„Japan wird Fußball-Weltmeister“

Zehn kühne Thesen: Ziemlich unwahrscheinlich – aber zum Nachdenken empfohlen! Jesper Koll, Leiter WisdomTree Japan, versucht Extremszenarien zu denken, um im Gegensatz zu herkömmlichen Prognosen des Marktkonsenses.

Alljährlich legen Wirtschaftsexperten und Strategen zu dieser Zeit ihre Prognosen für das kommende Jahr vor. Quantitative Prognosen beruhen auf Wahrscheinlichkeitsmodellen, die zwangsläufig von einer zwischen der vergangenen und künftigen Entwicklung bestehenden Korrelation ausgehen. Qualitative Szenarien basieren dagegen in gewisser Weise auf einer Kombination aus Erfahrung und gesundem Menschenverstand. In beiden Fällen lassen die angewandten Methoden offenbar meist nur wenig Spielraum für die Diskussion von echten Extremszenarien und Überraschungen.

Der vorliegende Beitrag unternimmt den Versuch, diese Lücke zu schließen. Er stellt Extremszenarien dar, die sich aus meiner Sicht drastisch auf Anlageoptionen in Japan auswirken könnten. Bereits definitorisch liegen diese zehn überraschenden Entwicklungen außerhalb des Marktkonsenses. Vor allem sollen sie aber den Leser zu selbstständigem Denken anregen. So unwahrscheinlich die Szenarien erscheinen mögen, würde eine Entwicklung in Richtung ihrer Extreme doch nahezu zwangsläufig zu einer Kehrtwende im Marktkonsens führen. Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre und ein gutes und erfolgreiches Jahr 2018.

  • Premierminister Abe besucht Pjöngjang und vereinbart eine Modernisierung der nordkoreanischen Infrastruktur im Volumen von USD 1 Bio. unter Federführung Japans

Zum Ende des Jahres 2017 sollte man nicht unbedingt von einer positiven Wendung bei der Lösung der Probleme im Zusammenhang mit Nordkorea ausgehen. Dennoch erscheint der Weg zu einer konstruktiven Lösung noch immer möglich – unter der Voraussetzung, dass sich unter den Akteuren Besonnenheit durchsetzt. Aus Sicht der wirtschaftlichen Entwicklung passen Nordkorea und Japan perfekt zusammen: auf der einen Seite Rohstoffe und Arbeitskräfte in Hülle und Fülle, auf der anderen Seite weltweit führende Technologien und verfügbares Kapital. Premierminister Abe hat sich als Förderer von Infrastrukturprojekten unter der Führung Japans eine herausragende Reputation aufgebaut. Eine konstruktive Einbindung von Nordkorea würde nicht nur der japanischen Konjunktur entscheidende Impulse verleihen, sondern sicher auch ein historisches Erbe schaffen, mit dem Abe zu einem Kandidaten für den Friedensnobelpreis würde. Ein leider unwahrscheinliches Szenario – das Gleiche gilt aber auch für eine friedliche Lösung des Konflikts ohne engere Kooperation auf wirtschaftlicher Ebene. Aus meiner Sicht wird es früher oder später dazu kommen.

  • Ein beschleunigtes Nachgeben des Yen/USD-Kurses in Richtung 150:1 zwingt China zu einer Abwertung des Yuan um 30%

Nicht miteinander synchronisierte geldpolitische Zyklen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für voneinander entkoppelte Preis- und Kursschwankungen im Allgemeinen und für Überreaktionen der Devisenmärkte im Besonderen. Aus meiner Sicht besteht für den Yen im Jahr 2018 weiterhin diesbezüglich ein hohes Risiko. Sicher hat sich die Entkopplung der Zyklen der Bank of Japan und der Fed in den Jahren 2016 und 2017 nicht so drastisch wie erwartet entwickelt. Dennoch ist eine solche Entwicklung für 2018 nicht auszuschließen, denn die US-Geldpolitik war jüngst Veränderungen unterworfen. Aus meiner Sicht noch wichtiger: Sobald der US-Dollar im nächsten Zyklus erneut an Stärke gewinnt, könnte sich China als entscheidende

