„Euro hat Potenzial von 1,20 US-Dollar“

Tobias Frei, Senior Portfolio Manager bei Bantleon

Der Merkel-Macron-Plan für einen schuldenfinanzierten Coronavirus-Hilfsfonds, den die EU-Kommission auf ein Volumen von 750 Mrd. Euro aufgestockt hat, verlieh dem Euro an neun aufeinanderfolgenden Tagen Flügel, sodass dieser um fast 5% gegenüber dem US-Dollar aufwertete. Ein Kommentar von Tobias Frei, Senior Portfolio Manager des Asset Managers Bantleon.

Zusammen mit den bestehenden Programmen (SURE, ESM) und den Anleihenkäufen der EZB, welche das PEPP-Volumen in der vergangenen Woche um 600 Mrd. Euro erhöhten, wurden in erheblichem Maß Extremrisiken wie eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit Italiens vorübergehend beseitigt. Gleichzeitig könnte durch die von der EU zu begebenden Anleihen ein liquider Markt hochqualitativer Anleihen entstehen und so ein großer Nachteil des Euros gegenüber dem US-Dollar als Reservewährung beseitigt werden.

Die jüngste Aufwärtsbewegung – die längste seit dem Jahr 2004 – in Richtung der Marke von 1,20 EUR/USD fortzuschreiben, scheint jedoch verfrüht. Einerseits sind kurzfristig orientierte Anleger bereits in hohem Maß im Euro investiert, andererseits ist die Einigung auf den Wiederaufbaufonds anlässlich des EU-Gipfels vom 18. bis zum 20. Juni aufgrund der Forderungen der »Sparsamen Vier« (Österreich, Niederlande, Schweden und Dänemark) wahrscheinlich nur möglich, wenn Deutschland zu weiteren Zugeständnissen bereit ist. Die Wichtigkeit dieser Entscheidung lässt sich bemessen, wenn man die Dimension der Risiken beachtet, welche internationale Anleger mit dem Euro verbinden. Der Gleichlauf zwischen EUR/USD und dem europäischen Bankenindex ist hierfür ein gutes Maß.

Bekanntermaßen ist der US-Dollar als sicherer Hafen negativ zum Zustand der Weltwirtschaft korreliert. Der Strom von nicht endenden Fiskalmaßnahmen, der expansive Kurs der Zentralbanken und die positiven Nachrichten zum Kampf gegen das Coronavirus lassen die Investoren an eine schnellere Gesundung der Wirtschaft glauben, und so wertete der US-Dollar auch gegenüber einem breiten Währungskorb ab. Politische Krisen wie der Streit zwischen China und den USA sowie die Möglichkeit einer zweiten Welle des Coronavirus werden Investoren jedoch davon abhalten, dem US-Dollar stärker den Rücken zu kehren, auch wenn dieser mittlerweile seinen Zinsvorteil verloren hat und als überbewertet gilt. Daher ist für die nächsten zwei bis drei Monate eine Konsolidierung des Wechselkurses EUR/USD im Bereich zwischen 1,10 und 1,15 zu erwarten.

Sollte beim EU-Gipfel nächste Woche der Plan der EU-Kommission unverändert umgesetzt werden, dann wäre kurzfristig mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Mittelfristig wird für die Eurozone entscheidend sein, ob sich der politische Wille zu einer stärkeren Zusammenarbeit bei der Fiskalpolitik als nachhaltig erweist. Sollte dies der Fall sein, werden internationale Investoren beginnen, strukturelle Untergewichte aufzuheben. Der Euro dürfte in diesem Fall in Richtung 1,20 EUR/USD vorstoßen.




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