Das Dilemma des Staatscoins

Seit Bitcoin erfolgreich ist, liebäugeln auch Staaten zunehmend mit eigenen Kryptowährungen. Das zeigt, dass sie das Konzept nicht verstanden haben. Die Krypto-Kolumne von Friedemann Brenneis.

Es ist ein merkwürdiger Plan. Weil man die staatseigene Währung durch wirtschafts- und geldpolitisches Versagen sehenden Auges gegen die Wand gefahren hat, erschafft man einfach eine neue. Dieses Mal aber anders. Digital und vor allem kryptisch. Denn diese Kryptowährungen, das ist seit letztem Jahr offensichtlich, haben scheinbar geradezu magische Eigenschaften. Sie sind leicht zu erschaffen, schnell, einfach und kostengünstig zu verschicken und sie sind fälschungssicher. Zudem lassen sich Zahlungen nicht willkürlich zensieren und das Beste ist, dass der Wert von Kryptowährungen auf wunderbar unerklärliche Weise ganz von allein steigt. Wer eine eigene Kryptowährung hat, sollte also keine Sorgen haben.

Kritische Stimmen gegen Maduros Pläne

Das Problem an diesem Gedankengang ist, dass so vieles daran falsch ist, schöngeredet oder willkürlich konstruiert. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass jemand ernsthaft diese These vertritt. Doch lehrt uns der venezolanische Präsident Nicolás Maduro seit Ende vergangenen Jahres das Gegenteil. Während der Bolivar durch eine Inflationsrate von mehr als 1.000 Prozent 2017, Tendenz steigend, als Geld längst nutzlos ist, ist der Präsident fest davon überzeugt, das Land nun mithilfe des Petro aus der Krise führen zu können. Seine Idee ist, eine venezolanische Kryptowährung zu schaffen, die einerseits durch den Staat kontrolliert und deren Wert durch die verfügbaren Ölreserven gedeckt werden soll und die anderseits all die positiven Eigenschaften von Kryptowährungen wie Bitcoin haben soll. Vor allem die Möglichkeit, außerhalb des bisherigen Finanzsystems Transaktionen durchführen zu können, ist für Maduro dabei relevant. Auf diese Weise will er mit dem Petro die Sanktionen umgehen, die die USA und die EU gegen das Land verhängt haben. Für Nicolás Maduro mag das nach einer guten Idee klingen. Doch gibt es außerhalb seiner sozialistischen Filterblase kaum jemanden, der das genauso sieht. Die Opposition im Land hält die neue Kryptowährung jedenfalls für illegal und wie gemacht für Korruption. Sie befürchtet den heimlichen Ausverkauf der staatlichen Ölreserven in die Taschen der Herrschenden.

Krypto-Pedro als „Erweiterung der Kreditbemühungen“

Auch von anderer Seite wird der Petro kritisch betrachtet. Das US-Finanzministerium warnte bereits vorab mögliche Investoren vor dem Petro. Dieser sei letztlich nur eine Erweiterung der venezolanischen Kreditbemühungen und falle daher ebenfalls unter die bestehenden Sanktionen. Diese Einschätzung ist durchaus nachvollziehbar. Nur weil irgendeine Kryptowährung im Spiel ist, befindet man sich nicht plötzlich außerhalb bestehender Rechtsräume, auch wenn dieses utopische Narrativ im Hinblick auf die Blockchain-Technologie und dubiose Token Sales und Initial Coin Offerings viel zu oft und gerne subtil mitvermarktet wird. Doch die rechtliche Einordnung des Petro ist am Ende gar nicht seine größte Schwäche. Es ist die grundsätzliche Idee einer staatlichen Kryptowährung.

Bitcoin und damit das Konzept von Kryptowährungen wurde explizit ins Leben gerufen, um den Staat in puncto Geld und Geldpolitik überflüssig zu machen. Anstelle von interessengeleiteten, beeinflussbaren und möglicherweise korrupten, ideologisch verblendeten oder schlichtweg inkompetenten Personen und Institutionen sollte die Stabilität und Verfügbarkeit von Geld künftig durch Mathematik, transparente Algorithmen, ausfallsichere Netzwerk-Strukturen und einem kollektiven Interesse an einer stabilen und nicht zensier- oder manipulierbaren Währung erprobt und etabliert werden. Diese bedingungslose Dezentralität hat ihren Preis. Sämtliche „single points of failure“ zu eliminieren ist keineswegs leicht, also alle Schwachstellen, die es einem Angreifer oder Manipulator ermöglichen, technisch, administrativ oder politisch Einfluss auf das System zu nehmen.

