Brasilien wählt, was dann?

Auch Brasilien wählt bald. Was ist zu erwarten? „Die Erfahrungen Brasiliens in den letzten Jahren haben zumindest zu mehr Transparenz und verstärktem Widerstand gegen Korruption geführt, was langfristig den Anlegern zugute kommen könnte“, so William Ballard, Head of Emerging Market Equities bei Aviva Investors.

Im Gegensatz zu Mexiko, wo im Juli ein neues Parlament gewählt wird, kennt das brasilianische Wahlsystem zwei Durchgänge, wobei der Gewinner mindestens 50 Prozent der Stimmen zum Sieg benötigt. Eine Ipsos-Umfrage Ende 2017 ergab, dass 94 Prozent der Brasilianer sich von ihren Politikern nicht repräsentiert fühlten. Dies steigert die Chancen für alternative Kandidaten, sich bei den Parlamentswahlen im Oktober durchzusetzen.

Die Unzufriedenheit der Wähler mit der politischen Elite ist verständlich: Wie in Mexiko ist Korruption in Brasilien ein großes Problem. Im Jahr 2015 gingen Millionen von Menschen aus Protest auf die Straße, nachdem die Vorwürfe der Geldwäsche gegen den ehemaligen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva in einem Skandal gipfelten, der riesige Teile der politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes erfasste. Der Oberste Gerichtshof des Landes hat Ermittlungen gegen den Präsidenten, rund ein Drittel des Kabinetts, ein Drittel des Senats und zahlreiche Landeshauptmänner genehmigt.

Die frühere Präsidentin Dilma Rousseff wurde wegen Verstoßes gegen die Haushaltsgesetze im Jahr 2016 angeklagt. Ihre Absetzung führte zu einem erstaunlichen Anstieg des brasilianischen Aktienmarktes in jenem Jahr, als Investoren gleichzeitig von Reformversprechen des neuen Präsidenten Michel Temer begeistert waren. Der MSCI Brazil Index stieg um beachtliche 66,2 Prozent, während der MSCI Emerging Markets Index nur um 11 Prozent zulegte.

Temer – der wegen Behinderung der Justiz angeklagt wird – wird sich im Oktober nicht zur Wiederwahl stellen können, was die Frage aufwirft, wer stattdessen antritt. Einige tippen, dass Lula ein Comeback feiern könnte. Ein Erfolg scheint aufgrund seiner eigenen Korruptionsuntersuchung eher unwahrscheinlich.

Ein neuer Kandidat könnte davon profitieren, so Carlos Melo, Politikwissenschaftler am Institut für Bildung und Forschung in Sao Paulo. „Wenn Lula nicht zur Wahl stünde, würde dies zweifellos den Raum für einen Außenseiter öffnen, einen emotionalen Spitzenpolitiker“, sagt er.

Jair Bolsonaro, der rechtsgerichtete Bundesabgeordnete für Rio de Janeiro, könnte auf diese Beschreibung passen. Oft als Brasiliens Antwort auf Donald Trump beschrieben, kann der frühere Militärangehörige nach einer schweren Rezession, in der die Wirtschaft schrumpfte, die Arbeitslosigkeit stieg und die Sozialdienste gekürzt wurden, auf tiefgehende Enttäuschungen der Bevölkerung eingehen. Bolsonaro räumt ein, dass er wenig Verständnis von Wirtschaft hat und bietet keine einfachen Lösungen für Brasiliens politische Herausforderungen. Hierzu zählt zweifellos, den wirtschaftlichen Aufschwung voranzubringen und zu beschleunigen. Mit einem potenziell starken Mann mit Rückenwind wie Bolsonaro könnte Brasilien den Turnaround erreichen. Die Frage ist: Wird das Land die politischen und wirtschaftlichen Reformen vorantreiben oder in den Populismus zurückfallen?

Die Erfahrungen Brasiliens in den letzten Jahren haben zumindest zu mehr Transparenz und verstärktem Widerstand gegen Korruption geführt, was langfristig den Anlegern zugute kommen könnte. Es kommt darauf an, dass die Justiz in der Lage ist, ihre Arbeit auch durchzusetzen und effektiv strafrechtlich zu verfolgen. Sicherlich erleben wir in Brasilien große Fortschritte – aber das müssen wir auch in anderen Schwellenländern sehen.

Das anhaltende Hin und Her zwischen Populismus und Reform dürfte für die Schwellenländer, in denen 2018 gewählt wird, von zentraler Bedeutung sein. In Anbetracht der extremen Szenarien müssen die Anleger alle wichtigen Ergebnisse – auch die unwahrscheinlichsten – auf Herz und Nieren prüfen, um sicherzustellen, dass ihre Portfolios im kommenden Jahr widerstandsfähig sind.




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