Günstige Aussichten?

Der Lirakurs fällt. Bloomberg zählt die Türkei trotzdem zu den attraktivsten Schwellenländern 2018. Warum? Das Land könnte von einer Schwäche profitieren. Ein Beitrag aus dem aktuellen Global Investor.

Wenn es um die Politik Erdoğans, seinen rigorosen Führungsstil und Umgang mit der Opposition geht, scheint in der deutschen Presselandschaft Einigkeit zu herrschen: Dem Regierungskurs der AKP ist nicht (mehr) beizupflichten. Dabei waren es lange Zeit die Europäer, die den Aufstieg der AKP als demokratische Alternative in einem mehrheitlich muslimischen Land begrüßten. Die ökonomische Öffnung der Türkei war dafür ebenfalls maßgebend, denn die AKP-Wirtschaftspolitik setzte von Anfang an auf Globalisierung und Investitionsanreize.

„Ökonomischer Populismus“ nennt Ziya Öniş, Professor für Internationale Politik an der türkischen Koç Universität und Wirtschaftswissenschaftler, ein Phänomen, das hinter der AKP-Politik steht: das Versprechen von der wirtschaftlichen Prosperität. Es ist ein zentrales Leitmotiv – zumal als Antwort auf die entbehrungsreichen Krisenjahre vor der Inauguration der AKP im Jahr 2002. Befürworter der Partei verteidigen auch die umstrittenste Politik der Regierung unter Erdoğan regelmäßig mit dem Verweis auf die wirtschaftlichen Fortschritte.

Vor allem in den ersten Jahren der AKP-Ära wartete die Türkei mit Wirtschaftsdaten auf, die selbst in der Gruppe der Schwellenländer ihresgleichen suchten. Das Wirtschaftswachstum boomte zeitweise auf dem Niveau der chinesischen Vorzeigekonjunktur, die Direktinvestitionen aus dem Ausland erreichten bisher ungekannte Umfänge und das Pro-Kopf-Einkommen verdreifachte sich innerhalb von nur neun Jahren.

Von der Krise zur Erholung?

Lange Zeit hatten politische und wirtschaftliche Krisen endemischen Charakter: Ständige Politikwechsel gingen einher mit teils erheblichen Einbrüchen und Schrumpfungsperioden bei der Wirtschaftskraft. Diese „Stop-and-Go“-Zyklen haben sich seit der türkischen Wirtschaftskrise 2001 abgeschwächt. Die Inflationsentwicklung weist ebenfalls weniger Schwankungen auf. Lag sie 1997 noch bei über 80 Prozent, fiel sie stetig und pendelte sich ab 2004 auf knapp unter zehn Prozent ein. Im Vergleich zur Eurozone sind das zwar immer noch hohe Werte, aber liegen diese deutlich unter dem Niveau der Vergangenheit. Der Boom der 2000er katapultierte türkische Bauunternehmen an die internationale Spitze, der Tourismus zog von Jahr zu Jahr mehr ausländische Besucher an und die Industrieproduktion entwickelte sich positiv.

Stärkere Einbrüche gab es im Zuge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2009. Schließlich führten 2016 innenpolitische und außenpolitische Spannungen sowie terroristische Anschläge zu einer temporären Wirtschaftskrise.

Das langsamere Wachstum im Vergleich zu den Nullerjahren und kleinere Schwächephasen können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die türkische Wirtschaft an Stabilität gewonnen hat. Gerade deshalb dürfte es Anleger in der Vergangenheit nicht verwundert haben, dass gerade die Wahlsiege Erdoğans wiederholt die Börsenkurse beflügeln konnten.

Überraschende Zahlen

Das Jahr 2o17 sorgte für Überraschungen. Zum einen legte die türkische Wirtschaft kräftiger zu, als es von den Prognosen erwartet wurde. Über das Jahr verteilt, lag das BIP-Wachstum beständig bei mindestens fünf Prozent und erreichte über die Sommermonate sogar bis zu elf Prozent. Auch die Aktienkurse nahmen an Fahrt auf. Der BIST-30-Index befindet sich seitdem auf einem historischen Höhenflug (Stand: 16. 02. 2018).

