Führend in ihrer Nische

Skandinaviens Wirtschaft profitiert von Unternehmen, die häufig Marktführer in ihrer jeweiligen Nische sind. Problematisch wird es dann, wenn der Export ihrer Produkte ins Stocken gerät. Ein Interview mit SEB-Manager Tommi Saukkoriipi.

Welche Länder gehören zu Skandinavien?

Saukkoriipi: Streng genommen gehören dazu Schweden, Norwegen und Dänemark. Die „nordische“ Region umfasst dazu noch Finnland und Island. Landläufig zählt man aber auch Finnland zu Skandinavien.

Was macht die skandinavische Wirtschaft aus?

Es sind alles freie, offene Marktwirtschaften in der Region, die sich auf Exporte konzentrieren. Sie sind zyklisch, jedoch aufgrund unterschiedlicher Treiber. Die wichtigsten Sektoren in Schweden und Finnland sind Industrie, Finanzen, Rohstoffe und Technik. Die Entscheidung Nordeas, von Schweden nach Finnland umzusiedeln, dürfte die Gewichtung des Finanzsektors zu Finnlands Gunsten verschieben. In Norwegen sind vor allem Energie und Fischfang bedeutend, in Dänemark dagegen Gesundheitswesen und Konsumgüter. Da diese Sektoren recht stabil sind, ist Dänemarks Wirtschaft weniger anfällig für Schwankungen und wird oft als der „sichere Hafen“ der Region betrachtet. Eine weitere Gemeinsamkeit der Länder ist der gute Zustand der öffentlichen Finanzen. Das hebt sie von einigen Mitgliedern der EU ab, deren Staatshaushalte hoch verschuldet sind. Wenn es aber etwa um die Überalterung der Gesellschaft geht, hat Skandinavien ähnliche Probleme wie andere Staaten.

Wie äußert sich das „Nordic Model“ in der regionalen Wirtschaft?

Der Begriff bezeichnet die Kombination freier Marktwirtschaften mit einem hohen Maß an sozialer Absicherung in der Region. Vor allem Dänemark ist bekannt für die Verbindung von Flexibilität und Sicherheit. Dort ist es einfacher, Angestellte zu entlassen, doch werden diese im Folgenden von einem staatlichen Sicherheitsnetz aufgefangen. In der ganzen Region können Arbeitskräfte relativ einfach umverteilt werden und Unternehmen zögern nicht, neue Mitarbeiter einzustellen, im Gegensatz zu ihren Pendants in Ländern wie Spanien oder Frankreich. Zudem übernehmen die Regierungen der skandinavischen Länder viel Verantwortung darin, sich um ältere Bürger zu kümmern, ähnlich wie in Deutschland. Dadurch sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich weniger ausgeprägt als in Staaten wie den USA oder Großbritannien. Man könnte auch die niedrigen Kriminalitätsraten auf die soziale Absicherung zurückführen sowie den leichteren Zugang zu Bildung für Kinder benachteiligter Familien.

Was unterscheidet skandinavische Unternehmen von anderen?

Da skandinavische Unternehmen in kleinen offenen Wirtschaften ansässig sind, wurden sie kaum durch Handelsbarrieren geschützt. Um global wettbewerbsfähig zu sein, mussten sie sich kontinuierlich weiterentwickeln. Wenn man in Skandinavien investiert, verschafft einem das Zugang zu einigen Unternehmen, die in ihrer Marktnische führend sind. Diese Nischen sind mitunter klein, aber das ist nicht so wichtig, wenn man sie anführt. Das generiert gute Erträge und die Fähigkeit, den Markt langfristig zu konsolidieren. Marktführer in Nischenmärkten belohnen Investitionen, indem sie langfristig bessere Erträge erwirtschaften als in größeren Märkten auf europäischer oder sogar globaler Ebene. Man könnte auch sagen, dass das Wachstum skandinavischer Unternehmen das globale widerspiegelt, da sie sich vor allem in den Emerging Markets schon früh positioniert haben. Man investiert also in globales Wachstum mit lokaler Präsenz. Das ist weniger riskant, als direkt in lokale Unternehmen anderer Regionen anzulegen. Das wiederum liegt unter anderem an der transparenteren Buchführung skandinavischer Unternehmen, die Skandale im Zuge einer Rechnungsprüfung weniger wahrscheinlich macht.

Welche Sektoren sind vielversprechend?

Lokale Investoren interessieren sich weniger für den Ort oder die Branche, an dem beziehungsweise in der ein Unternehmen ansässig ist, sondern für seine Performance. Einige vielversprechende Namen, die aus Skandinavien stammen, sind Novo Nordisk, Nordea sowie Cargotec. Innerhalb ihrer Subsektoren sind alle Weltmarktführer oder führend in der Region. Im Finanzsektor gibt es zudem einige neue Marktteilnehmer, die etablierten Unternehmen Konkurrenz machen. Beispiele dafür sind iZettle, die Zahlungen für kleine Einzelhändler vereinfachen, oder Klarna, die mit ihrem Dienst Kreditkarten überflüssig machen könnten. Allen gemein ist ihr schnelles Wachstum. Für sie ist es wichtiger zu wachsen als profitabel zu sein. Dabei sind sie auf das Wohlwollen ihrer Anteilseigner angewiesen, die weiter investieren, um Verluste auszugleichen. Ein weiteres Beispiel, allerdings kein Fintech, ist Spotify. Auch hier ist Wachstum wichtiger als Profit.

Warum sind beinahe 70 Prozent des SEB Nordic Fund im Industrieund Finanzsektor angelegt?

Langfristig sollte die globale Industrie stark wachsen. Wir glauben, dass dies in viele unserer Positionen noch nicht eingepreist ist. Ähnliches gilt für Rohstoffe, von denen einige neu bewertet werden müssen. Im Finanzsektor gibt es Unternehmen wie Investor, die deutlich unter ihrem Nettoinventarwert gehandelt werden, die interessant für unser Portfolio sind. Wir halten auch Banken wie Danske Bank oder DNB für vielversprechend. Sie verfügen über gute Bilanzen und ein attraktives Kurs-Gewinn- Verhältnis von zehn. Wir bevorzugen Unternehmen wie diese wegen ihrer stabilen Erträge. Dazu kommt das erwähnte Wachstumspotenzial des Industrie- und Rohstoffsektors. Vor allem aber geht es uns um die Merkmale einzelner Unternehmen. Wir verfolgen einen Bottom-up-Ansatz und investieren nicht breit in einen Sektor. Wenn wir in eine Firma investieren, beziehen wir auch ihre Wettbewerber, Lieferanten und Berater mit ein. Jede zusätzliche Information ist nützlich. Im Industriesektor hält SEB Anteile an Volvo, DSV oder Tomra. Volvos Trendwende ist bemerkenswert und unter anderem dem neuen Management zu verdanken, das von Scania abgeworben wurde. So konnten sie Scania als Marktführer in ihrem Segment ablösen. DSV ist eine Transportfirma mit Schwerpunkt Logistik, die den Markt geschickt konsolidiert hat. Ihr ist es gelungen, ein profitables Netzwerk in einem stark fragmentierten Markt aufzubauen. Zudem ist ihre Bewertung gut. Tomra führte 2006 das Pfandsystem für Flaschen und Dosen in Deutschland ein. Seitdem sind sie Marktführer in diesem Segment. Das System verbreitet sich, obwohl Konzerne wie Coca-Cola ihm Steine in den Weg legen, so oft sie können. Immer mehr Länder folgen dem Beispiel Deutschlands und führen ebenfalls Pfandsysteme ein, wie Australien und einige US-Staaten.




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