„Brasilianer mögen Herausforderungen“

Die Rezession in Brasilien ist ausgestanden, doch die Infrastruktur leidet seit Jahren unter fehlenden Investitionen. Das soll sich nun ändern. Ein Interview mit Roberto Jaguaribe, ehemaliger brasilianischer Botschafter und aktueller Präsident der brasilianischen Handels- und Investitionsförderagentur Apex-Brasil.

Welche Länder sind wichtig für den brasilianischen Handel?

Jaguaribe: In diesem Jahr haben wir erstmals den meisten Handel mit China getrieben, mehr noch als mit der EU. Die Beziehungen zwischen China und Brasilien sind stark und China braucht viele brasilianische Produkte. Die chinesische Wirtschaft ist enorm, kann aber viele Bedürfnisse der Bevölkerung nicht bedienen. Bei Ländern wie den USA oder Brasilien ist das anders. Beide Nationen sind reich an Ressourcen und Bodenschätzen und haben eine effiziente Landwirtschaft. Brasilien ist nahezu unabhängig von Importen und kann China mit Nahrungsmitteln oder Brennstoffen versorgen. Europa hingegen ist der traditionsreichste Handelspartner Brasiliens. Europäische und vor allem deutsche Investoren legen ihr Geld gern in Lateinamerika an. Beinahe 50 Prozent aller Investitionen in Lateinamerika werden von europäischen Anlegern in Brasilien getätigt. Damit liegen wir vor China und hinter den USA auf dem zweiten Platz europäischer Anlageziele. Die deutsche Industrie war in São Paulo lange Zeit größer als in jeder deutschen Stadt, weil sich dort so viele Investments deutscher Anleger konzentrierten. Brasiliens Verbindungen zu Europa sind so eng, dass man es als westliches Land bezeichnen könnte, da der europäische alle anderen Einflüsse überwiegt. Dies liegt auch am starken Zuzug. Schon seit dem 19. Jahrhundert lassen sich deutsche Unternehmen in Brasilien nieder. Siemens beispielsweise ist seit etwa 150 Jahren im Land. Bisher haben sich deutsche Investoren wenig für unsere Infrastruktur interessiert. Aber das ändert sich und wir bei Apex-Brasil wollen das fördern.

Was ist Apex-Brasil?

Jaguaribe: Die Brazilian Trade and Investment Promotion Agency hat drei Aufgaben. Wir fördern Brasiliens Exporte sowie internationale Investitionen im Inland und brasilianische Investitionen im Ausland. Zudem unterstützen wir brasilianische Firmen dabei, im Ausland präsent zu sein. Am stärksten konzentrieren wir uns auf die Förderung brasilianischer Exporte, aber unsere Aufmerksamkeit richtet sich zunehmend auch auf Investitionen in unsere Infrastruktur, weil es sich dabei um eine Schlüsselkomponente der nationalen Wirtschaft handelt. Trotz der schwieri- gen Jahre, die hinter uns liegen, halten wir unsere Strategien für erfolgreich. Brasilien ist noch immer das siebtgrößte Ziel für ausländische Direktinvestitionen weltweit. Ich denke, dass es auch so bleiben wird, da sich die nationale Wirtschaft wieder stabilisiert. Konzessionen erweisen sich derzeit in vielen Bereichen als lukrativ: Häfen, Sanitär, Flughäfen, Schienenverkehr, fossile und erneuerbare Energien. Auch die deutsche Industrie nimmt verstärkt daran Teil. Fraport beispielsweise hat zwei Flughäfen im Land akquiriert und wir hoffen, dass es noch mehr werden, da wir die Maßnahmen deutscher Konzerne und Unternehmen für sehr hilfreich halten. Wir brauchen noch viel mehr Investitionen in die brasilianische Infrastruktur.

Welche Sektoren treiben die brasilianische Wirtschaft?

Jaguaribe: Mehrere Faktoren treiben die brasilianische Wirtschaft. Derzeit sind die Agrarwirtschaft und Industrie sicher am dynamischsten. Vor vierzig Jahren musste Brasilien viele Nahrungsmittel importieren. Heute produzieren wir den größten Nahrungsmittelüberschuss weltweit und wir haben die Möglichkeit, unsere Produktivität noch zu steigern. Wir könnten dreimal so viele landwirtschaftliche Erzeugnissen produzieren, ohne dass dies auf Kosten von Nachhaltigkeit oder Umwelt geschieht. Landesweit wird auf 65 Millionen Hektar Getreide angebaut. Das entspricht einer Fläche, die etwas größer ist als Frankreich. Insgesamt werden 180 Millionen Hektar Land nicht ihrem vollen Potenzial entsprechend als Weide- oder Ackerland genutzt. Das zeigt, dass die brasilianische Wirtschaft sehr dynamisch ist und viel Potenzial bietet, vor allem bei Handelswaren und agrarindustriellen Gütern.

Inwiefern stellen die Folgen der Rezession auch Chancen für zukünftige Investitionen dar?

