HV-Saison: Eine kritische Rede kann etwas bewegen

Janne Werning, Union Investment

Viele Unternehmen verschieben aufgrund der Coronavirus-Krise ihre Hauptversammlungen. Stattfinden werden sie aber auf jeden Fall. Welche Themen in diesem Jahr relevant sind, welche Rolle aktive Investoren im Dialog mit den Firmen spielen und wie sie sich für ihre Anleger einsetzen, erklärt Janne Werning von Union Investment.

Mit der weltweiten Ausbreitung des Virus SARS-CoV-2 gehen in erster Linie menschliche Schicksale einher. Zugleich sorgt die Corona-Krise nicht nur für Turbulenzen an den Finanzmärkten und führt zu einem Wirtschaftseinbruch. Sie wirbelt auch die Pläne der Unternehmen für ihre Hauptversammlungen durcheinander. Einige Konzerne haben bereits die Verschiebung ihrer Veranstaltung angekündigt. Das Deutsche Aktieninstitut fordert, die Versammlungen in dieser Saison ohne die im Aktiengesetz vorgeschriebene physische Anwesenheit von Aktionären zu ermöglichen. So kann die Handlungsfähigkeit der Konzerne durch die auf den Treffen gefassten Beschlüsse erhalten werden.

Gerade in der Krise ist die Kommunikation zwischen Aktionären und Firmen immens wichtig. Dazu gehören beispielsweise die Vorstellung eines transparenten Maßnahmenkatalogs zur Krisenbewältigung oder Mitteilungen zu Dividendenstreichungen.

Unternehmen sollten zukunftsfähig und transparent aufgestellt sein. Hier kommen aktive Vermögensverwalter wie Union Investment ins Spiel: Sie haben die Aufgabe, die ihnen anvertrauten Vermögenswerte verantwortungsvoll anzulegen und aktiv zu betreuen mit dem Ziel einer nachhaltigen, langfristigen Wertschöpfung für den Kunden. Dazu gehört der konstruktive Dialog mit den Unternehmen und die zielgerichtete Ausübung von Aktionärsrechten. Auch in Zeiten, in denen es turbulent an den Kapitalmärkten zugeht, sollte man die grundsätzliche Verantwortung und das Risikomanagement der Konzerne im Blick behalten.

Über 4.000 Gespräche mit Unternehmen zur Strategie und Nachhaltigkeit

Möglich ist dies neben der Auswertung fundamentaler Daten über den Dialog mit den Unternehmen. Durch die Interaktion können aktive Vermögensverwalter gründlich analysieren und zugleich als Investor Einfluss auf die Firmen nehmen.

Dazu führt etwa das Portfoliomanagement von Union Investment pro Jahr rund 4.000 Gespräche mit Unternehmensvertretern, davon über 500 zu Nachhaltigkeitsthemen. Hier geht es im Kern um die Zukunftsfähigkeit der Konzerne, um Transparenz und immer stärker um Fragen des Klimaschutzes. So können Investoren Einfluss auf die Firmen nehmen, diese können reagieren und ihr Risikomanagement verbessern.

Natürlich zeigen nicht alle Dialoge kurzfristig messbare Erfolgen. Sie wirken eher langfristig. Ein positives Beispiel ist die starke Verbesserung der Corporate Governance von SAP oder die Stärkung der menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten von Daimler und BMW. Mit der zunehmenden Elektrifizierung der Fahrzeuge gehen in der Branche mittlerweile auch neue soziale Risiken einher. Zum Beispiel bei den Zulieferern der Autobauer, etwa bei der Kobaltgewinnung in der Republik Kongo. Hier hat Union Investment die Einhaltung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten in der Lieferkette angemahnt. Das haben die Konzerne im Anschluss umgesetzt. Daimler zum Beispiel hat verpflichtende Menschenrechtsstandards und Audits in die Lieferantenverträge aufgenommen.

Die kritische Rede auf der Hauptversammlung kann etwas bewegen

Die Speerspitze des aktiven Engagements sind die Reden auf den Hauptversammlungen (HV). Die HV-Saison beginnt normalerweise im Frühjahr Fahrt aufzunehmen. Dieses Jahr verschieben die Konzerne wegen der Corona-Pandemie die Versammlung aller Aktionäre oder sie führen sie virtuell durch.

Die Rede auf der Hauptversammlung ist nicht zu unterschätzen: Die dort adressierten Themen entfalten eine Hebelwirkung. Der Druck auf die Unternehmen, den Forderungen nachzukommen, erhöht sich durch die Öffentlichkeit. Mit einer kritischen Rede können Investoren etwas erreichen, das zeigte etwa die Bayer-Hauptversammlung im vergangenen Jahr.

Teppich aus toten Bienen und turbulente Ausblicke

Das Unternehmen wurde bereits im Vorfeld wegen der Übernahme des umstrittenen Pflanzenschutzmittelherstellers Monsanto kritisiert. Vor der Halle war eine aufgeheizte Stimmung. Demonstranten hatten einen Teppich aus toten Bienen ausgelegt. Nach den ersten kritischen Worten der Rede von Union Investment fingen die Anwesenden plötzlich an zu klatschen. Dem Vorstandsvorsitzenden von Bayer wurde am Ende die Entlastung verweigert.

In diesem Jahr dürfte es wieder turbulent zugehen. Immer noch sind die Risiken der Monsanto-Übernahme und die Glyphosat-Klagewelle Thema. Allgemein dominieren bei allen Hauptversammlungen Aspekte wie Klimawandel, Vorstandsvergütung und die Besetzung des Aufsichtsrates. Die „Fridays for Future“–Bewegung wird sich weiter stark einmischen und damit die Klimadebatte intensivieren. Das begrüßt Union Investment ausdrücklich. Auch für Anleger dürfte es also wieder spannend werden – ob virtuell oder vor Ort.




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