Nach dem Votum: Wohin steuert Englands Wirtschaft?

Was haben wir in den wenigen, aber dramatischen Wochen, seit das Vereinige Königreich die Europäische Union verlassen hat, über den Einfluss dieser Entscheidung auf die Wirtschaft gelernt? In einigen Punkten so einiges, in anderen Punkten bisher fast gar nichts.

England hat eine Entscheidung getroffen, aber diese Entscheidung wird nicht unsere wirtschaftliche Zukunft bestimmen. Stattdessen hat sie andere Entscheidungen möglich, und zugleich auch nötig gemacht. Um es mit Gramscis Worten zu sagen: „Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann. In diesem Interregnum entstehen die unterschiedlichsten morbiden Symptome.“ Ein Großteil der Marktvorhersagen bisher war so genau, wie es erwartet werden konnte. Die Mehrheit der Voraussagen ist von einem Rückgang des Sterlings zwischen zehn und 20 Prozent ausgegangen, bisher ist der Wert um zehn Prozent gesunken. Ein weiterer Rückgang ist gut möglich, aber ein übertriebener Sturz nach unten scheint unwahrscheinlich. Es war vorhersehbar und auch schon prognostiziert, dass der FTSE-250 der mittleren Unternehmen des UK bedeutend fallen würde, während der Einfluss auf den FTSE100 von meist internationalen Unternehmen ungefähr ausgeglichen sein würde. Der Sterling-Rückgang führte automatisch zum Preisanstieg von Anteilen der Unternehmen mit überwiegend Nicht-Sterling-Gewinnen, was den Einfluss der erwarteten Gewinnrückgänge ausgleichen konnte. Natürlich sind unter den einzelnen Unternehmen große Gewinner und Verlierer. Besonders Banken und Bauunternehmen sind negativ betroffen. Die meisten Erwartungen gingen nicht davon aus, dass die düsteren Voraussagen eines generellen Marktversagens wie in 2008, als das Finanzsystem selbst zusammengebrochen ist, zutreffen würden. Die Zentralbanken hatten diesmal gut vorbereitete Pläne für den Ernstfall.

Boris Johnson von der Partei der Konservativen: Sein Rücktritt infolge des EU-Votums kam unerwartet. (Bildquelle

Währenddessen verlangsamte sich das Wachstum der englischen Wirtschaft bereits vor der Abstimmung, teilweise getrieben durch die Unsicherheit, aber auch durch andere globale und heimische Faktoren. Obwohl wir noch keine belastbaren Daten haben, gibt es schon jetzt eine angemessene Menge anekdotischer Evidenz, dass seit dem Referendum sowohl das Verbrauchervertrauen als auch das der Unternehmer stark gesunken ist. Es war wahrscheinlich, dass der Immobilienmarkt, insbesondere in London, eines der ersten Opfer werden würde; und so scheint er auch bereits deutlich abgeschwächt.

May obliegt Schlüsselentscheidung

Gleiches gilt für die politische Seite. Während niemand die bizarre Entwicklung in der Partei der Konservativen absehen konnte, die zum Rückzug Boris Johnsons geführt hat, war der Rücktritt David Camerons und die resultierende Notwendigkeit einer Neuwahl eines Premierministers unvermeidlich. Jetzt liegt es an eben jener neuen Premierministerin Theresa May und ihrem Team, die Schlüsselentscheidung über die wohl wichtigste Frage in der britischen Politik zu übernehmen und festzulegen, wie der Verhandlungsstandpunkt gegenüber der EU aussieht. Es gab eine kurze Periode, in der EU-Politiker verlangten, dass das Vereinigte Königreich Artikel 50 zitiert, der festlegt, wie Austrittsverhandlungen ablaufen sollten. Diese Politiker schienen kein Verständnis dafür zu haben, dass so eine Entscheidung nicht sofort getroffen werden kann.

May hat bereits angekündigt, dass sie Artikel 50 nicht vor 2017 aufrufen wird, um der Politik und ihren Vertretern Zeit zu geben, eine klare Verhandlungsposition und -strategie zu formulieren. Niemand wird in der Lage sein, sie dazu zu zwingen, aber diese Verzögerung wird mit deutlichen ökonomischen und politischen Kosten verbunden sein.




Nachricht an die Redaktion

Hier können Sie uns einen Kommentar zu dem Artikel zukommen lassen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

]

Bei unseren Lesern momentan beliebt