„Der Wirtschaftsausblick für den Euroraum war noch nie so gut”

Die Wirtschaftsaussichten in Europa sind so gut wie nie, das prognostiziert der IWF. Nicolas Forest, Head of Fixed Income Management beim Europäischen Multi-Asset-Spezialisten Candriam fragt: Ist das wirklich so? Und prüft die Thesen des IFWs und der Weltbank.

Die Erwartungen der Finanzwelt für den Euroraum klangen auf der diesjährigen Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank erstaunlich unspektakulär. Nach Jahren systemischer Krisen, in denen sogar der Euroraum selbst infrage gestellt wurde, scheint Europa heute die Insel der Glückseeligen zu sein – mit Wohlstand und politischer Stabilität. Aber ist das wirklich so?

Beginnen wir mit der Wirtschaft. Tatsache ist, dass der Euroraum heute genauso stark wächst wie die USA und Großbritannien. Der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Victor Constâncio war sehr erfreut darüber, dass vor allem die starke Binnennachfrage für Wachstum sorgt. Kaum ein Industrieland verzeichnete einen stärkeren Anstieg des realen Pro-Kopf-Einkommens. 2017 legte es um 2 Prozent zu, gegenüber nur 1,5 Prozent in den USA (Siehe Tabelle). Seit Juni 2014, als die EZB mit ihrer unkonventionellen Geldpolitik begonnen hatte, sind über sieben Millionen Stellen geschaffen worden. Auch das Haushaltsdefizit verzeichnete einen massiven Rückgang, von 5,4 Prozent im März 2010 auf 0,3 Prozent im 1. Quartal 2017.

Die Länder mit den größten Defiziten hatten sich massiv angestrengt, so dass 2017 nur noch wenige europäische Staaten ein Primärdefizit von über 3 Prozent aufweisen. Steht in Europa also alles zum Besten? Mitnichten. So schwach der Wachstumsausblick für Italien auch ist: Mit seinem Hinweis auf den Rückgang der Arbeitslosenquote nach der jüngsten Arbeitsmarktreform hat der italienische Finanzminister die Märkte zwar durchaus beruhigt. Nach Schätzungen des IWF bleibt Italien aber dennoch der kranke Mann Europas. Sie gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2018 sogar fällt, erstmals seit zehn Jahren.

Vor diesem Hintergrund hat der IWF seine Wachstumsprognose für den Euroraum für das Jahr 2018 auf 1,9 Prozent angehoben und gleichzeitig die Prognose für Großbritannien auf 1,5 Prozent gesenkt. Er äußerte auch Zweifel an der US-Konjunktur, deren Stärke von einer möglichen Steuerreform abhängen dürfte. Außerdem wird für den Euroraum ein Leistungsbilanzüberschuss von etwa 3 Prozent erwartet, während die USA und Großbritannien strukturelle Defizite haben. Der Wirtschaftsausblick für den Euroraum war noch nie so gut.

Erhebliche politische Risiken in Großbritannien und in den USA

Noch überraschender ist die politische Lage. Vielen Investoren scheint der Euroraum politisch recht stabil zu sein. Im Vergleich zu Großbritannien ist er es zweifellos: Dem früheren Notenbankgouverneur Mervyn King machen die Brexit-Verhandlungen Sorgen. Die Position der Regierung scheint ihm „unverständlich“. Sie würde „einer möglichen sozialistischen Regierung“ den Weg bereiten, die „Verstaatlichungen und vielleicht sogar Kapitalkontrollen“ plane. Für den früheren Chef der Bank of England ist auch die Vorstellung eines „langsamen Übergangs“ Utopie – denn die Regierung wisse nicht, wohin der Übergang führen solle. Faktisch würde die Regierung May durch ihre Uneinigkeit über die langfristigen Ziele Verhandlungen mit den europäischen Partnern unmöglich machen. Plan A sei alles andere als klar, und einen Plan B gebe es nicht.

Auch im Vergleich zu den USA steht Europa gut da. Larry Summers, ehemaliger Finanzminister der USA und Chefökonom der Weltbank, spricht von einer der schwersten Krisen der amerikanischen Politik: „Regierung und Präsident sind so inkompetent, dass die politischen Risiken so hoch sind wie nur selten in den letzten 50 Jahren.“ Das betrifft insbesondere:

  • die Fiskalpolitik: Wird die Steuerreform kommen und wird sie vielleicht durch Schulden finanziert?
  • die Geldpolitik: Wer wird Nachfolger von Janet Yellen?
  • die Außenpolitik: Was wird aus dem Nordkoreakonflikt und den Spannungen wegen des Atomabkommens mit dem Iran?

Umso bemerkenswerter ist, dass nach einer NBC-Umfrage vom September 96 Prozent von Trumps Unterstützern bei den republikanischen Vorwahlen ihm auch heute noch vertrauen. Das ist ein echtes Risiko, das an den Märkten bislang noch nicht ernst genommen wurde.

Europa macht hingegen Fortschritte. Die Strukturreformen sind weit gediehen: Die Bankenunion ist fast vollendet, die Fiskalunion weiter vertieft und auch der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) dürfte gestärkt werden. Natürlich hat das Wachstum im Euroraum konjunkturelle Gründe, doch sollte man die grundsätzliche Bereitschaft zu EU-Strukturreformen nicht übersehen. Die Ideen von Präsident Macron sind keineswegs neu, werden aber jetzt von den Investoren akzeptiert und könnten die Glaubwürdigkeit des Euroraums stärken.

Jahrelang haben Investoren den Euro verschmäht, aber jetzt wird er ein echter sicherer Hafen. Sicher, an den Märkten herrscht eine gewisse Sorglosigkeit. Man ignoriert die Katalonien-Krise und die italienischen Wahlen. Dass Europa strukturelle Fortschritte gemacht hat, steht aber außer Frage. Viel spricht dafür, dass der Euro 2018 wieder seinen Gleichgewichtskurs von 1,20 zum US-Dollar erreicht.




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