ASEAN- sicherer Hafen in Zeiten eines drohenden Handelskrieges

Die Diskussion über die Folgen eines Handelskrieges kochen hoch. Kenneth Tang, Portfoliomanager bei Niko Asset Management für Singapur und Asien, sieht gerade die asiatische Region als stabil genug, die möglichen Auswirkungen abzufedern. Das Portrait über eine aussichtsreiche Region lesen Sie hier exklusiv bei Global Investor.

Ängste vor einem drohenden Handelskrieg erschüttern derzeit die Aktienmärkte. Da sich der Konflikt zwischen China und den USA als eines der zentralen Themen für 2018 herauskristallisiert, scheint es verlockend, sich der negativen Stimmung anzuschließen. In Bezug auf die ASEAN-Staaten verlassen wir uns aber lieber auf fundamentale Wachstumsaspekte. Dazu haben wir die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen eines möglichen Handelskrieges analysiert und drei Faktoren identifiziert, welche die Wertentwicklung der Region in den kommenden Jahren bestimmen dürften.

Wir sind uns sicher: Für ASEAN ist Optimismus nach wie vor angebracht – insbesondere für die aufstrebenden Länder Thailand, Indonesien, Vietnam und die Philippinen. Das Schreckgespenst eines Handelskrieges könnte zwar für das globale Wachstum eine Bedrohung darstellen, doch solange der Konflikt nicht eskaliert, dürften die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die ASEAN-Region eher indirekter Natur sein. Mögliche Neuverhandlungen und eine Beilegung des Streits könnten die Spannungen nicht nur entschärfen, sondern sogar neue Wachstumsimpulse liefern.

Eine Pattsituation zwischen den USA und China wäre definitiv eine Hiobsbotschaft für den Handel und für exportabhängige Nationen. Aber von der daraus resultierenden Umleitung und Neuausrichtung der Handelsströme dürften manche Exportländer mittelfristig profitieren. Innerhalb der ASEAN-Region könnten sich mögliche Chancen im Bereich Fertigungstechnik und beim Handel mit landwirtschaftlichen Lebensmitteln ergeben. US-Unternehmen des produzierenden Gewerbes, die innerhalb der Lieferkette im Bereich Fertigungstechnik in China angesiedelt sind, könnten ihre Produktionsstätten nach Thailand, Malaysia und Vietnam verlagern. Angesichts der schwelenden Spannungen rechnen wir zudem damit, dass ausländische Direktinvestitionen zwischen den USA und China zurückgehen und zunehmend in alternative Produktionsstätten in den ASEAN-Staaten umgeleitet werden dürften. Auch bei Lebensmittel- oder Geflügelimporten könnte China Maßnahmen gegen die Einfuhr US-amerikanischer Agrarerzeugnisse ergreifen, indem es neue Märkte wie Thailand als mögliche Importquellen erschließt.

Fokus auf wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit

Wir beurteilen die Schwellenländer weiterhin positiv. Denn das Wachstum hat die Talsohle durchschritten und die Fundamentaldaten sind angesichts einer synchronisierten globalen Erholung und Reflation robust. Die Fed steht noch am Anfang ihrer restriktiveren Politik und die Märkte werden wahrscheinlich nicht ihre Höchststände erreichen, bis wir uns dem Ende des Straffungszyklus nähern. Asien ist gut positioniert, um von der weltweit synchron verlaufenden Wachstumserholung im Exportbereich und der Abkehr von dem früheren Divergenz- und Deflationszyklus zu profitieren.

2018 wird sich die globale Wachstumsdynamik jedoch allmählich abschwächen, da das internationale Investitionsvolumen zurückgehen und das Wachstum in China nachlassen wird. In Kombination mit der Gefahr eines zunehmenden globalen Protektionismus wird die Rückkehr zu wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit das dominierende Thema für 2018 sein. Volkswirtschaften, die stetiges und schwankungsresistentes Wachstum erzielen können, werden angesichts dieser Herausforderungen als relative Wachstumsgewinner hervorgehen. In rückläufigen Konjunkturphasen schenken Anleger den Bewertungen allmählich wieder mehr Beachtung und sind bereit, für nachhaltiges und unbedenkliches Wachstum einen Aufschlag zu bezahlen. Aufstrebende ASEAN-Staaten wie Indonesien, Vietnam und die Philippinen bieten genau solche Aussichten, selbst wenn die weltweite Dynamik nachlässt.

