„Südafrika bleibt ein spekulatives Investment“

Nach Jahren der steten Aufwärtsentwicklung am südafrikanischen Aktienmarkt hat nun eine Gegenbewegung eingesetzt. Seit Beginn des Jahres befinden sich die wichtigsten Aktienindizes am Kap im Rückwärtsgang. Mutige Anleger könnten die Entwicklung zum Einstieg nutzen, sollten allerdings verstärkt darauf achten, in welche Titel und Sektoren sie investieren. Von Heike Fürpaß-Peter, Leiterin Lyxor ETF Deutschland und Österreich.

Das neue Jahr begann hoffnungsvoll für Südafrika. Im Februar trat der langjährige Präsident Jacob Zuma von seinem Amt zurück und machte den Weg frei für Cyril Ramaphosa. „Für Südafrika ist diese Entscheidung von fundamentaler Bedeutung“, schrieb damals die angesehene Neue Züricher Zeitung. Es sei die wichtigste politische Weichenstellung seit dem Ende der Apartheid 1994. Und tatsächlich ging es um weit mehr als um die Frage, wer Zuma im Amt des Parteivorsitzenden ablösen würde. Es ging um einen Richtungsentscheid: Entweder die Fortsetzung von Vetternwirtschaft und wirtschaftlichem Stillstand – oder die Hoffnung auf einen Neuanfang.

Der 65-Jährige Cyril Ramaphosa scheint bestens geeignet für den Neuanfang. Er kann auf eine erfolgreiche Wirtschaftskarriere ohne Korruptionsskandale zurückblicken. Er besitzt Glaubwürdigkeit bei den Investoren und als Ex-Protegé Nelson Mandelas auch an der Basis. Als Präsident will er vor allem die Wirtschaft ankurbeln und gegen die ausgeprägte Korruption im Lande vorgehen. Nach seiner Wahl zum Präsidenten wurde im Parlament gejubelt und gesungen. Auch die Börse zollte dem neuen Präsidenten Respekt. Der wichtigste südafrikanische Aktienindex, der FTSE/JSE All-Share Index, machte vorübergehend einen ordentlichen Sprung nach oben. Südafrika, so konnte man meinen, ist auf einem guten Weg.

Nach der Euphorie die Ernüchterung

Ein halbes Jahr später ist das Land auf den Boden der Realität zurückgekommen. Und es wird offenbar, dass die Probleme der Vergangenheit nicht einfach über Nacht zu beheben sind. Das zeigt unter anderem der Blick auf die Wirtschaftsleistung des Landes im ersten Halbjahr. Hatten die meisten Ökonomen eigentlich mit einem leichten Anstieg gerechnet, so ging das Wachstum im ersten Quartal um 2,6 Prozent und im zweiten Quartal um 0,7 Prozent zurück. Verantwortlich für den Rückgang war in erster Linie der Agrarsektor, wo die Produktion nach vorherigen Rekordergebnissen in beiden Quartalen deutlich schwächelte. Im ersten Quartal war auch der Bergbausektor betroffen. Dennoch kann bezweifelt werden, dass das südafrikanische Wachstum mit dieser Entwicklung grundsätzlich auf eine schiefe Ebene gelangt ist und weiter abrutschen wird. So weisen die Experten der zum Bundeswirtschaftsministerium gehörenden Gesellschaft für Außenwirtschaft (GTAI) darauf hin, dass sich vor allem die Landwirtschaft im dritten Quartal wieder deutlich erholt haben dürfte. Auch der Bergbausektor, so deren Einschätzung, sollte nach einem Plus von 4,9 Prozent im zweiten Quartal seinen Aufwärtstrend fortsetzen. Gegen eine Alarmstimmung am Kap spricht zudem die Tatsache, dass die Steigerungsrate des Bruttoinlandsprodukts gegenüber den entsprechenden Vorjahresperioden immer noch im Plus liegt. Für das Gesamtjahr rechnet die Weltbank in ihrem aktuellen Bericht mit einem Wirtschaftswachstum in Höhe von 1,1 Prozent. Damit weist die Republik Südafrika unter allen Staaten der Sub-Sahara-Region allerdings einen der geringsten Steigerungswerte auf.

