“Liquidität ist ein sehr hohes Gut“

Adrian Daniel, MainFirst

Adrian Daniel ist Portfoliomanager des MainFirst Absolute Return Multi Asset, MainFirst Global Equities Fund sowie des MainFirst Global Equities Unconstrained Fund. Cash. befragte ihn zu den Perspektiven von Mischfonds und etwaigen Strategieänderungen.

Angesichts der Coronakrise spielt die Welt verrückt. Das gilt auch für die Kapitalmärkte, die nach einem anfänglichen Ausverkauf hochvolatil bleiben. Wie bewerten Sie die gegenwärtige Lage an den Märkten?

Daniel: Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es noch nie so viele Extreme, die gleichzeitig auf die Bewertung einer Kapitalanlage Einfluss nehmen. Die realwirtschaftlichen Einbußen durch den Lockdown im zweiten Quartal werden den Bruttoinlandsprodukt (BIP)-Rückgang vergangener Rezessionen bei Weitem übersteigen. Dies wird auch durch historische Tiefstände regionaler Frühindikatoren wie zum Beispiel dem IFO-Geschäftsklimaindex, welcher zuletzt auf 74,3 Punkte abgestürzt ist, bestätigt. Dem gegenüber stehen jedoch geldpolitische und fiskalische Stützungsmaßnahmen in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Allein die angekündigten Anleiheaufkaufprogramm der G7-Staaten dürften sich aktuell auf ein Volumen von circa 1400 Milliarden US-Dollar pro Monat belaufen. Dazu kommen Darlehen, Garantien oder Steuersenkungen seitens der Fiskalpolitik, welche je nach Region mehr als einen zweistelligen Prozentsatz des BIP betragen. Daher ist die aktuelle Situation auch kaum mit vorangegangenen Konjunktureinbrüchen wie etwa der globalen Finanzkrise 2008/2009 vergleichbar. Aus unserer Sicht handelt es sich vielmehr um einen exogenen Schock für die Wirtschaft, welcher disruptive Veränderungen hinterlässt. Daher bedarf es aus Anlegersicht vielfach einer Neubewertung und erfordert ein aktives Portfoliomanagement.

Was bedeutet die gegenwärtige Gemengelage für die Positionierung Ihres Mischfonds?

Daniel: Interessanterweise haben wir durch die Coronakrise in vielerlei Hinsicht eine Bestätigung für unsere langfristige Ausrichtung des MainFirst Absolute Return Multi Asset erhalten. Unser Fokus auf strukturelle Wachstumstrends hat uns zum Beispiel davor bewahrt, im Öl- bzw. Gassektor engagiert zu sein. Hier sehen wir ja derzeit besonders schwerwiegende Folgen der Krise. Dagegen ist die langjährige hohe Gewichtung von Technologie- oder Medizintechnikunternehmen derzeit von Vorteil. So konnten wir bei der Einzeltitelauswahl eine deutlich stabilere Kursentwicklung als bei vergleichbaren marktbreiten Aktien- oder Anleiheindizes feststellen. Zudem hat die Erfahrung in Krisenzeiten gezeigt, dass die Korrelation von Anlageklassen sprunghaft zu 1 tendiert und übliche Diversifikationseffekte an Wirkung verlieren. Entsprechend lag unser Augenmerk darauf, das allgemeine Drawdown-Risiko des Fonds zu begrenzen.

Hierfür haben wir frühzeitig einen Teil der Aktiengewichtung taktisch durch Absicherungsinstrumente reduziert. Außerdem wurde der gesamte Bestand an spanischen Staatsanleihen veräußert, da sich durch die hohe Abhängigkeit vom Tourismus eine besonders starke Belastung für die Konjunktur ergeben kann. Zuletzt galt es, möglichen Illiquiditätsrisiken an den Märkten vorzubeugen. Gemäß unserer Anlagephilosophie sollte das Anleiheportfolio von überdurchschnittlicher Qualität gekennzeichnet sein – derzeit mit einem Durchschnittsrating von A+ –, um die gewünschte Stabilität für den Fonds sicherzustellen. Dies hat sich insofern bewährt, als dass sich nur sehr geringfügige Einschränkungen beim Handel der Unternehmensanleihen gezeigt haben.

Aufgrund der zu erwartenden Rating-Herabstufungen von Emittenten und den Kreditausfällen bei Banken dürfte bei Kreditrisiken nachgelagert eine deutlich gestiegene Risikoaversion vorherrschen. Daher haben die Maßnahmen der Geldpolitik in der Bewältigung dieser Krise eine besondere Bedeutung.