Was ist geschehen? Die schwierige Situation im Jahr 2016 veranlasste die Regierung, wirtschaftliche Anreize durch fiskalpolitische Maßnahmen zu setzen. „Die türkische Regierung setzte auf eine fiskalische Expansion durch die Einführung des Kreditgarantiefonds“, sagt Burak Öztunç, Fondsmanager bei BNP Paribas. Der 60 Milliarden schwere staatlich gestützte Fonds sollte das Vertrauen in die nationale Wirtschaft stärken. „Davon profitierte der Bankensektor, da die Kreditgarantien das Kreditwachstum befeuern konnten, ohne dabei das Bilanzrisiko zu erhöhen“, sagt der Fondsmanager aus Istanbul. Nicht nur die Banken allein profitierten. Nach den allgemeinen Wirtschaftsdaten zu urteilen, legten auch Privatkonsum, Unternehmensinvestitionen und Löhne zu, was teils auch auf zusätzliche Steuersenkungen zurückzuführen ist.

Wie nachhaltig derartige Maßnahmen schlussendlich sind, ist unter Experten umstritten. Die zwei zentralen Schwachstellen der türkischen Wirtschaft stellen nach wie vor das Leistungsbilanzdefizit und die immer noch hohe Inflation dar. Diese Probleme lassen sich wohl kaum durch kurzfristige staatliche Kreditanreize lösen.

Hohes Leistungbilanzdefizit und hohe Inflation

Erdoğan fordert mit harscher Rhetorik regelmäßig die türkische Notenbank auf, den Leitzins zu senken. Er erhofft sich somit mehr Investitionsanreize für türkische Unternehmen. Die türkische Notenbank weigerte sich jedoch wiederholt. Die Reaktionen: Im Stile von Verschwörungstheorien wird seitens der Politik von einer Zinslobby fabuliert, die der Türkei schaden will. Allerdings lag die Inflation mit 12,3 Prozent zuletzt auf dem höchsten Niveau seit 15 Jahren. Die Notenbank folgt dem Inflationsziel von fünf Prozent, folglich müsste Zentralbankchef Murat Çetinkaya den Leitzins deutlich erhöhen.

Die niedrigen Zinsen treiben weiter die Inflation an. Die türkische Lira bleibt im Wechselkursverhältnis gegenüber Dollar und Euro schwach. Für den heimischen Konsumenten ist diese Situation schlecht. Anders sieht es für die türkische Exportwirtschaft aus, denn Unternehmen, die etwa nach Europa exportieren, können günstige Produkte anbieten. „Wir sind der Auffassung, dass eine graduelle Abwertung der Währung in wachsenden Ökonomien gut gemanagt werden kann“, sagt Öztunç und schließt dem an: „Die Abwertung bietet also auch Chancen, denn sie erhöht die Wettbewerbsfähigkeit türkischer Produkte.“

Günstige Zeiten?

Doch nicht nur die Güter sind günstiger als die Konkurrenz, was türkische Exportunternehmen für Anleger interessant machen dürfte. Eine aktuelle Bloomberg-Analyse zählt die Türkei neben Mexiko zu den chancenreichsten Schwellenländern. Die Türkei, so meinen die Experten, sei im Gegensatz zu asiatischen Staaten deutlich günstiger. Für einige Anleiheinvestoren gilt dies wohl auch im europäischen Kontext: „Insgesamt ist die Region teuer, aber die Türkei scheint nach einem kleinen Ausverkauf in der zweiten Hälfte des letzten Jahres derzeit etwas angemessener bewertet als die andern europäischen Länder“, sagt Theo Holland, Co-Manager des Kames Emerging Market Bond Opportunities Fund.

Für die nächsten Monate wird die Politik möglicherweise wieder wichtiger: „2018 ist ein Vorwahljahr, daher wird die Regierung das Wachstum weiterhin durch öffentliche Ausgaben unterstützen“, gibt Fondsmanagerin Amalia Ripfl von Erste Asset Management zu bedenken. Der türkische Staatspräsident muss also agieren, um sein Versprechen vom wirtschaftlichen Aufschwung einzuhalten. Sein Erfolg hängt wesentlich vom Wohlstand des Landes ab. //




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