Potential im Industriesektor

Der Tourismus, die Finanzbranche und der Bergbau (Südafrika verfügt über eine Vielzahl mineralischer Rohstoffe) sind solide Stützen der südafrikanischen Wirtschaft. Sie allein werden jedoch kaum in der Lage sein, in ausreichendem Maße neue Impulse für ein erhöhtes Wirtschaftswachstum zu geben. Insbesondere der Rohstoffsektor hängt zudem stark von den Wachstums- und Nachfrageperspektiven der globalen Wirtschaft ab. In diesem Zusammenhang wies die Weltbank auch mit Blick auf Südafrika auf die potentiellen ökonomischen Risiken von fallenden Rohstoffpreisen hin.

Wachstumspotential bietet vor allem der Industriesektor. Nach Angaben des Statistik-Portals Statista trägt er gegenwärtig mit rund 25 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Das erscheint ausbaufähig. Denn die Industriebranche ist in Südafrika vergleichsweise breit und oftmals modern aufgestellt. Zu den bedeutendsten Sektoren zählt die Automobilindustrie. BMW und VW haben einen Teil ihrer Produktion nach Südafrika verlagert. Weitere wichtige Industriebranchen sind: Maschinenbau, Chemie, Informations- und Kommunikationstechnologie, Textilien und Bekleidung. Von Seiten der Infrastruktur sind dem Wachstum der Industrie kaum Grenzen gesetzt. Das Land verfügt über ein modernes Transportwesen, eine im Wesentlichen funktionierende Energieversorgung sowie über ein hoch entwickeltes Telekommunikationswesen.

Von den 500 umsatzstärksten afrikanischen Unternehmen stammt ein Drittel (167) aus Südafrika. Dies ergab erst kürzlich die Aufstellung des Wirtschaftsmagazins „The African Report“. Zu diesen Unternehmen zählen nicht nur der Chemie-Gigant Sasol, die Ölgesellschaft Engen Petroleum oder die Bergbaugesellschaft Anglo American Platinium. Zum Kreis der Umsatzriesen gehören auch Unternehmen aus den Bereichen Großhandel (SPAR Group), Informationstechnologie (Vodacom Group) oder Medien (Naspers). Naspers, der südafrikanische Medienkonzern mit Hauptsitz in Kapstadt und das größte Medienunternehmen des afrikanischen Kontinents, erzielte im Jahr 2016 einen Umsatz von 6,1 Mrd. US-Dollar. Das Unternehmen ist in den Bereichen Printmedien, Fernsehen und Internet aktiv. Auch das Logistikunternehmen Imperial Holdings findet sich in der Liste der umsatzstärksten afrikanischen Unternehmen ganz weit oben. Diese Beispiele zeigen, dass die Breite des südafrikanischen Industriesektors grundsätzlich ausreichend ist, um hieraus künftige Wachstumsimpulse zu generieren.

Soziales Gefälle als Wachstumshürde

Dennoch wird das südafrikanische Wachstum im Vergleich mit anderen Schwellenländern mittelfristig voraussichtlich keine allzu großen Sprünge machen. Grund hierfür ist die vergleichsweise hohe Ungleichheit bei der Einkommens- und Vermögensverteilung in der Bevölkerung. Für ein Land mit mittlerem Pro-Kopf-Einkommen fällt die Armutsquote sehr hoch aus. Solange dieses Problem nicht ernsthaft angegangen wird, bleibt die Gefahr sozialer Konflikt und zunehmender Kriminalität erhalten. Dies beeinträchtigt nicht nur das Vertrauen der Investoren, sondern behindert zudem die Freisetzung einer binnenwirtschaftlichen Marktdynamik. Gerade diese aber ist erforderlich, um über die Entwicklung kleinerer und mittelgroßer Unternehmen die Voraussetzungen zur Teilhabe am Arbeitsmarkt auch für weniger gut qualifizierte Arbeitnehmer zu schaffen. In diese Richtung zielt unter anderem das im September von Präsident Cyril Ramaphosa angekündigte Konjunkturprogramm, das über Umschichtungen im Haushalt finanziert werden soll. In Zentrum stehen Maßnahmen zum Beschäftigungsaufbau in den Bereichen Jugend, Frauen, kleine Unternehmen, Landwirtschaft, Infrastruktur und Kommunen.

