„Indiens Demografie als Trumpfkarte“

Indiens Wirtschaft hinkt China in vielen Bereichen hinterher, hat aber in einem entscheidenden Punkt einen Vorteil: sein günstiges demografisches Profil. Aber wird Indien diesen Vorteil auch nutzen können? Ein Beitrag von Will Ballard, Head of Emerging Markets and Asia Pacific Equities bei Aviva Investors.

Indiens Entwicklung in den 70 Jahren seit seiner Unabhängigkeit ist beeindruckend. Das inflationsbereinigte Pro-Kopf-Einkommen des Landes stieg in der Zeit um das Fünffache und die Lebenserwartung hat sich von 32 Jahre auf 68 Jahre mehr als verdoppelt.

Doch Indiens Wachstum sieht im Vergleich zu den Fortschritten in China eher dürftig aus. Als Hauptherausforderer der USA hat die Volksrepublik Indien in den vergangenen 30 Jahren als dominierende Wirtschaftsmacht überholt. Indiens Pro-Kopf-BIP war Anfang der 1980er Jahre höher als das Chinas, doch jetzt verdienen die Chinesen durchschnittlich 8.123 US-Dollar, während es Indien nur auf 1.709 USD pro Kopf schafft. Auch bei den wichtigen Kennzahlen wie Alphabetisierungsrate, Gesundheitsvorsorge und Lebenserwartung überholte China den Subkontinent.

Dennoch hat Indien einen bemerkenswerten Vorteil, der sich im Laufe des nächsten halben Jahrhunderts zu seinen Gunsten auswirken wird: die Demografie. China hat eine schnell wachsende Bevölkerung älterer Menschen und eine sinkende Zahl an Bürgern im erwerbsfähigen Alter, die sie unterstützen können. Dies ist zum Teil die Folge der Ein-Kind-Politik, die nun schrittweise abgeschafft wird. Indien hingegen verfügt über eine junge und wachsende Erwerbsbevölkerung.

Indiens Demografie als Trumpfkarte

Theoretisch dürfte Indien mittelfristig ein höheres BIP-Wachstum als China aufweisen können, wenn man die demografischen Faktoren als Triebfeder betrachtet. Ein Grund für das rasante Wirtschaftswachstum Chinas seit den späten 1970er Jahren war unter anderem die sogenannte demografische Dividende. Die Volksrepublik erlebte in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen Babyboom. Dies hatte zur Folge, dass die in diesen Jahrzehnten geborenen Bürger gerade das arbeitsfähige Alter erreichten, als sich Chinas Wirtschaft unter Deng Xiaoping zu öffnen begann. Die US-Denkfabrik Brookings Institution schätzt, dass die demografische Dividende für 15 bis 25 Prozent des chinesischen Wirtschaftswachstums zwischen 1980 und 2000 verantwortlich war.

Nun ist Indien auf einen eigenen demografischen Aufschwung eingestellt. Das dortige Arbeitskräftepotential könnte in den nächsten 50 Jahren um 54 Prozent wachsen, während Chinas Arbeitnehmerzahl um ein Fünftel schrumpfen dürfte. Im Jahr 2020 wird Indiens Bevölkerung ein Durchschnittsalter von 29 Jahren aufweisen, während es in China bei 37,5 Jahren liegen wird. Die demografische Entwicklung allein reicht jedoch nicht aus, um das Wachstum anzukurbeln. Zudem steht Indien vor großen Herausforderungen, wenn es von diesem Trend profitieren möchte.

Indien hat nicht von der gleichen Industrialisierung oder Stärkung der ländlichen Arbeitskräfte wie in China profitiert und sein Pro-Kopf-BIP hinkt noch immer weit hinterher. In Indien leben weit weniger Menschen in den Städten (etwa 32 Prozent) als in der Volksrepublik (etwa 55 Prozent). Zudem wird Indiens Urbanisierungsprozess durch Probleme wie etwa lückenhafte Stromverteilungsnetze untergraben.

Modis Regierung muss Reformen weiter vorantreiben

Indiens Regierung muss die Wirtschaft geschickt lenken, um sicherzustellen, dass genügend Arbeitsplätze sowie Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für die wachsende Erwerbsbevölkerung vorhanden sind. Eine Studie von Ernst & Young zeigt jedoch, dass Indien derzeit weder genügend Arbeitsplätze schafft noch genügend Ausbildungsplätze bereitstellt.

Indiens Privatsektor wird nach wie vor durch die Regulierung behindert, die das Beschäftigungswachstum hemmt. Laut Erhebungen der indischen Arbeitsbehörde schuf der Arbeitsmarkt zwischen 2010 und 2017 jährlich weniger als zwei Millionen Arbeitsplätze, trotz eines durchschnittlichen jährlichen BIP-Wachstums von mehr als sieben Prozent in diesem Zeitraum. Dies ist eindeutig zu wenig, wenn die Bevölkerung jedes Jahr um rund 16 Millionen Menschen wächst. Zwar hat Premierminister Narendra Modi bei der Wirtschaftsreform und dem Bürokratieabbau einige Fortschritte gemacht, jedoch muss noch mehr getan werden.




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