Brasilien-Wahl: Die Kandidaten im Überblick

Die Wahl zum brasilianischen Präsidenten steht an: Noch-Präsident Temer ist unbeliebt. Wer sind seine aussichtsreichsten Gegenkandidaten? Welche Wirtschaftspolitik verfolgen sie?

Am 7. Oktober findet die Wahl in Brasilien statt. Die über 145 Millionen wahlberechtigten Brasilianer des flächenmäßig fünftgrößten Landes der Welt wählen an diesem Tag neben dem Staatspräsidenten auch einen neuen Nationalkongress. Sollte keiner der Präsidentschaftskandidaten eine absolute Mehrheit erzielen, sind die Brasilianer am 28. Oktober aufgerufen, wieder an die Wahlurnen zu treten.

Der derzeitige brasilianische Präsident, der 77-jährige Michael Temer, ist einer der unbeliebtesten in der noch jungen demokratischen Geschichte des Landes. Nach einem beispiellosen Korruptionsskandal, der nahezu alle Parteien betraf und zu einer Erschütterung der Grundfeste der Demokratie führte, geht es bei der Wahl im Oktober um nicht weniger als die Zukunft der brasilianischen Demokratie und die Frage, ob dem wirtschaftlich stärksten Land Lateinamerikas ein politischer Neuanfang gelingt.

Insgesamt haben 13 Kandidaten dem Obersten Wahlgericht ihre Kandidatur für das Präsidentenamt gemeldet. Nachfolgend werden die in den jüngsten Umfragen (Stand 17.09.2018; Quelle: CNT/MDA) aussichtsreichsten fünf Kandidaten vorgestellt.

Ein stark fragmentiertes Kandidatenfeld

Der 63-jährige Jair Bolsonaro liegt in den Umfragen bei 28 Prozent. Bolsonaro wurde am 6. September auf einer Wahlkampfveranstaltung in Südbrasilien Opfer einer Messerattacke. Der ehemalige Hauptmann des Militärs fällt immer wieder mit homophoben, frauenfeindlichen und rassistischen Äußerungen auf. Mit 5,4 Millionen Facebook-Fans (zum Vergleich: Lula 3,5 Mio.; Marina Silva 2,3 Mio.; Alckmin 930.000; Ciro Gomes 310.000) dominiert Bolsonaro die neue Social Media-Welt. In der Presse gilt Bolsonaro auch als „Brasiliens Trump“ und gilt als Anti-System-Kandidat.

Fernando Haddad liegt in den Umfragen bei 18 Prozent. Der 55-Jährige ersetzt in letzter Minute den ehemaligen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva, der in einem in Brasilien umstrittenen Korruptionsverfahren zu 12 Jahren Haft verurteilt wurde und gemäß Entscheidung des Obersten Wahlgerichtes nicht kandidieren darf. Haddad hielt von 2013 bis 2017 die Position des Bürgermeisters von São Paulo inne und war einst Brasiliens Bildungsminister. Haddads Idee, São Paulo mit mehr Radwegen auszustatten, brachte ihm ein grünes Image ein. Spannend wird, ob es Haddad schafft, einen großen Teil von Lulas Stimmenpotenzial in den verbleibenden Wochen auf sich zu ziehen. Innerhalb der letzten Woche sind die Umfragewerte von Haddad von allen Kandidaten am deutlichsten gestiegen (von 8 Prozent auf 18 Prozent).

Der 60-jährige Ciro Gomes, ein studierter Jurist, liegt in den Umfragen mit 11 Prozent derzeit auf dem dritten Platz. Er blickt auf eine über 30-jährige politische Karriere zurück. Gomes plädiert gegen die Privatisierung des halbstaatlichen Erdölkonzerns Petrobras. Ausländische Investoren verschreckt Gomes zudem durch Aussagen, dass alle Ölfelder, die seit der Amtsenthebung der ehemaligen Staatspräsidentin Dilma Rousseff an das Ausland verkauft worden seien, enteignet würden.

Der 65-jährige Geraldo Alckmin mit Umfragewerten von 9 Prozent gilt als Favorit der Finanzmärkte, aber seine Umfragewerte sind noch zu tief. Der 65-jährige studierte Mediziner ist Mitgründer der sozialdemokratischen Partei und gilt als erfahrener und souveräner Politiker. Bis April 2018 regierte er den bevölkerungsreichsten Bundesstaat São Paulo, aus dem der Präsidentschaftskandidat auch stammt. Alckmin steht für eine liberale Wirtschaftspolitik und Entbürokratisierung. Alckmin spricht eher Wähler mit höheren Einkommen und Großunternehmer an.

Marina Silva vereint in den Umfragen 4 Prozent Stimmen auf sich. Die 60-jährige studierte Historikerin ist dem linken Parteienspektrum zuzuordnen. Sie möchte die Umwelt, das von ihr hauptsächlich besetzte Thema, besser mit der Wirtschaft, einschließlich dem Agrobusiness, verbinden. Marina Silva war im Zeitraum 2003 bis 2008 Umweltministerin und ist die einzige Frau im Feld der Spitzenkandidaten.

Das brasilianische Kandidatenfeld ist stark fragmentiert. Das macht die Analyse knapp drei Wochen vor der Wahl nicht einfach. Die beschriebenen fünf Kandidaten vereinen in der jüngsten Umfrage 67 Prozent der Stimmen auf sich. Kandidaten mit derzeit einstelligen Popularitätswerten können durchaus noch an Zustimmung in der Bevölkerung gewinnen und für Überraschungen beim Wahlausgang sorgen. Am Ende muss ein Kandidat die absolute Mehrheit der gültigen Stimmen erreichen, um neuer Präsident zu werden.

Die möglichen Auswirkungen für die Finanzmärkte

Alckmin steht für eine liberale Wirtschaftspolitik und Entbürokratisierung und ist eigentlich der Favorit der Börsianer. Da er jedoch in den Umfragen bisher nur einstellige Popularitätswerte erhält, erscheint es aus jetziger Sicht unwahrscheinlich, dass er das Rennen zum Präsidenten für sich entscheiden kann.

Knapp drei Wochen vor der Wahl sieht es nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Jair Bolsonaro und Fernando Haddad aus. Falls Bolsonaro gewinnt, könnte dies positive Auswirkungen auf die brasilianische Währung, den brasilianischen Real, und brasilianische Aktien haben. An der Seite von Bolsonaro steht als Finanzberater der Investmentbanker Paulo Guedes. Dieser möchte staatliche Firmen privatisieren (z.B. Banco do Brasil und Petrobras) und damit die Staatsschulden reduzieren.

Fernando Haddad kandidiert für Brasiliens Arbeiterpartei als Präsidentschaftskandidat. Sollte der Linkspolitiker Haddad gewinnen, könnten der brasilianische Real und brasilianische Aktien darunter leiden.

Am brasilianischen Finanzmarkt scheint allerdings auch schon einiges an potenziell negativen Entwicklungen eingepreist. Der brasilianische Real hat gegenüber dem Euro in diesem Jahr bereits 18 Prozent seines Wertes verloren und der brasilianische Aktienmarkt notiert derzeit mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis für das laufende Jahr von 11,3 bereits 30 Prozent unter dem im Oktober 2016 markierten Fünf-Jahres-Bewertungshoch von 16,1. Vor diesem Hintergrund schließen wir auch eine brasilianische Erholungsrallye nach dem Wahlausgang in Brasilien nicht aus.




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