Parallel dazu umgarnt der neue Staatspräsident internationale Investoren. In den kommenden fünf Jahren möchte er Neuinvestitionen in Höhe von 100 Mrd. US-Dollar für sein Land einsammeln. Zu diesem Zweck wurden vier Sonderbeauftragte benannt. Um das Vertrauen der Investoren zu gewinnen, muss Ramaphosa vor allem Korruption und Vetternwirtschaft bekämpfen. Auf diesem Weg ist der Präsident bereits ein gutes Stück vorangekommen. Im Rahmen einer Kabinettsumbildung trennte er sich von mit Korruptionsvorwürfen belasteten Ministern. Zuletzt musste Finanzminister Nhlanhla Nene seinen Hut nehmen. Sein Nachfolger wurde der international hoch geachtete frühere Zentralbankchef Tito Mboweni. Er gilt als bestens geeignet, Südafrika durch den schwierigen Prozess der Haushaltskonsolidierung zu führen. Auch der für die Staatsunternehmen zuständige Minister Pravin Gordhan setzte bereits deutliche Zeichen für einen Neuanfang. Mit der Absetzung der Führungsriegen bei Eskom, Transnet und Denel demonstrierte er seine Entschlossenheit die für das Land schädliche Bereicherungskultur zu beenden.

Nach Ansicht vieler Wirtschaftsführer hinterlassen diese Maßnahmen bereits Eindruck bei den Investoren. Es scheint sich ein Stimmungswandel anzudeuten. Und auch innenpolitisch kommt der neue Kurs bisher gut an. Die Zustimmungswerte für Präsident Cyril Ramaphosa liegen mit 76 Prozent nur knapp unter dem Niveau, welches Nelson Mandela zum Ende seiner Amtszeit erreichte. Der Transformationsprozess Südafrikas ist allerdings kein Selbstläufer und mit unterschiedlichen Risiken behaftet. Dies zeigt sich unter anderem am Thema der entschädigungslosen Landenteignung, das auch international hohe Wellen geschlagen hat. US-Präsident Donald Trump etwa geißelte das Vorhaben mit scharfen Worten und stellt Sanktionen gegen Südafrika in den Raum. Auch der beständige Währungsverfall des südafrikanischen Rand bereitet dem Land Probleme.

Diversifizieren und Sektoren ausgewogen gewichten

Für Anleger bleibt Südafrika ein spekulatives Investment. In den vergangenen Wochen flossen nochmals erhebliche Mittel aus dem Markt. Gegenüber dem Jahresbeginn fielen die Kurse um 13 Prozent. Mutige Anleger könnten das aktuelle Kursniveau allerdings nutzen, um südafrikanische Aktien als spekulative Beimischung in ihr Portfolio aufzunehmen. Über ETFs lässt sich ein solches Vorhaben effizient und kostengünstig umsetzen. Dabei können Anleger ihren ETF-Investments unterschiedliche Indizes zugrunde legen, etwa den MSCI South Africa oder den FTSE JSE Top 40. Beide Indizes unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich der Anzahl der Titel sondern auch in der Gewichtung einzelner Sektoren. Während der FTSE-Index 40 Werte umfasst und den Rohstoffsektor deutlich höher gewichtet, ist der MSCI-Index mit 52 Titeln breiter aufgestellt. Er legt zudem ein größeres Gewicht auf den Kommunikations- und den Finanzsektor. Aufgrund der höheren Titelanzahl und seiner Sektorengewichtung, könnte sich der MSCI South Africa im Falle einer Konjunkturerholung voraussichtlich etwas dynamischer entwickeln.




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