Selbstüberlistung als Strategie gegen das Coronavirus

Hans-Jörg Naumer, Allianz-GI

Während sich das Virus ausbreitet, gleichzeitig aber auch weltweit massive Gegenmaßnahmen von geldpolitischer und fiskalischer Seite eingesteuert werden, ist es gut, sich als Anleger selbst zu erkennen, um überlegt reagieren zu können. Deshalb hier einige verhaltensökonomische Überlegungen, denn grundsätzlich gilt: Angst, oder gar Panik, sind die schlechtesten Ratgeber.

Gerade jetzt gilt es eine der wohl wichtigsten Verhaltensmuster zu verstehen: das sogenannte „Framing“. Wir bilden einen Rahmen („frame“), aus dem heraus wir die (Anlage-)Welt betrachten. Er wirkt wie ein Nachrichtenfilter. In der aktuellen Situation filtern wir alles Negative rund um den Coronavirus heraus – sehen wir aber auch, was an Gegenmaßnahmen bereits ergriffen wurde bzw. voraussichtlich noch ergriffen wird?

Dabei tut sich aktuell auf Seiten der Geld- und Fiskalpolitik sehr viel, und es ist zu erwarten, dass dies noch nicht das Ende ist. Die Maßnahmen übertreffen teilweise sogar jene, die zu Zeiten der Finanzmarktkrise 2008/09 verabschiedet wurden. Stand Mitte März haben  mehr als 30 Notenbanken ihre Leitzinsen gesenkt. Um Stabilität und vor allem Vertrauen unter Investoren bzw. Unternehmen wiederherzustellen sowie um den negativen Effekt auf Unternehmen und Konjunktur abzumildern, verkündeten zudem zahlreiche Regierungen rund um den Globus zum Teil massive fiskalische Pakete. Allein die bisher auf die COVID-Krise angekündigten globalen Fiskalmaßnahmen i.H.v. 8,3 Billionen US-Dollar (10% des globalen Bruttoinlandsproduktes) haben ein atemberaubendes Volumen erreicht.  Allein die USA sind einem Hilfspaket von über zwei Billion US-Dollar. Zudem stehen neben Steuerstundungen vor allem Garantien für Unternehmenskredite im Fokus – diese umfassen z.b. in Frankreich etwa 12% des Bruttoinlandsprodukts, in Großbritannien sogar 15%.

Sehen Anleger dies, oder werden diese Tatsachen durch den „Frame“ ausgeblendet?

Gleichzeitig verführt der „Frame“ dazu, die aktuellen Entwicklungen deutlich stärker zu focusieren. Nach vorne gerichtet sollte die Frage aber vielmehr lauten: Was ist für die Zukunft zu erwarten? Wann ist mit einer Erholung zu rechnen?

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Vermeidung von Fehlreaktionen. Die Selbstüberlistung der zweite, der daraus folgen sollte.

Überliste Dich selbst

Aus diesen verhaltensökonomischen Erkenntnissen leiten sich die Handlungsmaxime für die Gegenwart ab. Eines scheint dabei schon jetzt sicher: Wenn die Zentralbanken rund um den Globus die Märkte mit Liquidität fluten und wieder verstärkt Staatsanleihen kaufen, dann sollte das Niedrig-/Negativzinsumfeld noch länger anhalten und sich ausweiten. In den USA wiesen Mitte März 2020 Staatsanleihen erstmals negative Renditen aus. Das Problem für die Anleger, die Rendite suchen, wird damit nur größer.

Von der Selbsterkenntnis zur Selbstüberlistung

Was also ist aus verhaltensökonomischer Sicht zu tun, damit Anleger nicht auf dem falschen Fuß erwischt werden, aber auch nicht den Einstiegszeitpunkt verpassen?

Die Odysseus-Strategie ist für mich immer wieder die beste Strategie: es geht um Selbstbindung zum Erreichen der Ziele. Wie der Held aus der griechischen Sage, der sich an einen Mast binden ließ, um nicht dem Gesang der Sirenen zu erliegen, so sollten sich auch Anleger an eine Strategie binden, die hilft, Kurs zu halten.

Daraus leiten sich als Fragen ab:

  • Wie ist meine Risikoneigung?
  • Wie viel Verlust kann ich ertragen?
  • Welche Gewinnerwartung habe ich über welchen Zeithorizont?
  • Wie sind meine Erwartungen an die Zukunft?

Kurz: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, über strategische „Asset Allokation“, die Aufteilung der Vermögenswerte, nachzudenken. Tipp: Denken Sie holistisch, nehmen Sie also nicht nur Ihr Geldvermögen in den Blick, sondern alle Vermögenswerte: Immobilien, Versicherungen, die Rente, ja auch die eigene Arbeitskraft, da auch diese einen Einkommensstrom erzielt.

Der Teufelsadvokat

Wichtig ist: Nehmen Sie sich einen „advocatus diaboli“: einen „Teufelsadvocat“, der Ihre Gedanken mit Ihnen diskutiert, sie hinterfragt, der Ihnen hilft, den Rahmen zu vergrößern, aus dem Sie die Welt betrachten. Suchen Sie auch gezielt nach vertrauenswürdigen Informationen und Analysen jenseits des Mainstreams und jenseits der Tagesaktualität.

Für viele Anleger ist es auch hilfreich, wenn sie sich mit einem kleinen „Vertrag“ binden:  Der advocatus diaboli könnte der Gegenpart sein. Die vertragliche „Bindung“ lautet dann etwa: Erinnere mich an meine Vorhaben, hilf mir meine Ziele im Blick zu halten, bevor ich vorschnell handle. Hinterfrage meine Vorhaben, die möglicherweise aus dem Affekt kommen.

Von der Strategie zur Tat

Wurde die strategische Allokation der Vermögenswerte festgelegt, geht es an die Umsetzung. Hier können sogenannte „Multi Asset“ Produkte helfen. Fonds, die über alle Anlagegattungen investieren können, mit dem Ziel, die Schwankung des Portfolios zu minimieren und auch taktische Anpassungen vorzunehmen, also auf die Marktentwicklung zu reagieren.

Wo größere Geldbestände auf die (Re-)Investition warten, warum nicht einen großen Sparplan angehen? Ab einem bestimmten Zeitpunkt über mehrere Quartale zukaufen, um die angestrebte Vermögensstruktur zu erreichen. Das glättet die Schwankungen und hilft, nicht zum falschen Zeitpunkt alles auf das eigentlich richtige Pferd zu setzen.

Und natürlich ein „kleiner“ Sparplan, der schon ab wenigen Euro pro Monat möglich ist – dafür ist eigentlich immer der richtige Zeitpunkt.

Mein Tipp zum Schluss: Denken Sie auch an die Nachhaltigkeit Ihrer Anlagen. Unter „ESG“ (Environment, Social, Governance – Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) als Filter bei der Anlageentscheidung wird genau diese Nachhaltigkeit angestrebt.

Viel Erfolg mit der Selbstbindung – und: Bleiben Sie gesund.




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