Vietnam, Indonesien und die Philippinen dürften in den kommenden drei Jahren sogar weit vor ihren Mitstreitern liegen. Ihr Bruttoinlandsprodukt wird von der Inlandsnachfrage gestützt, während die externe Wachstumsdynamik unsicherer geworden ist. Außerdem kurbeln fiskalpolitische Maßnahmen die steigenden Investitionsausgaben an, was die Konjunktur dieser Länder in den kommenden Jahren weiter fördern dürfte. Auch Singapur, Malaysia und Thailand bewerten wir positiv, doch sind diese Volkswirtschaften wesentlich abhängiger vom Außenhandel. Insgesamt stehen die ASEAN-Staaten besser da als andere Länder, da sie aufgrund ihrer inländischen Widerstandsfähigkeit günstigere Wachstumsvoraussetzungen aufweisen.

Drei entscheidende Faktoren für nachhaltiges Wachstum

Unserer Meinung nach profitieren die ASEAN-Staaten von einem langfristigen strukturellen Rückenwind. Die jüngsten Turbulenzen im Zusammenhang mit den Handelsstreitigkeiten haben Anleger lediglich daran erinnert, warum strukturelle Treiber so wichtig sind. Wir sehen drei Faktoren, welche die langfristigen Wachstumschancen der ASEAN-Region begünstigen: die Wiederbelebung des produzierenden Gewerbes in Asien, der Aufstieg der Mittelklasse und die Rückkehr der Investitionen.

Industrielle Wiederbelebung

Im Zuge der globalen Konjunkturerholung erfahren die ASEAN-Staaten seit 2016 eine beeindruckende industrielle Wiederbelebung. Diese ist die stärkste seit 2012, wobei exportabhängige Staaten wie Singapur von dem synchronisierten industriellen Aufschwung profitieren. 2017 verzeichnete Singapur einen Wachstumsanstieg von 3,5 % gegenüber dem Vorjahr, wovon fast ein Drittel alleine der Halbleiterproduktion zuzuschreiben ist. Auch Vietnam erlebte eine ähnlich robuste Produktionsleistung von 14,4 % im Vergleich zum Vorjahr, was die Wirtschaft auf Jahresbasis um 6,8 % steigen ließ.

Wir gehen davon aus, dass die ASEAN-Staaten auch in den kommenden Jahren von der industriellen Wiederbelebung profitieren werden. Diese Entwicklung wird hauptsächlich von zwei strukturellen Kräften bestimmt: der stetig steigenden Anzahl an Arbeitskräften und der relativen Preiswettbewerbsfähigkeit. Die ASEAN-Region hat aufgrund ihrer vorteilhaften Demografie eine der jüngsten und am schnellsten wachsenden Erwerbsbevölkerungen der Welt. Während die meisten Industriestaaten und China mit alternden Bevölkerungen zu kämpfen haben und die Kapazität ihrer Arbeitskräfte ihren Höhepunkt erreicht hat, wird der Anteil der ASEAN-Staaten an der globalen Arbeitsleistung steigen. Die Preiswettbewerbsfähigkeit ist ein zusätzlicher Faktor: Die relative Schwäche der ASEAN-Währungen gegenüber dem US-Dollar seit der globalen Finanzkrise, dem Höhepunkt der Rohstoffpreise im Jahr 2008 und der allmählichen Reduzierung der quantitativen Lockerungsmaßnahmen in den USA im Jahr 2013 hat sie attraktiv und wettbewerbsfähig gemacht. Dieser Vorteil wird den ASEAN-Staaten in einer Welt, die von zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China geprägt ist, vermutlich immer mehr zugutekommen. Wir gehen davon aus, dass die Region wettbewerbsfähig bleiben und ihre Bedeutung als wichtiges Industrie- und Produktionszentrum innerhalb Asiens weiter zunehmen wird.

