Hält die Fed eine weitere Überraschung bereit?

Lidia Treiber, Director, Research, WisdomTree

Die US-Notenbank (Fed) hat während der aktuellen Covid-19-Krise beispiellose Maßnahmen ergriffen, aber viele Marktteilnehmer fragen sich derzeit, ob sie noch einen Schritt weiter gehen und sich auf ein Zinskurvenmanagement – neben kurzfristigen sollen auch die längerfristigen Zinsen gesteuert werden – einlassen könnte. Ein Kommentar von Lidia Treiber, Director, Research, WisdomTree

Das veröffentlichte Protokoll der letzten Sitzung des Federal Open Market Committee (FOMC) zeigte, dass FOMC-Mitglieder im Allgemeinen datenbasierte Vorwärtsführungsmethoden unterstützen, aber weiterhin die Machbarkeit der Zinskurvenkontrolle (YCC, Yield Curve Control) in Frage stellen.

Obwohl YCC Vorteile bietet, kann man die erheblichen Auswirkungen auf die Kosten nicht ignorieren. Es ist wahrscheinlich, dass die Fed zusammen mit anderen Zentralbanken die Auswirkungen sehr sorgfältig untersucht, bevor sie entscheidet, ein solches Instrument einzusetzen.

Die Bank of Japan (BoJ) hat bereits 2016 erste Schritte gesetzt, YCC als politisches Instrument einzusetzen, um signifikante Zinssenkungen zu vermeiden. Nachdem sich die Leitzinsen im Januar 2016 in den negativen Bereich bewegt hatten, zeigte die Renditekurve für japanische Staatsanleihen (JGB) eine Abwärtsverschiebung über die gesamte Kurve, wobei 10-jährige JGBs -0,12 Prozent und 30-jährige JGBs im Juni 2016 0,32 Prozent boten. Dies führte schließlich dazu, dass die BoJ YCC als politisches Instrument einführte, das eine Zielrendite von 0 Prozent für 10-jährige Staatsanleihen und -0,1 Prozent am kurzen Ende der Renditekurve vorsah.

Als politisches Werkzeug trug YCC dazu bei, die Zinssätze zu senken, zu denen Unternehmen Kredite aufnehmen konnten, da die JGB-Renditen im Wesentlichen auf niedrigeren Niveaus verankert waren. Der BoJ ist ein erfolgreicher Einsatz von YCC in gewissem Maße gelungen. Allerdings ist die Größe des japanischen Marktes für Staatsanleihen erheblich kleiner als die Größe des US-Finanzmarkts, was YCC für die Fed über einen längeren Zeitraum zu einem schwierigeren Instrument macht.

Die Verankerung der Renditen von Staatsanleihen auf niedrigeren Niveaus könnte dazu führen, dass Anleger anderswo nach höheren Renditen streben. Bei festverzinslichen Wertpapieren besteht ein Risiko- und Ertrags-Kompromiss, bei dem höhere Renditen die Anleger für die mit einer bestimmten Anlage verbundenen größeren Risiken entschädigen. Eine der unbeabsichtigten Folgen von YCC oder anderen politischen Instrumenten, die darauf abzielen, die Renditen von Staatsanleihen niedrig zu halten, könnte daher sein, dass Anleger einen größeren Teil ihres Portfolios risikoreicheren Vermögenswerten zuweisen, um bestimmte Renditeziele zu erreichen.

Eine höhere Nachfrage nach Kreditrisiken hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass die Kreditspreads gesunken sind und Unternehmen auf den Primärmärkten Kredite zu niedrigeren Zinssätzen aufnehmen konnten. Im Jahr 2019 zeigten die Anleger eine starke Nachfrage nach Engagements in Unternehmensanleihen, was die Kreditspreads für Investment-Grade-Anleihen und High-Yield-Anleihen senkte. Dies führte dazu, dass beide Anlageklassen zweistellige Gesamtrenditen erzielten.

Eine der wichtigsten Konsequenzen, die die Fed bei der Diskussionen rund um YCC wahrscheinlich berücksichtigen wird, ist, dass eine Begrenzung der Renditen die wertvollen Informationen beeinflusst, die Anleger von einem Markt für frei gehandelte Anleihen erhalten. So haben die Anleger bereits heftige Kritik an den Auswirkungen der quantitativen Lockerung auf die Renditen von Staatsanleihen und die Form der Zinsstrukturkurve geübt. Zwar beeinflussen auch andere derzeit verwendete politische Instrumente die Renditen von Staatsanleihen, doch kann der Anleihemarkt nach wie vor so funktionieren, dass die Fed und die Anleger nützliche Informationen über die Finanzlage erhalten. Daher wird jedes von der Fed neu eingeführte Politikinstrument, wahrscheinlich zumindest Möglichkeiten in Betracht ziehen, diese Unabhängigkeit aufrechtzuerhalten.

Angesichts des bereits genutzten Forward Guidance Tools (Kommunikation der künftigen geldpolitischen Absichten) ist die Notwendigkeit eines Einsatzes von Front-End-YCC ein sehr umstrittenes Thema. Zwar ist die Debatte unter den FOMC-Mitgliedern noch nicht vom Tisch, jedoch deutet der Ton auf die Möglichkeit, dass YCC unter Umständen kurzfristig nicht das wünschenswerteste strategische Instrument ist.




Nachricht an die Redaktion

Hier können Sie uns einen Kommentar zu dem Artikel zukommen lassen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

[honeypot additional-name-406]]

Bei unseren Lesern momentan beliebt