„Stellgröße“ erweisen. In vielen Märkten stehen Japan und China heute in direktem Wettbewerb, beispielsweise in der High-Tech-Branche und bei Hochgeschwindigkeitszügen. Ein nachgebender Yen wäre daher eher für die chinesische als für die US-amerikanische Exportindustrie problematisch. Je schwächer der Yen, desto höher das Risiko einer Abwertung des chinesischen Yuan. Sobald der Yen/USD-Kurs die Schwelle von 140:1 unterschreitet, erscheint für mich eine Abwertung des chinesischen Yuan um 30% wahrscheinlicher als eine entsprechende Gegenbewegung seitens der USA.

  •  Der neue Chairman der Federal Reserve „importiert“ das operationelle Modell der Bank of Japan und legt die Rendite von zehnjährigen US- Staatsanleihen auf 2,5% fest

 Wenn sich die Wünsche von Präsident Trump erfüllen und die US-Wirtschaft nachhaltig um 3,5-4% wächst, entstünde für die Renditen von US-Staatsanleihen ein erheblicher Aufwärtsdruck. Dann läge für über zehn Jahre laufende Anleihen ein Renditeniveau von 6% oder mehr im Bereich des Möglichen. Denn ein reales BIP-Wachstum von 3,5- 4% impliziert einen nominalen Anstieg um mindestens 5,5-6%. Die Renditen von US- Staatsanleihen blieben in der Vergangenheit nur selten deutlich hinter der nachhaltigen nominalen BIP-Wachstumsrate zurück. In jedem Fall würden steigende US-Anleiherenditen einen Abwärtsdruck auf US-Risikoanlagen im Allgemeinen und Aktien, Immobilien und Unternehmensanleihen im Besonderen auslösen. Zudem würden steigende Renditen auf Staatsanleihen schon bald einen echten Abwärtszyklus nach sich ziehen. Um eine solche Entwicklung zu verhindern, könnte der sehr unorthodoxe US-Präsident – auch mit Blick auf seine frühere Karriere als Immobilienentwickler – möglicherweise der Versuchung erliegen, die US-Notenbank zu einem „Import“ des operationellen Modells der Bank of Japan zu bewegen, also einer Festsetzung der Rendite auf langlaufende US-Staatsanleihen auf ein angemessenes Niveau, beispielsweise 2,5%, und einer Ankurbelung der US- Konjunktur für die Dauer der nächsten Wahlperiode.

  •  Toyota übernimmt Tesla und entwickelt die neu in den Konzern integrierten US-Standorte zu Automobilwerken mit zuvor unerreichter Produktivität

Toyota und Tesla scheinen sich optimal zu ergänzen. Der japanische Automobilhersteller steht weltweit unbestritten an erster Stelle, wenn es um die Massenproduktion in Top-Qualität geht. Tesla unternimmt alle Anstrengungen, um genau dieses Ziel ebenfalls zu erreichen. Indes hat Tesla auf dem Weg zur Mobilität der Zukunft „den Turbo gezündet“ – und genau das ist auch die Zielrichtung von Toyota. Auf operativer Ebene ist es durchaus vorstellbar, dass Toyota seinen umfangreichen Erfahrungsschatz aus der Produktion zum Tragen bringt, um für Tesla Automobilwerke mit bisher unerreichter Produktivität zu schaffen. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass die beiden Unternehmenskulturen aufeinanderprallen. Dennoch wäre eine erfolgreiche Übernahme eines Superstars des US-amerikanischen Silicon Valley durch ein japanisches Unternehmen ein herausragender Beleg für die ambitionierten Ziele des neuen Japan. Eine solche Entwicklung wäre eine Riesenüberraschung, da bei Toyota eher davon auszugehen ist, dass das Unternehmen „von hinten“ angreift und Tesla mit seinen eigenen Waffen schlägt. Denn die Kernkompetenz japanischer Unternehmen besteht seit jeher in ihrer Fähigkeit, Vorreiter wie Tesla bei Fertigung und Design noch zu übertreffen.