Schon seit längerer Zeit rücken neben den traditionellen Assetklassen alternative Anlageklassen in den Fokus der Mischfonds. Berücksichtigen Sie diese aktuell noch stärker? Welche sind aus Ihrer Sicht dabei besonders aussichtsreich?

Daniel: Auch in dieser Krise zeigt sich, dass Liquidität ein sehr hohes Gut ist. Daher dürften alternative Anlagen wie zum Beispiel Private Equity zunächst einer geringeren Nachfrage entgegensehen. Wir konzentrieren uns in der Anlagestrategie auf traditionelle Anlageklassen. Jedoch besteht die Möglichkeit, Rohstoffe (exklusive Nahrungsmittel) beizumischen. Diese Möglichkeit wurde zuletzt insofern stärker genutzt, als dass die Gewichtung von Gold auf sieben Prozent des Fondsvermögens ausgebaut wurde.

Die aktuelle Viruskrise sorgt für eine Forcierung digitaler Projekte und auch Online-Themen wie E-Commerce oder E-Sports haben enormen Zulauf. Wie sehr fassen Sie diese als Investmentthemen für die Fonds ins Auge?

Daniel: Unser Engagement in Unternehmen rund um die Digitalisierung hat seit Auflegung des MainFirst Absolute Return Multi Asset im Jahr 2013 einen besonderen Stellenwert. Basierend auf unserem auf strukturelle Wachstumstrends ausgerichteten Anlageprozess, haben wir das Potenzial zum Beispiel aus der Verschiebung der Konsumausgaben vom stationären Handel zu E-Commerce von Beginn an für unsere Anleger nutzen können. Unternehmen wie Amazon oder Alibaba sind seit vielen Jahren fester Bestandteil im Portfolio unseres Fonds. Das Wachstumspotenzial dieser Geschäftsmodelle wird durch die Coronakrise nun sogar noch an Dynamik gewinnen, da Kunden den Komfort von Onlinebestellungen gerade vermehrt schätzen lernen. Zudem greifen derzeit kleinere Einzelhändler verstärkt auf Markplatz-Angebote im Internet zurück, was wiederum globalen Anbietern von Plattformen zugutekommt.

Dass E-Sports nicht mehr aus der Unterhaltungslandschaft wegzudenken sind, ist unbestreitbar. Nicht nur in China werden ganze Stadien für die E-Sport-Community gebaut, auch in den USA gibt es bereits mehrere Stadien, die ausschließlich E-Sports-Events veranstalten.

Auch in Deutschland gibt es an fast jeder Universität ein eigenes Uni-Team und im Jahr 2016 hat zum Beispiel Schalke 04 als erster traditioneller Sportverein ein eigenes E-Sports-Team gegründet. In diesem Feld sind wir mit dem chinesischen Internet-Unternehmen Tencent investiert. Tencent ist die Nummer eins nach Nutzern im Online-Game-Plattform-Geschäft auf PCs und Smartphones in China und hat weltweit die größten Umsätze in diesem Bereich.

Welche weiteren Anlagetrends sind für Sie derzeit besonders beachtenswert?

Daniel: Wir haben zuletzt mit großem Interesse eine zunehmende Unterstützung von regulatorischer Seite für die Digitalisierung von Geschäftsprozessen im Gesundheitswesen festgestellt. So dürfte beispielsweise die Einführung des E-Rezepts ab dem Jahr 2022 zu deutlichen Umsatzsteigerungen bei Online-Apotheken führen. Im Zuge der Corona-Pandemie erfreut sich auch die Nutzung kontaktloser Zahlungsmöglichkeiten einer breiteren Akzeptanz. Dies dürfte Unternehmen wie Mastercard, Paypal oder auch Wirecard langfristig zu Umsatzsteigerungen verhelfen. Außerdem kommt die aktuelle Situation Dienstleitern von Cloud-Speicherlösungen zugute. Die aktuell notwendige Umstellung auf das Home-Office als Alternative zum Büro kann sich als gängiges Modell in vielen Arbeitsbereichen etablieren. Nicht nur, dass Datenspeicherung in der Cloud kostengünstiger im Vergleich zur lokalen stationären Hardware betrieben werden kann, mit dem Lockdown zeigt sich zudem, dass Hybridlösungen aus cloudbasierter und interner Datenspeicherung deutlich mehr Flexibilität für Unternehmen bieten.




Nachricht an die Redaktion

Hier können Sie uns einen Kommentar zu dem Artikel zukommen lassen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

[honeypot additional-name-406]]

Bei unseren Lesern momentan beliebt