rückkehr weiterer Menschen in ihre Büros, kälteres Wetter und Familienbesuche – insbesondere in den USA zu Thanksgiving am 26. November – sowie zu Weihnachten. Andererseits wissen Wirtschaft und Märkte die Fortschritte bei der Entwicklung von Impfstoffen und Coronatherapien durchaus zu schätzen.

Erschwert wird die Coronakrise dadurch, dass das Kurzarbeitergeld ausläuft und die gravierenden langfristigen Folgen von Covid-19 für den Arbeitsmarkt immer deutlicher werden. Es ist mehr als ein vorübergehender Schock, wie die anhaltend vielen Erstanträge auf Arbeitslosengeld in den USA und die jüngste Konsumzurückhaltung selbst bei Lebensmitteln und anderen Basisgütern zeigen.

Ereignisreiche Zeit

Vielleicht bleibt deshalb nicht mehr viel Zeit, um sich über den besten August des S&P 500 seit 1984 zu freuen, der um 7 Prozent zulegte. Doch der Ausverkauf letzte Woche ist vielleicht der erste Vorbote für einen unruhigen Herbst.

Dabei lassen sich durchaus Argumente für die hohen Kurse finden. Sobald ein Impfstoff existiert, könnte sich die Weltwirtschaft rasch erholen und die Notenbanken dürften noch länger auf eine expansive Geldpolitik setzen. Auch der schwache US-Dollar ist günstig, vor allem für die Märkte außerhalb der USA.

An der Spitze der Kursrallye standen große Technologiewerte, die von Langfristtrends profitieren. Wenn überhaupt, wurden diese Trends durch den Wechsel ins Homeoffice und die verstärkten Onlinekäufe forciert. Die Bewertungen sind heute allerdings nicht so verrückt wie zu Zeiten der Dotcom-Blase vor 20 Jahren: Microsoft mag jetzt zum 35-Fachen der für das nächste Jahr erwarteten Gewinne gehandelt werden, aber 1999 und 2000 betrug das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) etwa 65. Das KGV von Cisco Systems, einem Highflyer jener Tage, war damals sogar auf fast 130 gestiegen.

Welche Aktien besonders teuer sind

Und doch scheinen manche Aktien teuer, vor allem die von den Bullen bevorzugten Einzelhandelstitel. Institutionelle Investoren scheinen Umfragen zufolge zwar recht konservativ positioniert zu sein, aber vor allem für Hedgefonds gilt das nicht unbedingt.

Anleger sollten auch nicht vergessen, dass die großen Technologieunternehmen, deren Aktien in der letzten Woche so stark einbrachen, von Demokraten und Republikanern gleichermaßen jetzt zu Sündeböcken erklärt wurden. Der Vorsitzende des Unterausschusses für Kartell-, Handels und Verwaltungsrecht im US-Repräsentantenhaus deutete an, dass man nächsten Monat die Ergebnisse zur dominierenden Marktstellung von Amazon, Apple, Facebook und Google vorlegen wolle – ein weiterer Stolperstein für die Märkte in diesem Herbst.

All dies könnte erklären, weshalb die CBOE-Volatilitätsindizes des S&P 500 und der Nasdaq trotz der neuen Kurshochs ebenfalls gestiegen sind. Die Investoren scheinen sich in den nächsten Wochen gegen Volatilität absichern zu wollen. Den Märkten steht vielleicht kein Absturz bevor, aber der Herbst steht uns bevor – und es wird ein ereignisreicher Herbst.




Nachricht an die Redaktion

Hier können Sie uns einen Kommentar zu dem Artikel zukommen lassen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

[honeypot your-name]

Bei unseren Lesern momentan beliebt