  • Premierminister Abe führt „Asia-Coin“ ein, die weltweit erste zentralbankgestützte, Blockchain-basierte Kryptowährung

Mittlerweile befinden sich Staaten und Zentralbanken in intensivem Wettstreit bei der Förderung und Einführung eines offiziellen Standards für Kryptowährungen. Japan verfügt in diesem Bereich über das Potenzial, eine Führungsrolle einzunehmen und eine von der Bank of Japan gestützte „Asia-Coin“ einzuführen – ein von einem Konsortium aus den japanischen Mega-Banken und der BoJ geschaffenes, Blockchain- basiertes Währungssystem. Wenn dieses Vorhaben als innovatives politisches Projekt auf nationaler Ebene aufgesetzt würde, wären führende japanische Unternehmen sicher nur allzu gern bereit, den „Asia-Coin“ als Verrechnungs- und Transaktionssystem für ihr gesamtes Geschäft in Asien und auf globaler Ebene zu nutzen. Eine solche Entwicklung würde wiederum zu einem positiven Kreislauf aus Vertrauens- und Liquiditätsbildung führen und sicher auch Japan zu einem Vorsprung verhelfen, wenn es um die Definition eines weltweit einheitlichen Standards für das Banking der Zukunft geht. Dies wäre zweifellos eine Überraschung, gut belegt sind allerdings die Ambitionen Japans, Tokio zu einem führenden Finanzplatz weiterzuentwickeln. Aus der Schaffung eines von der japanischen Regierung gestützten „Asia-Coin“ ergäbe sich für die japanischen Banken und Kreditinstitute eine unbestrittene globale Führungsposition. Und das „Wettrennen“ läuft auch bereits: Zwar wäre eine konzertierte Führungsrolle Japans eine positive Überraschung, die Einführung einer staatlich gestützten Kryptowährung dürfte jedoch in nicht allzu langer Zeit auf der Agenda der chinesischen Regierung stehen.

  •  Japan führt eine „Vermögensprüfung“ ein, um staatliche Beihilfen und Gesundheitsleistungen für vermögende Personen zu reduzieren

Die Reduzierung staatlicher Leistungen und Beihilfen gestaltet sich in jedem Land schwierig und stößt auf Widerstand. In Japan ist jedoch noch immer die „Reichensteuer“ und Umverteilung der Einkommen populär. Im Zuge des wachsenden Drucks zur Begrenzung des ausufernden Haushaltsdefizits hat eine Debatte über kreative und unorthodoxe politische Maßnahmen zur Reduzierung von Leistungen begonnen.   Eine   Möglichkeit   bestünde   hier   in   der   Einführung   einer „Vermögensprüfung“, bei der beispielsweise Personen mit einem Nettovermögen von über JPY 10 Mio. und ohne Hypothekenschulden kein Anrecht mehr auf die staatliche Rente oder Leistungen des staatlichen Gesundheitswesens hätten. Für die Märkte ein kontroverses Thema – und für die Wähler? Jedenfalls sollte das Ausmaß der Kreativität der japanischen Politiker niemanden mehr überraschen.