Jaguaribe: Brasilien ist ein facettenreiches Land. Das macht es schwierig, alle Zusammenhänge zu verstehen. Während der vergangenen zwei bis drei Jahre war Brasilien mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert. Nun haben wir aber das Schlimmste hinter uns. Die Wirtschaft wächst seit 2017 wieder und ich denke, dass das in der nächsten Zeit auch so bleiben wird. Wegen der jüngsten Rezession sind die Preise in Brasilien niedrig. Das hat das Land zu einem attraktiven Anlageziel in vielen Bereichen gemacht, besonders im Infrastruktursektor. Dieser befindet sich in einem katastrophalen Zustand. Das trifft auch auf Staaten wie die USA oder das Vereinigte Königreich zu. Sie beklagen den desolaten Zustand ihrer Infrastruktur, die mehr Investitionen benötigt. Wenige Ausnahmen sind Länder wie Deutschland oder China, die ihre komplett überholt haben. Brasilien müsste mindestens 3,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in die Infrastruktur investieren. In den Siebzigern lag der Istwert bei etwa sieben Prozent, mittlerweile sind es weniger als zwei Prozent. Das ist zu wenig, um bestehende Probleme zu lösen, aber dadurch bieten sich auch Gelegenheiten. Wir müssen Strukturen schaffen, die bislang gefehlt haben. Die Agrarwirtschaft expandiert im Landesinnern, aber der Transport zu den Häfen war bislang sehr ineffizient. Die Kosten für manche Produkte bestehen zu 20 Prozent aus Transportkosten. Es kostet mehr, Getreide vom Landesinnern zu den Häfen zu bringen, als es von dort in alle Welt zu verschiffen. Ich denke, dass die Bedingungen für rentable Investitionen günstig sind.

Wie können deutsche Anleger in die brasilianische Infrastruktur investieren?

Jaguaribe: Präsident Temer hat das Investment Partnership Programm (PPI) ins Leben gerufen. Das Programm ist erfolgreich, weil es auf markt- und investorenfreundlichen Regeln basiert sowie auf Transparenz und Voraussicht. Zudem verspricht es, stabil und vorhersagbar zu sein. Das bedeutet mehr Unabhängigkeit für Regulierungsbehörden, die dadurch unempfindlicher werden für politische Unsicherheiten im Land. Investoren können sich zudem immer an Apex wenden und wir leiten sie an die zuständigen Stellen weiter. Wir haben einen Kalender, der jederzeit eingesehen werden kann. Darin tragen wir Bieterverfahren jeglicher Art ein, von Häfen über Schienenverkehr bis hin zu Flughäfen. Wir brauchen mehr Energie und so hatten wir vergangenen Dezember zwei Bieterverfahren zur Energiegewinnung. Mehr Projekte dieser Art werden kommen.

Welche Rolle spielen erneuerbare Energien?

Jaguaribe: Gemessen an seiner Größe ist Brasilien die Volkswirtschaft mit der nachhaltigsten Energiegewinnung. Etwa 82 Prozent unseres Stroms stammt aus erneuerbaren Energien. Mit Unterzeichnung des COP21 in Paris haben wir uns dazu verpflichtet, diesen Anteil noch zu erhöhen. Dazu haben wir große Gasvorkommen vor der Küste, die ebenfalls lukrative Gelegenheiten versprechen.

Wie hat die brasilianische Infrastruktur unter der Rezession gelitten?

Jaguaribe: Die Infrastruktur leidet schon seit 20, 25 Jahren unter fehlenden Investitionen. Das bedeutet, dass jeder Bereich dringend zusätzliche Investitionen braucht. Die einzige Ausnahme ist das Kommunikationsnetz. Das war der erste Sektor, der unter Präsident Fernando Henrique vor 20 Jahren privatisiert wurde. Damit war er erfolgreich, das Kommunikationsnetz funktioniert landesweit gut.

Welche Gelegenheiten ergeben sich daraus?

Jaguaribe: Die anderen Sektoren sind sehr unterschiedlich. Im Transport, den fossilen Brennstoffen und den erneuerbaren Energien werden sich viele Gelegenheiten ergeben. Brasilien verfügt über große Öl- und Gasvorkommen im sogenannten Pre-Salt-Gebiet. Das ist eine Formation aus Sedimentgestein auf dem Meeresboden vor der brasilianischen Küste. Sie ist eines der größten Ölvorkommen weltweit und mehr als dreimal so groß wie Rio de Janeiro. Vor Kurzem änderte die Regierung auch die Gesetzgebung, sodass nun auch ausländische Konzerne neben dem brasilianischen Unternehmen Petrobras die Rohstoffe dort fördern dürfen. Für Petrobras allein wäre das nicht machbar gewesen. Das Unternehmen ist aber immer noch sehr aktiv in diesem Gebiet. Die brasilianische Regierung fährt mit dieser Entscheidung einen weniger restriktiven Kurs bezogen auf ausländische Unternehmen und das kommt letztendlich allen zugute.

Steht Brasilien vor einem langfristigen Aufschwung?

Jaguaribe: Wir sind schon mittendrin. 2016 schrumpfte unsere Wirtschaft um 3,6 Prozent, 2017 dagegen ist sie um beinahe ein Prozent gewachsen. 2018 könnte das Wachstum bei drei Prozent liegen. Das ist keine ideale Situation, aber annehmbar. Viele makroökonomische Aspekte spielen hier eine Rolle. Als die derzeitige Regierung an die Macht kam, lag die Inflation bei mehr als zehn Prozent. Im Dezember 2017 lag sie nur noch bei drei Prozent. Auch der Leitzins sank im selben Zeitraum von 14,25 auf 7,5 Prozent. Beide Werte sind hoch, doch man sieht eine Verbesserung. Die Konvergenz der lang- und kurzfristigen Zinssätze fördert nicht nur die Präsenz privater Finanzinstitute und langfristiger Finanzierungen, sondern sie ermöglicht es auch großen Rentenfonds, aktiver in die Infrastruktur zu investieren. Brasilien hat viele Rentenfonds, aber bei einem Zinssatz von 14 Prozent kauft man natürlich nur Staatsanleihen, das ist die beste Option. Brasilien ist ein großes Land mit vielen Problemen, aber die Situation bessert sich. Zudem mögen Brasilianer Herausforderungen. //




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