Start-up-Nation von morgen

Digitale Transformation wird zum Innovationsmotor in Indien. Wer daran mitverdienen will, der sollte nicht nur auf die Metropolen schauen.

Während am 8. November 2016 in den USA das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen erwartet wurde, ereignete sich auf der anderen Seite der Welt ein weiteres, extrem disruptives Ereignis: Der indische Premierminister Narendra Modi eröffnete einer überraschten Nation im öffentlichen Fernsehen, dass 86 Prozent der Währung ab Mitternacht wertlos sein würde. Banknoten mit hohem Wert, also 500 oder 1.000 Rupien, mussten bei der Bank gegen kleinere Noten eingetauscht werden.

Diese Entscheidung war eine schlecht geplante Maßnahme gegen Steuerhinterziehung. Vielleicht glaubte der Premierminister, dass die Maßnahme höchstens zu kleineren Unannehmlichkeiten führen würde, die innerhalb einer Woche überstanden wären. Aber es kam ganz anders. Geldautomaten mussten erst umständlich umprogrammiert werden, um die neuen Scheine ausgeben zu können; Bankfilialen konnten sich bald vor wütender Kundschaft nicht mehr retten, und innerhalb weniger Tage hatte die Volkswirtschaft ein Problem, weil es kein Bargeld mehr gab.

Demonetarisierung als Treibstoff der Digitalisierung?

Die Regierung schwenkte also um. Schon bald wurde behauptet, die sogenannte „Demonetarisierung“ habe eigentlich das Ziel der Schaffung einer digitalen Wirtschaft. Digitale Zahlungsgeschäfte sollten von den Bürgern – als Zeichen der Solidarität im Kampf gegen Steuerhinterziehung – gefördert werden. Die Unterstützung der digitalen Wirtschaft wurde zum Synonym für Patriotismus. Die Digitalisierung wurde schon bald entscheidend für das politische Ansehen der Regierung. Die wichtigste wirtschaftspolitische Aussage der Regierung, der am 31. Januar 2017 vorgelegte Haushaltsplan, bestätigte diese Politik, denn er sah Steuervergünstigungen auf digitale Transaktionen vor. Gleichzeitig stellte die Regierung Mittel für die Einrichtung eines Glasfasernetzes für die Anbindung ländlicher Gebiete zur Verfügung. Schon vorher hatte sie mit der Einführung von Smartphone-Apps begonnen, die digitale Zahlungen erleichtern sollten.

Aber der Marktführer im Bereich der „mobilen Brieftasche“, mit der die meisten Inder Geld mit dem Handy überweisen, ist das private Start-up-Unternehmen Paytm. Über die App kann man über ein Guthaben verfügen, das mit dem Bankkonto verbunden ist. Das Unternehmen hatte die Auswirkungen von Modis Schritt schon lange vor der Regierung erkannt – unter anderem mit Unterstützung durch das chinesische Unternehmen Alibaba. Nur wenige Stunden nach der Rede des Premierministers am Abend des 8. November schaltete die Firma ganzseitige Anzeigen in den wichtigsten Tageszeitungen, in denen sie ihm für seine Entscheidung dankte. Schon bald schossen überall die „Paytm accepted here“-Schilder wie Pilze aus dem Boden der bargeldgestützten indischen Wirtschaft – von Straßenverkäufern bis zu Friseurläden. Der CEO des Unternehmens kam wenige Monate später in die Schlagzeilen, als ein bei der Silvesterparty der Firma aufgenommenes Video im Internet die Runde machte. Er hatte bei dieser Gelegenheit eine überschäumende Rede über den Erfolg des Jahres gehalten. Der Grundtenor war, dass er – verständlicherweise – von der Freude über das unerwartete Glück seiner Firma überwältigt war.




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