Aufstieg der Mittelklasse

Der Aufstieg der Mittelklasse ist ein weiterer positiver struktureller Faktor im Zusammenhang mit der vorteilhaften Demografie der Region. Der steigende Wohlstand innerhalb der sehr jungen Bevölkerungen in großen, von der Binnennachfrage getriebenen Ländern wie Indonesien, Vietnam und den Philippinen begünstigt in den ASEAN-Staaten den sozialen Aufstieg in die kaufkräftigere Mittelklasse. Da die Energie- und Rohstoffpreise ihre Talsohle durchschritten haben und seit 2016 wieder steigen, haben sich die Staatshaushalte und die Leistungsbilanzen von Ländern wie Indonesien und Malaysia, die vom Rohstoffhandel abhängig sind, stark verbessert. Das erzeugt gute Bedingungen für eine Erholung des Wachstums und unterstützt die Fiskalpolitik – ideale Voraussetzungen für ein Investment in ASEAN. Ein höheres Verbraucher- und Geschäftsvertrauen ist unerlässlich, um den Wohlstandseffekt voranzutreiben und das Vermögen der durchschnittlichen Verbraucherhaushalte zu vermehren. Dieser steigende Inlandskonsum wird sich als Motor für die ASEAN-Wachstumsstory erweisen.

Rückkehrende Investitionen

Die ASEAN-Region zieht weltweit die meisten ausländischen Direktinvestitionen an. Infolge des aufkeimenden Protektionismus werden sie sich unseres Erachtens nicht mehr nur am absoluten, sondern am relativen Wachstum orientieren. Die Bedingungen für Investitionen in die ASEAN-Region sind sehr attraktiv, allen voran in Indonesien mit seinen Ambitionen im Infrastrukturbereich. 2014 schätzte McKinsey den Infrastrukturbedarf in den ASEAN-Staaten auf nahezu sieben Billionen US-Dollar, um das Wachstum über die nächsten zehn Jahre zu unterstützen. Unserer Meinung nach treiben auch globale politische und wirtschaftliche Verschiebungen diese Veränderungen voran. China spielt dabei eine wesentliche Rolle, da es sich zunehmend darauf konzentriert, seine Wirtschaft auf Konsum und nachhaltiges Wachstum auszurichten; die Umsetzung von Reformen auf der Angebotsseite beschleunigen diesen Trend. Das dürfte im kommenden Jahr weitreichende positive Auswirkungen auf Chinas ausländische Direktinvestitionen in die ASEAN-Region haben. Da eine Konsolidierung auf der Angebotsseite und Reformen bei vielen Rohstoffen wie Kohle, Stahl, Öl und Chemikalien zu beobachten sind, ist die Neuausrichtung der Volksrepublik bereits in vollem Gange. Diese umfasst auch eine regierungsgelenkte Entwicklung von einer investitionsgetriebenen hin zu einer konsumorientierten Wirtschaft und damit eine stärkere Abkehr von Importen und Investitionen, wodurch ausländische Direktinvestitionen von China in die ASEAN-Region verlagert werden. Der dortige interregionale Handel wiederum nimmt ebenfalls Fahrt auf, was die Wiederbelebung der Investitionen weiter unterstützt.

Jenseits von Handelskriegen…

Trotz aller Unkenrufe über Handelsspannungen bewerten wir die fundamentale Wachstumsstory in den ASEAN-Staaten als attraktiv. Denn selbst wenn daher der globale Konjunkturaufschwung nachlassen sollte, sind sie gut positioniert, um sich sogar zum führenden Wachstumstreiber unter den Schwellenländern zu entwickeln. Da aufgrund ihrer inländischen Widerstandsfähigkeit die strukturellen Fundamentaldaten auf lange Sicht intakt bleiben sollten, bieten sich für Investoren hier ideale Bedingungen. Die künftige wirtschaftliche Integration der ASEAN-Staaten sowie ihre Fortschritte bei politischen Reformen sind ebenfalls unerlässlich, damit die Region – angeführt von Thailand, Indonesien, Vietnam und den Philippinen – ihrer Rolle als beste Anlagechance Asiens gerecht werden kann.




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