Passives Management reicht nicht aus

Im Anleihesektor und an den Devisenmärkten ist derzeit viel in Bewegung. Global Investor sprach mit Benjamin Melman, Head of Asset Allocation bei Edmond de Rothschild Asset Management, über sein Ausblick für den weiteren Jahresverlauf.

Herr Melman, was erwarten Sie dieses Jahr für die europäischen und amerikanischen Anleihenmärkte?

Melman: Im Anleihenbereich bevorzugen wir weiterhin die alte Welt. Der geldpolitische Ausschuss der EZB hat auf seiner letzten Sitzung deutlich gemacht, dass die Zentralbank die Märkte noch viele Monate stützen wird. Das bestätigt uns in unserer Übergewichtung europäischer Titel.

Wir geben hochverzinslichen  und nachrangigen Anleihen den Vorzug. Hochverzinsliche Papiere können von der fundamentalen Qualität der Unternehmen und der europäischen Konjunktur profitieren. Nachrangige Anleihen dürften ihr Ertragspotenzial realisieren, sobald sich die Befürchtungen etwas oder sogar ganz zerstreuen, unter denen der ganze Sektor gelitten hat, beispielsweise in Italien und Deutschland.

Am US-Anleihenmarkt scheinen die Risiken symmetrischer. Wir haben deshalb bereits im letzten Monat die Untergewichtung von US-Staatsanleihen beendet. Jetzt verfolgen wir einen taktischeren Ansatz, der sich an den Markterwartungen orientiert. Beispielsweise berücksichtigen die Märkte von den vier noch im Dezember erwarteten Zinserhöhungen bislang nur zwei, was wir als kurzfristige Chance betrachten.

Wie würden Sie sich am besten am Anleihenmarkt positionieren?

Melman: In den letzten Monaten bestimmte die Erwartung einer moderaten Anhebung der amerikanischen Zinsen den Markt. Die Anleger fragen sich, wie sie mit ihren Anleiheninvestments umgehen sollen. Mit einem rein passiven Management kann man sich nicht mehr begnügen, weil es immer schwieriger wird, renditestarke und zugleich ausgewogene Portfolios zusammenzustellen. In einem solchen Umfeld bieten sich einige Anlageklassen aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften an, beispielsweise nachrangige, hochverzinsliche Papiere oder Anleihen aus den Schwellenländern. Dennoch bleiben Flexibilität und eine disziplinierte Titelauswahl für uns die wichtigsten Voraussetzungen, um dieses umfassende und vielfältige Universum zu nutzen.

Wie bewerten Sie die Entwicklung des Euro-Dollar-Wechselkurses und warum?

Melman: Wir haben gerade unsere Dollarpositionierung überprüft und sind wieder übergewichtet gegenüber dem Euro. Wir wollen von der jüngsten Dollarschwäche profitieren, weil die US-Zinsen weiterhin stark von denen anderer Industrieländer abweichen.

Welche Segmente und Länder bevorzugen Sie derzeit am Aktienmarkt und warum?

Melman: Die Märkte rechnen bereits mit einer leichten Konjunkturbelebung. Wir überprüfen deshalb unsere leichte Übergewichtung von Aktien aus Europa und den USA. In beiden Regionen ist die Erholung noch nicht abgeschlossen, wie die relativen Bewertungen zeigen – trotz der in letzter Zeit überdurchschnittlichen Entwicklung von Zyklikern, Finanzwerten und Substanzwerten. Wir gehen deshalb davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzt.

Welchen Einfluss werden die politischen Unsicherheiten 2017 auf die Aktienmärkte nehmen und wie verringern Sie die Volatilität (oder versuchen es)?

Melman: Interessanterweise sind ausländische Anleger in Europa immer noch sehr vorsichtig; tendenziell fließt weiter Kapital ab. Wahrscheinlich liegt das an den vielen politischen Baustellen in Europa in diesem Jahr. Diese Vorsicht bietet aber auch Chancen: Der europäische Markt dürfte zweifellos von der Erholung der Weltkonjunktur und der Dollarstärke profitieren, wenn die EZB ihre expansive Politik fortsetzt – es sei denn, die politischen Risiken eskalieren.

 




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