Tourismus als Wirtschaftschaftsmodell

Abes Wirtschaftspolitik setzt auf eine enormen Konjunkturaufschwung durch den Ausbau des Fremdenverkehrs – etwa durch Visaerleicherung. Jesper Koll, Leiter von WisdomTree in Japan, sieht darin ein Anzeichen für einen künftigen Bruch mit der traditionellen japanischen Währungspolitik. Kommt die Abwertung des Yen?

Japans Tourismusboom wird zu mehr politischer Unterstützung für eine Abwertung des Yen führen

Der Boom, den Reisen nach Japan derzeit verzeichnen, ist wohl der greifbarste Erfolg der „Abenomics“. Im Zuge der stetig vorangetriebenen Visaerleichterungen, die das „Team Abe“ bereits in der ersten Woche nach seinem Einzug ins Büro des Premierministers im Dezember 2012 initiiert hatte, hat sich die Zahl der Japanreisenden nahezu vervierfacht und ist von durchschnittlich 697.000 pro Monat (2012) auf derzeit 2,6 Millionen pro Monat gestiegen. Ganze 16 % des Konsumausgabenwachstums (ohne Mietzahlungen) entfallen seit 2012 auf Ausgaben vonseiten der Touristen. Obwohl der absolute Anteil der Touristenausgaben mit unter 1,5 % des Gesamtkonsums noch immer gering ist, hat die außerordentliche Steigerungsrate einen ausgesprochen positiven Effekt auf den japanischen Binnenmarkt, und zwar insbesondere auf die regionale Wirtschaft des Landes. Meiner Ansicht nach wird eine der wichtigsten Konsequenzen der erfolgreichen Tourismusstrategie Abes der Bruch mit der lange gepflegten Wechselkurspolitik Japans sein. Während das politische Establishment in der Vergangenheit davon ausging, dass eine Abwertung des Yen grundsätzlich Nachteile für Japan brächte, weil der daraus resultierende Anstieg der Importkosten die lokale wie auch die regionale Wirtschaft weiter unter Druck setzte, wird die Währungsabwertung nun zunehmend positiv gesehen, nämlich als politisches Instrument zur Ankurbelung des inländischen Wachstums im Allgemeinen und des regionalen Wachstums im Besonderen. Von nun an wird aufgrund des nachlassenden Einflusses der strukturellen Veränderungen, die den Tourismusboom auslösten, der Yen als Motor für die inländische Kaufkraft mit hoher Wahrscheinlichkeit immer mehr an Bedeutung gewinnen. Damit der Tourismus weiterhin stark bleibt, braucht Japan einen schwächeren Yen. Meiner Ansicht nach werden die lokalen politischen Entscheidungsträger, also das Rückgrat der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP), schlussendlich dazu tendieren, die Abwertung des Yen verstärkt zu befürworten.

Vom strukturellen Zuwachs zu höherer Wechselkurssensitivität

Die japanische Tourismusstrategie ist wohl die erfolgreichste Top-down-Politik für ein regionales Wachstum, die in einer fortschrittlichen Volkswirtschaft durchgesetzt wurde. Zuerst setzten die von Abe nach und nach durchgeführten Visaerleichterungen für Touristen aus China und den ASEAN-Staaten den strukturellen Nachholbedarf in der Branche frei: Die aufstrebende asiatische Mittelschicht entdeckte Japan als neues Reiseziel. Gleichzeitig setzte die Regierung Deregulierungen für die Anbieter durch: mehr Landerechte an Flughäfen, einfachere Normen für den Bau von Hotels usw. Das Ergebnis: Nach Jahrzehnten der „Aushöhlung“ wird in Japan nun wieder gebaut und die Regionen erfinden sich neu – als touristische Zielgebiete. Die Ursache hierfür ist kein einmaliges groß angelegtes Konjunkturprogramm der Regierung, sondern liegt darin, dass sich dank der Deregulierung in der Privatwirtschaft nun echte Ertragschancen bieten. Das Team Abe verdient nicht nur Anerkennung für die Ankurbelung der Konjunktur, sondern auch für ihr Bestreben, die Erwartungen an das Nachfragewachstum im privaten Hotel- und Gaststättengewerbe durch aggressive langfristige Zielsetzungen auf solide Füße zu stellen: Japan will bis 2020 40 Millionen und bis 2030 60 Millionen Besucher ins Land locken, was einem gewaltigen Anstieg gegenüber den 24 Millionen im vergangenen Jahr entspricht. Diese Zielsetzungen sind angesichts der Dynamik des asiatischen Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums durchaus realistisch.




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