Wer geduldig bleibt, gewinnt

Tim Bröning, Fonds Finanz

Nach dem dramatischen Einbruch an den Aktienmärkten im März mit hohen zweistelligen Verlusten innerhalb von vier Wochen fragen sich nun viele, ob es schon wieder an der Zeit ist, Aktien zu kaufen. Einige mutmaßen, dass der beste Zeitpunkt für Käufe bereits hinter uns liegt und sie zu spät dran sind. Einige andere wollen von Nachkäufen nichts wissen und warten darauf, dass die Kurse noch weiter zurückkommen und sie (noch) günstiger zum Zug kommen. Welche dieser drei Gruppen Recht hat, wird die Zukunft zeigen.

Nachdem der DAX seit Jahresbeginn bis zu seinem Tief Mitte März 36,3 % verloren hatte, konnte er sich bis zum 28. April bereits um 20,8 % erholen. Der amerikanische S&P 500 hatte im Zuge der Corona-Krise 27,8 % verloren. Die bisherige Erholung trug den breiten amerikanischen Aktienindex seit seinem Tief sogar um 22,6 % (jeweils in Euro) nach oben. Zwar sind die alten Höchststände noch nicht wieder erreicht, doch scheint der Crash zumindest vorerst gestoppt.

Markttiming ist vergebens

Was können wir mit dieser Erkenntnis anfangen? Für sich betrachtet nicht viel. Denn langfristig spielt es keine Rolle, ob man für den Einstieg exakt das Tief an den Aktienmärkten erwischt oder nicht. Wer an unser Wirtschaftssystem glaubt, in dem private Unternehmen mit dem Ziel gemanagt werden, ihre Produktivität zu steigern, mit neuen Produkten und Dienstleistungen Marktanteile zu erobern und Gewinne zu erwirtschaften, der kann es sich leisten, langfristig zu denken und zu investieren. Niemand kann die kurzfristige Entwicklung an der Börse vorhersehen.

Deshalb sollten Anleger auch gar nicht erst versuchen, den Markt zu timen. Es lassen sich immer Gründe gegen einen Einstieg finden: Die unsichere Entwicklung der Weltwirtschaft beispielsweise, das Coronavirus oder auch die ausufernden Staatsschulden durch die noch nie dagewesenen Stützungsprogramme der Regierungen weltweit. Die Zeit und Energie, die mit diesen Fragen verschwendet wird, fehlt Anlegern an anderer Stelle. Viel wichtiger ist, sich auf die richtige Auswahl der Investments, deren bestmögliche Kombination im Portfolio und die ehrliche Beurteilung der eigenen Verlusttragfähigkeit zu konzentrieren. So können auch zwischenzeitlich schwierige Börsenphasen überstanden werden.

Auch Profis versagen beim Thema Markttiming

Viele Privatanleger und auch Star-Investoren haben in der Vergangenheit versucht, den Markt zu timen – und sind dabei gescheitert. Selbst der amerikanische Fondsmanager Bill Miller, der mit einem US-Aktienfonds den S&P 500 in 15 aufeinanderfolgenden Kalenderjahren geschlagen hatte (1991 bis 2005), war mit seinem Einstieg 2008 viel zu früh dran und setzte seinen Nimbus durch das Timing eines Sektors aufs Spiel. Die Erfolgssträhne riss und seine Verluste machten die gesamte Outperformance der vergangenen Jahre zunichte. Das geschah gewiss nicht wegen mangelnder Qualifikation, sondern aufgrund der kurzfristigen Unberechenbarkeit des Marktes.

Langer Atem zahlt sich aus

Deshalb ist es sinnvoll, langfristig zu investieren – und zwar möglichst losgelöst von aktuellen Entwicklungen. Dieser Ansatz wird auch von renommierten Vermögensverwaltern und Fondsmanagern, wie Dr. Jens Ehrhardt oder Prof. Max Otte, verfolgt. Voraussetzung dafür ist, dass Anleger ihre Investments sorgsam auswählen und beispielsweise in qualitativ hochwertige Unternehmen investieren. Zudem muss breit gestreut und das Portfolio regelmäßig rebalanziert werden, wobei einmal im Jahr ausreichend erscheint.

So wird die ursprüngliche Gewichtung wiederhergestellt, bei gut gelaufenen Investments werden Gewinne gesichert und die sich schwächer entwickelnden Papiere werden günstiger nachgekauft. Wichtiger als die Häufigkeit ist also, dass das Rebalancing überhaupt praktiziert wird und es zu keinen ungewollten Klumpenrisiken im Portfolio kommt. Wer es dann – finanziell und psychisch – noch schafft, in fallenden Märkten seine Sparraten zu erhöhen und gleichzeitig geduldig zu bleiben, der wird langfristig zu den Gewinnern zählen.




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