Staat und Kryptowährung – ein Widerspruch

Aber es ist möglich. Man braucht dafür die Blockchain. Sie ist ein Bekenntnis zur bedingungslosen Dezentralität und man muss bereit sein, Nachteile in Kauf zu nehmen. Die Blockchain als dezentralisierte Datenbank ist im Vergleich zu zentralisiert verwalteten Alternativen teuer, energiehungrig, langsam und hat begrenzte Kapazitäten. Diese Nachteile macht sie wett durch das, was sie ermöglicht: ein sicheres und nicht-zensierbares Transaktionssystem ohne „single points of failure“. Genau dieser Punkt ist das Dilemma einer staatlichen Kryptowährung. Entweder man hat eine Kryptowährung mit allen Eigenschaften, die sich aus dem Verzicht auf zentrale Institutionen ergeben oder man hat ein zentralisiertes „Geldprojekt“, das staatlich verwaltet wird. In diesem Fall bleiben der Staat und seine Schlüsselfiguren selbst mögliche Schwachstellen und die vermeintliche Kryptowährung ist letztlich nicht mehr als eine kryptische Variante von elektronischem Geld im herkömmlichen Sinn. Stark vereinfacht heißt das: Entweder habe ich keine Kontrolle oder ich habe keine Kryptowährung. Das eine schließt das andere kategorisch aus. Eine Mischform ist nicht möglich. Für den Petro bedeutet das, dass er keine Kryptowährung sein kann, solange Präsident Maduro und die mit ihm herrschende Klasse ihn und seine Abrechnung beliebig gestalten und verändern können. Der Petro ist somit nur alter Wein in neuen Schläuchen, eine digitale Variante eines staatlichen Finanzierungsinstruments, keinesfalls aber eine Kryptowährung. Der Petro wird als etwas vermarktet, das er gar nicht sein kann, kritischer ist jedoch, dass die größte Schwachstelle des venezolanischen Währungssystems bleibt. Die Kontrolle über den Petro soll erneut in den Händen derer liegen, die bereits für die Hyperinflation des Bolivar und die allgemein desaströse wirtschaftliche Lage in Venezuela verantwortlich sind. Das macht das Projekt keineswegs vertrauenswürdiger. Investoren sollten sich im Klaren darüber sein, was hier eigentlich angeboten wird. Eine nicht-manipulierbare Kryptowährung wie Bitcoin ist es nicht.

Staaten denken über eigene Kryptowährungen nach

Erstaunlich ist, dass die Idee dennoch weltweiten Anklang findet, obwohl der Petro den Widerspruch zwischen Staat und Kryptowährung verdeutlicht. Venezuela ist nicht das einzige Land, das diesen Ansatz verfolgt. Auch in Russland wird über die Einführung eines Krypto-Rubel nachgedacht und es gibt keine namhafte Zentralbank, die sich nicht ebenfalls mit staatlichen Krypto- und Blockchain-Konzepten beschäftigt. Bislang jedoch ohne nennenswerte Ergebnisse. Was nicht verwundert, denn das Konzept einer Kryptowährung wurde explizit dafür entworfen, den Staat und andere zentrale Institutionen auszuschließen. Wer krampfhaft versucht, beides zu vereinen, kombiniert letztlich nur die Nachteile und erhält ein vergleichsweise teures, langsames, ineffizientes und unsicheres Produkt.

Staat kann auch von Kryptowährungen profitieren

Das muss allerdings nicht bedeuten, dass Staat und Kryptowährung gänzlich unvereinbar sind, im Gegenteil. Von der Etablierung echter Kryptowährungen wie Bitcoin profitiert mittlerweile auch der Staat. Eine Studie des Blockchain Centers der Frankfurt School of Finance and Management kam zu dem Ergebnis, dass dem deutschen Fiskus allein durch Transaktionen mit Kryptowährungen aus dem Jahr 2017 zusätzliche Steuereinnahmen in Höhe von 729 Millionen Euro zustehen. Demnach kann es für den Staat langfristig durchaus sinnvoll sein, sich mit staatenlosen Kryptowährungen zu arrangieren. Regulierung mit Augenmaß und klare Regeln zur Besteuerung wären ein erster Schritt. Besser, jedenfalls, als mit einer eigenen Kryptowährung zu scheitern. //




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