Auch wenn ein chaotischer Brexit weiterhin droht, ist auch hier ein „ja, aber“ angebracht. Ein völliges Chaos mit Fluggesellschaften die nicht mehr fliegen dürfen und anderen Horrorgeschichten ist eher unwahrscheinlich. Solche Vorstellungen sind eher dazu gemacht, um es in die Zeitungen dieser Welt zu schaffen, haben aber wenig mit den praktischen Umsetzungen gemein. Es wird Probleme und Störungen in bestimmten Bereichen geben, ja. Aber es bleibt weiterhin genügend Zeit, um die wichtigsten regulatorischen und handelspezifischen Verträge zwischen der EU und Großbritannien, notfalls mit Ad-hoc-Ausnahmeregeln zu ersetzen. Das dies trotzdem zu Störungen führen wird, ist klar. Von einem totalen Chaos sollte man aber nicht ausgehen da dies auch nicht im Interesse beider Parteien ist.

Im EU-Haushalt dürfte dann 2019 jedoch ein Milliardenloch klaffen. Folge wären eine Haushaltssperre oder neue Forderungen an Nettozahler – auch an Deutschland. In Irland würde wohl dann auch die gefürchtete harte Grenze mit Kontrollen entstehen.

Investoren sollten auf verborgene Abhängigkeiten achten

Sieht man von diesen offensichtlichen Punkten ab, sollten Investoren sich eher mit den Risiken beschäftigen, die nicht so offensichtlich sind. Zieht man die Lehman-Pleite als Beispiel heran so waren es die globalen quasi unsichtbaren finanziellen Verflechtungen, die eine Kettenreaktion und Finanzmarktverwerfungen zur Folge hatten.

Im Fall eines No-Deal Brexit könnten zum Beispiel Handels- und Finanzinterdependenzen zu Tage treten, die bis dato in dieser Form so nicht wahrgenommen wurden und indirekt nicht nur eine Rezession in Großbritannien, sondern auch in der EU und potentiell einer Implosion zum Beispiel Italiens zur Folge haben. Dies würde zu dramatisch steigenden Zinsen in Italien und der Peripherie führen, einer gleichzeitigen Flucht in deutsche Staatsanleihen und substantiellen Abschlägen bei europäischen Aktien. Auch wenn solche Szenarien sehr unwahrscheinlich sind, wären ihre negativen Auswirkungen verheerend. Sie sollten daher bei jedem langfristig orientierten Investor auf der Agenda stehen.

Viele Möglichkeiten stehen nun immer noch im Raum und die Unsicherheit bleibt. Es könnte neue – möglicherweise sinnlose – Verhandlungen mit der EU geben, Neuwahlen, einen neuen Premierminister, ein zweites Referendum mit ungewissem Ausgang, eine Verlängerung des Artikel 50, einen Exit vom Brexit oder auch einen Austritt ohne Vertrag.

Einige dieser Möglichkeiten sind wirklichkeitsfremd, einige sind grundlegend schlecht. Was allen gemein ist, dass ein wichtiger Bestandteil fehlt, den Unternehmen, Investoren, die Bevölkerung und die diplomatischen Partner der Briten seit langem vergeblich suchen – Stabilität. Was bleibt ist ein „ja, aber“ und die Hoffnung – die stirbt ja bekanntlich zuletzt.




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