  • Japan tritt der von China geführten Asian Infrastructure Development Bank bei

 Im Laufe der vergangenen fünf Jahre haben sich die Beziehungen zwischen Japan und China von einem eher komplementären zu einem kompetitiven Szenario gewandelt. Dies gilt sowohl für die Wirtschaft als auch für die Politik und Strategieentwicklung. Als China sein Pendant zu der von den USA geführten Asia Development Bank, die Asian Infrastructure Development Bank, gründete, folgte Japan nahezu zwangsläufig den USA und trat letzterer nicht bei. Da die Vereinigten Staaten von Japan nun aber größere Unabhängigkeit fordern, ist das Land möglicherweise zu einer Änderung seiner nationalen Strategie gezwungen. Sowohl Japan als auch China haben sich in Asien als große Förderer des Multilateralismus profiliert. Daher erscheint eine Bündelung der Kräfte zunehmend sinnvoll, um hier mit gutem Beispiel voranzugehen. Ein Beitritt Japans zur von China geführten Asian Infrastructure Development Bank hätte Symbolwirkung – im Hinblick auf die zunehmende Unabhängigkeit Japans und das Engagement des Landes für multilaterale Vereinbarungen. Überraschender wäre nur eine noch größer angelegte Strategie: Demnach würde China nach dem Beitritt Japans zur AIDB im Gegenzug der Transpazifischen Partnerschaft (TPP), dem von Japan begründeten Freihandelsabkommen, beitreten. Aus Investorensicht würden konkrete Fortschritte in der Kooperation zwischen Japan und China die Wirtschaftsdynamik in Asien sicher positiv beeinflussen.

  • In Tokio steigen die Immobilienpreise über den Höchststand der „Blase“ des Jahres 1990

In Tokio hat zwar eine Erholung der Immobilienpreise eingesetzt, sie verharren allerdings noch immer bei 40-50% des Höchststandes der „Blase“ des Jahres 1990. Immobilienentwickler treten jedoch in jüngster Zeit aggressiver auf. Verschiedentlich kommen Luxuswohnungen im Top-Segment für USD 5-6 Mio. auf den Markt, also für mehr als den doppelten Preis der Top-Transaktionen, die vor drei Jahren abgewickelt wurden. Dabei wird die Nachfrage von einer neuen Gruppe aufsteigender japanischer Unternehmer, von der einfachen Kreditbeschaffung sowie von asiatischen/ausländischen Käufern angekurbelt. Bei Wohnimmobilien dürfte es nicht mehr allzu lange dauern, bis die Kaufpreise einen neuen historischen Höchststand erreichen. In einem Zeithorizont bis zum Jahr 2020 erscheint eine solche Entwicklung aus meiner Sicht plausibel. Im Jahr 2018 stellte sie jedoch eine positive Überraschung dar – eine mehr als deutliche Bestätigung des Endes der Deflation.

  • Biotech-, Fintech- und KI-Startups leiten eine Welle von Börsengängen ein, die Tokio zu DEM Innovationsstandort in Asien machen

 Letztlich überzeugt nur der Erfolg. Die japanische Regierung versucht sich seit Jahren an der Förderung von Entrepreneurship, Innovation und unternehmerischer Kreativität. Die Zeit ist also reif für ganz konkrete Erfolgsgeschichten. Eine Welle von Börsengängen würde hier Wunder wirken und die Wirksamkeit der „Abenomics“, die Rückkehr von Japan in die Erfolgsspur und seine Entwicklung zu dem Innovationsstandort in Asien belegen. Aus meiner Sicht gibt es in Japan ein hohes Maß an unternehmerischer Aktivität und Kreativität, insbesondere in den Bereichen Biotech, Fintech und angewandte KI und Robotik. Ein optimistischer Blick auf Japan würde durch nichts mehr gerechtfertigt als durch eine aggressivere Monetarisierung und Kommerzialisierung dieser positiven Standortfaktoren.

  •  Japan schlägt Deutschland und wird 2018 neuer Fußball- Weltmeister

 Am 15. Juli 2018 wird das Finale der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen. Ein Gewinn des WM-Titels durch Japan wäre besonders für mich eine Riesenüberraschung. Als Deutscher bin ich natürlich alle vier Jahre, wenn die Weltmeisterschaft stattfindet, erheblich „vorbelastet“. Sollte die Mannschaft nicht ins WM-Finale einziehen, so wäre das für mich nicht nur eine Überraschung, sondern ein echter Schock. Möge 2018 das beste Team gewinnen!




Nachricht an die Redaktion

Hier können Sie uns einen Kommentar zu dem Artikel zukommen lassen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

]

Bei unseren Lesern momentan beliebt