„Go West“ – Internationalisierung als Antwort auf die Japanisierung

Philipp Brugger, Union Investment

In den vergangenen Tagen kündigten die ersten Banken an, Negativzinsen auch an Kleinsparer weiterzugeben. Das Medienecho dieser Meldung hallt noch immer nach und Anleger fürchten um ihr Erspartes. Höchste Zeit zu handeln! Der Mut zu mehr Risiko und eine Internationalisierung der Geldanlage kann Abhilfe schaffen.

Negativzinsumfeld wird noch lange Bestand haben und verlangt nach Lösungen

Die Finanzwelt schaut immer wieder nach Japan. Das Land der aufgehenden Sonne ist für viele Investoren ein wichtiger „Trendsetter“. Diesmal allerdings weniger ruhmreich als noch beim Walkman von Sony oder dem Hybridantrieb von Toyota. Japan ist für den Euroraum vielmehr eine Blaupause, weil Anleger dort bereits seit 20 Jahren gezwungen sind, sich mit dem Niedrigzinsumfeld auseinander zu setzen. Anfangs war die Hoffnung noch groß, dass es sich bei den niedrigen Renditen im gemeinsamen Währungsraum nur um eine Momentaufnahme handeln würde. Sobald sich die Wirtschaft stabilisieren würde, hieß es, sei mit höheren Leitzinsen seitens der Europäischen Zentralbank zu rechnen. Doch weit gefehlt, zwar fiel das Wachstum 2017 recht ordentlich aus, eine Normalisierung der Geldpolitik blieb jedoch aus und es kam daher auch nicht zu höheren Renditen. Schaut man sich die Parallelen zwischen Nippon und Europa genauer an, dann spricht viel dafür, dass uns das Negativzinsumfeld noch eine Weile begleiten wird. Der Druck auf Anleger wächst also, weil sie schon in den vergangenen Jahren unter Umständen einen Kaufkraftverlust ihrer Ersparnisse hinnehmen mussten.

Anleger müssen mehr Risiko wagen

Wie haben japanische Anleger in den letzten zwei Jahrzehnten reagiert? Welche Lehren lassen sich aus ihrem Verhalten ziehen? Die Lösung ist weder neu noch sonderlich innovativ. Es gilt vor allem zwei Dinge zu beherzigen: Mehr Risiko wagen und zugleich auf Internationalisierung setzen. Auf der Rentenseite betrifft das Negativzins-Dilemma auch unsere europäischen Nachbarn. Selbst die Staatspapiere der einstigen Krisenstaaten Spanien und Portugal rentieren bis zu einer Laufzeit von fünf Jahren im negativen Terrain. Auch bonitätsstarke europäische Unternehmen finanzieren sich inzwischen um die Nulllinie. Der Blick muss also über den europäischen Tellerrand hinausgehen. So hat eine historische Auswertung von uns gezeigt, dass es insbesondere für Unternehmensanleihen und Anleihen aus Schwellenländern Internationalisierungsvorteile gibt. Auch mit US-amerikanischen Staatsanleihen lassen sich im Rahmen einer Internationalisierungsstrategie Diversifikationsvorteile erzielen. Da die Rentenmärkte insgesamt aber zu stark „japanisiert“ sind, sollten Investoren grundsätzlich über eine Erhöhung der Aktienquote nachdenken.

Beimischung von US-Aktien erhöht die Rendite

Ein international breit diversifiziertes Aktienportfolio erzielt ein besseres Verhältnis von Rendite und Risiko als eine rein am deutschen bzw. europäischen „Heimatmarkt“ ausgerichtete Strategie. Unsere Untersuchung hat ergeben, dass insbesondere dem US-Aktienmarkt eine hohe Aufmerksamkeit zukommen sollte. Nach Börsenumsatz und Anlagevolumen ist es der mit Abstand größte Markt der Welt. So haben US-Titel einen Anteil von 62 Prozent am MSCI World Index. Zum Vergleich: Auf Papiere aus dem Euroraum entfallen lediglich elf Prozent. Während der MSCI Europe, der die Entwicklung von rund 450 Werten aus 15 europäischen Ländern abbildet, seit 2003 eine jährliche Rendite von 8,0 Prozent generierte, erreichte eine währungsgesicherte Anlage im MSCI World eine Rendite von 8,8 Prozent. Dabei ging die bessere Wertentwicklung sogar mit einer geringeren Schwankungsbreite (Volatilität) einher.

US-Unternehmen mit Wettbewerbsvorteilen

Für eine stärkere strukturelle Berücksichtigung von US-Aktien sprechen auch eine Reihe von fundamentalen Gründen. Blickt man etwa auf die Gewinnmargen, haben US-Konzerne ihre europäischen Pendants schon vor Jahrzehnten abgehängt. Seit 1981 gab es nur wenige kurze Phasen, in denen europäische Unternehmen profitabler waren. Neben einem strengeren Arbeitsrecht und einer höheren Regulierung in Europa ergeben sich die Unterschiede vor allem in der Branchenzusammensetzung. Die zukunftsträchtige Informationstechnologie hat das größte Gewicht am US-Markt und erzielt zugleich auch die höchsten Gewinnmargen. US-Firmen sind zudem weniger auf den Export angewiesen, da sie den Großteil ihrer Umsätze am Heimatmarkt erzielen. Europäische Unternehmen sind hingegen wesentlich stärker vom globalen Handel und vom Zyklus der Weltkonjunktur abhängig.

Darüber hinaus gibt es noch weitere Vorteile, die US-Firmen einen Vorsprung gegenüber ihrer ausländischen Konkurrenz verschaffen. Sie sind vor allem wesentlich wettbewerbsfähiger. Einer Studie des World Economic Forum zufolge rangieren die USA anhand von über 100 Indikatoren auf Rang zwei unter rund 140 untersuchten Volkswirtschaften. Voraussetzung für eine hohe Profitabilität, eine enge Kundenbindung und ein überdurchschnittliches Gewinnwachstum ist auch eine starke Marke. 49 der 100 bekanntesten weltweiten Marken stammen gemäß einer Untersuchung der Marketingberatung Interbrand demnach aus den USA.

Den Nachteilen im Euroraum stehen Vorteile in anderen Wirtschaftsräumen gegenüber

Fest steht: Das Negativzinsumfeld verändert die Statik der Kapitalmärkte und dürfte uns noch eine Weile erhalten bleiben. Was zunächst als vorrübergehende Episode interpretiert wurde, verfestigt sich zum Langzeitzustand. Eine Internationalisierung der Anlagen, sowohl auf der Aktien- als auch Anleiheseite, ist zwar keine neue Idee, in Zeiten der Nullzinsen aber als strukturelle Antwort auf ein „Japan-Szenario“ wichtiger denn je. Auf der Aktienseite sind dies derzeit ganz klar US-Werte. Auf der Rentenseite bieten insbesondere Unternehmensanleihen und Anleihen aus Schwellenländer Vorteile. Doch neben „mehr Internationalisierung“ muss es auch ganz klar heißen „mehr Aktien“. Denn ohne eine Erhöhung der Quote wiegen die Vorteile des Schrittes ins Ausland die Nachteile der globalen Renditeklemme nicht auf.

Philipp Brugger ist Investmentstratege bei Union Investment.




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