Konflikt, Terror und Markt

Terrorismus gilt als größte Herausforderung für offene Gesellschaften und möchte unseren Alltag beeinflussen. Ein Blick nach Israel verrät, wie sich die Märkte eines Landes verhalten, in dem der Terror seit Jahrzehnten Alltag ist.

Sie untersuchen in Ihren Forschungsarbeiten die Effekte von Terrorismus auf Märkte. Wo zeigt der Terror seine Auswirkungen?

Dr. Zussman: Wir haben aus der israelischen Perspektive zunächst die zwei relevantesten Vermögensmärkte analysiert, Aktien- und Devisenmärkte. Aber natürlich kann auch der Arbeitsmarkt betroffen sein. Durch zunehmende Gewalt kann es etwa zum Anstieg von Arbeitslosigkeit kommen. Der touristische Dienstleistungsmarkt wird beeinflusst, wie viele empirische Studien beweisen. Dies gilt besonders für Israel, was die letzten Jahrzehnte immer wieder gezeigt haben. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Fall der Immobilienmarkt. Die Preise für Grundvermögen fallen in den Regionen besonders stark, wo auch die Gefahr von Terrorismus signifikant höher ist. Es sind also viele Märkte betroffen, aber in unterschiedlichem Ausmaß.

Welche Märkte reagieren am anfälligsten?

Dr. Zussman: Hier ist es wichtig, sich die einzelnen Märkte gesondert anzuschauen. Unterschieden werden kann zwischen den klassischen Vermögensmärkten, die Aktien-, Zinsen-, Devisen- oder Immobilienmärkte umfassen, und beispielsweise dem bereits erwähnten Dienstleistungsmarkt im Tourismussektor sowie dem Arbeitsmarkt. Der Tourismus ist erfahrungsgemäß stark betroffen. Nimmt die Gewalt durch schwere Anschläge zu, bleiben die Touristen weg und die Hotelbuchungen gehen folglich zurück. Während der zweiten Intifada, als ein besonders schwerwiegendes Ereignis der letzten Jahrzehnte, fiel das Bruttoinlandsprodukt Israels deutlich und es kam zu einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen. Zu diesem Zeitpunkt waren auch die Aktienmärkte beeinträchtigt.

Es ist also eine Frage der Intensität?

Dr. Zussman: Die Auswirkungen sind immer abhängig vom jeweiligen Szenario. Einige Angriffe sind unbedeutender, größere Ereignisse wie die Intifada haben stärkere Folgen. Vor dem Hintergrund unserer Studien, die den Zeitraum von 1988 bis 2005 untersuchen, verbunden mit unseren neueren Untersuchungen zum 2005 bis 2016, kommen wir zu einigen interessanten Erkenntnissen. Wir konnten herausfinden, dass der negative Effekt des Terrorismus auf die Märkte abgenommen hat. Das lässt sich damit erklären, dass die Israelis mittlerweile von Angriffen, wie den Beschuss mit Raketen aus dem Gazastreifen oder dem Libanon, weniger überrascht sind und diese teils sogar erwarten. Die zweite Intifada kam im Jahr 2000 weitestgehend unerwartet und forderte zudem viele Opfer. Kleinere Angriffe scheinen heute keinerlei Auswirkungen mehr zu haben, während größere Konfliktsituationen die wirtschaftliche Lage durchaus stark beeinträchtigen können. Dies hängt wiederum von der Länge sowie den Mitteln der militärischen Konfrontation ab.

Sie erwähnten Ihre Langzeitstudien. Können Sie erläutern, zu welchen weiteren Schlussfolgerungen Sie durch Ihre Untersuchungen kamen?

Dr. Zussman: Wir untersuchten mithilfe eines ökonometrischen Verfahrens relevante Wendepunkte an den Vermögensmärkten, allen voran schauten wir auf die Entwicklungen am Aktienmarkt. In einem „blinden“ Analyseverfahren arbeiteten wir die maßgeblichen Trendwechsel in den Kurscharts heraus, sammelten die Daten und überprüften diese auf politische und ökonomische Ereignisse. Tatsächlich korrelierten viele dieser einschneidenden Trendwechsel mit Geschehnissen von großer Tragweite wie etwa der Intifada, dem Osloer Abkommen, unerwarteten Wahlresultaten oder dem Tod von Politikern wie Ariel Sharon. Die Haupterkenntnis war, dass die Vermögensmärkte negativ auf die Eskalation der Gewalt reagierten und positive Reaktionen auf Friedensinitiativen zeigten.  Dies mag trivial klingen, wurde allerdings zuvor noch nie so klar dargestellt. In unserer Folgestudie fanden wir heraus, dass der Einfluss des israelisch-palästinensischen Konflikts auf die Vermögensmärkte abnahm, trotz einiger Großereignisse wie dem Erfolg der Hamas im Gaza. Heute dominieren vielmehr politische Nachrichten außerhalb des Konflikts sowie ökonomische Trends im globalen Maßstab die Entwicklung an den israelischen Märkten.

Die Menschen haben sich an den Konflikt gewöhnt, die Aktienmärkte somit auch?

Dr. Zussman: Richtig. In unserer aktuellen Studie haben wir auch Meinungsumfragen berücksichtigt, die zeigen, dass nur noch ein kleiner Teil der Israelis eine schnelle Lösung im Konflikt für realistisch hält. Die Hoffnungen auf Frieden sind gering, der Pessimismus dagegen groß. Investoren mit ihren Erwartungshaltungen sind davon natürlich nicht ausgenommen.

Sie sprechen in Ihrer Studie von 2006 davon, dass es zu diesem Zeitpunkt noch keine Analysen gab, die untersuchten, ob Unternehmen auch von einer Verschlechterung der Sicherheitslage profitieren könnten. Gibt es dazu neue Forschungsergebnisse?

Dr. Zussman: Professor Dr. Esteban Klor, Leiter des Instituts für Wirtschaft an der Hebräischen Universität von Jerusalem, fand im Jahr 2010 heraus, dass insbesondere die Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie von der Situation profitiert. So stiegen die Unternehmensgewinne in diesem Sektor durch den Terrorismus um sieben Prozent, während Unternehmen aus anderen Branchen bis zu fünf Prozent niedrigere Gewinne auswiesen. Dieser Industriezweig entwickelte sich aus der Notwendigkeit der Sicherheitslage heraus, schlägt allerdings nur als ein kleiner Faktor in der israelischen Volkwirtschaft zu Buche. Im Falle eines Konflikts wie der Intifada würde die Wirtschaft insgesamt eher geschädigt.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 reagierten die US-amerikanischen Finanzbehörden und politischen Verantwortlichen auf die Anschläge, indem sie beispielsweise Haftungsgarantien gaben und die Zinsen senkten.

Dr. Zussman: Die israelische Regierung hat im Wesentlichen zwei Instrumente zur Verfügung: Fiskalpolitik und Geldpolitik. Diese werden im Falle erschlaffender Marktkonjunktur von der  Regierung und der Zentralbank situationsabhängig eingesetzt. Die wirtschaftlichen Turbulenzen während der zweiten Intifada haben die Verantwortlichen veranlasst, Maßnahmen zu ergreifen, um den Markt zu stabilisieren. Allerdings war dies seit dieser Zeit nicht mehr notwendig, da die Sicherheitslage in den letzten Jahren keine nennenswerten ökonomischen Krisen hervorrufen konnte. //




Nachricht an die Redaktion

Hier können Sie uns einen Kommentar zu dem Artikel zukommen lassen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

]

Bei unseren Lesern momentan beliebt