Warum ESG-Indikatoren heute noch wichtiger sind

John Streur, Calvert Research

50 Jahre nach dem ersten „Tag der Erde“ (Englisch: Earth Day) kämpft die Welt gegen die schwerste Pandemie seit Generationen. Anlässlich dieses Jahrestages analysiert Calvert Research and Management, eine Tochergesellschaft von Eaton Vance, was wir aus der Krise lernen können – über unseren Planeten und über uns selbst. Ein Kommentar von John Streur, President and CEO Calvert Research and Management, einer Tochtergesellschaft von Eaton Vance.

Wie andere Fondsmanager mit verantwortungsbewussten Anlagestrategien erfasst Calvert neben herkömmlichen Finanzzahlen auch ESG-Indikatoren (Umwelt, Gesellschaft, Governance), die in unsere Anlage- und Entscheidungsprozesse einfließen. ESG-Risiken beeinflussen die Wertentwicklung eines Unternehmens; eine ökologisch verträgliche Geschäftsstrategie schützt dabei nicht nur den Unternehmenswert, sondern auch den Planeten. Dieser Tatsache sind wir uns seit Langem bewusst.

Spätestens Covid-19 sollte letzte Zweifel an der Bedeutung von ESG-Risiken für Vermögenswerte und Einkommensgenerierung ausgeräumt haben. Zum 50. Jubiläum des Earth Day ist die Pandemie eine Warnung an Anleger, den Klimawandel und andere wichtige Entwicklungen nicht aus ihren Anlageentscheidungen auszuklammern. Das Coronavirus hat uns unvorbereitet getroffen, andere ESG-Risiken sind hingegen sehr viel leichter zu erkennen – und nicht weniger wichtig.

Was bleibt

Führende Unternehmen mit solidem ESG-Profil sind bisher überwiegend verantwortungsbewusst mit der Pandemie umgegangen. Sie haben sich vielleicht nicht konkret auf den Ausbruch vorbereitet, haben sich jedoch schnell angepasst, die richtigen Antworten gefunden und sich um einen angemessenen Umgang mit Mitarbeitern und Kunden bemüht. Davon werden diese Unternehmen auch dann noch profitieren, wenn die Pandemie abebbt und die Wirtschaft sich erholt.

Wir alle haben die Auswirkungen des Virus aus nächster Nähe beobachtet. Bei der Diskussion über eine Lockerung der Eindämmungsmaßnahmen und einen Neustart der Wirtschaft sollten wir daher besonders auf ESG-Risiken achten. Unternehmen sollten analysieren, welche Risiken durch die Pandemie entstanden sind und ob ihre Governance-Strukturen einen angemessenen Umgang mit diesen Risiken ermöglichen.

Konkret geht es um Risiken, die durch den Klimawandel schon in den nächsten Jahren auf uns zukommen werden, und die Frage, wie Unternehmen und Anleger mit diesen Risiken umgehen sollten. Die Beweise für die Erwärmung der Erde sind überwältigend. Führende Unternehmen reagieren und versuchen unter anderem, ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern, Wasserrisiken zu begrenzen und die Umwelt zu schützen. Andere werden diesem Beispiel folgen müssen, um nicht abgehängt zu werden – denn sowohl Verbraucher als auch der Planet werden in Zukunft weniger nachsichtig sein. Investoren müssen diese Veränderungen von Unternehmen einfordern – im Interesse des Planeten und ihrer Portfolios.

Was kommt

Wir beobachten genau, wie Unternehmen auf den Ausbruch des Coronavirus reagieren. Um abzuschätzen, wie gut ein Unternehmen auf die Krise vorbereitet war, haben wir uns an dem ESG-Profil des Unternehmens in anderen Bereichen orientiert, etwa im Personal- und Supply-Chain Management. Außerdem haben wir die Pflichtmitteilungen bezüglich der Aussetzung von Gewinnprognosen gelesen. Und wir haben festgestellt, dass nur wenige Unternehmen konkrete Informationen veröffentlichen. Bis heute warten wir auf mehr Kommunikation zu Entscheidungsprozessen während der Krise.

Calvert entwickelt jetzt einen eigenen Indikator, den C-19 Preparedness Factor, mit dem wir messen wollen, wir gut Unternehmen auf die Pandemie vorbereitet waren. Einige Unternehmen haben auf den Corona-Ausbruch ähnlich reagiert wie auf den Klimawandel. Daraus könnten sich auch Schlüsse über den Umgang mit zukünftigen Krisen ableiten lassen.

Fazit: Niemand weiß, wann die Pandemie endet und die Wirtschaft wieder anläuft. Wenn es jedoch so weit ist, dürften Anleger verstärkt auf ESG-Risiken achten. Ökologische Risiken werden dabei wohl an erster Stelle stehen.




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