Türkei: Klare Signale notwendig

Zwei Einschätzungen aus der Finanzwelt zur Krisenpolitik des türkischen Finanzministers: Wie wird es weitergehen? Helfen die aktuellen Maßnahmen? Hier gibts die Antworten der Experten.

  • Viktor Szabo, Senior Investment Manager bei Aberdeen Standard Investments, kommentiert die Rede des türkischen Wirtschafs- und Finanzministers, die Verdopplung der Zölle auf türkische Exporte in die USA durch Donald Trump und die Auswirkungen auf die türkische Wirtschaft:

Das Modell, das der neue Finanzminister heute skizziert hat, ist im Prinzip gut. Er hat wichtige Themen angesprochen, wie die Notwendigkeit, das Wachstum zu bremsen, die Bedeutung der Finanzstabilität und die Unabhängigkeit der Zentralbank. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass er nicht die Art von Details geliefert hat, die die Märkte beruhigen werden. Die Ankündigung der US-Behörden, die Zölle auf türkische Stahl- und Aluminiumausfuhren in die USA zu verdoppeln, hat zudem gerade Öl ins Feuer gegossen.

Es gibt einige positive Aspekte in diesem Plan, aber wir müssen jetzt wirklich Taten von der Türkei sehen. Die Situation ist nicht ausweglos. Die kurzfristige Lösung ist einfach: Die Zinssätze aggressiv erhöhen und die Kreditvergabe einschränken, um die Wirtschaft abzukühlen und die Inflation in Schach zu halten. Es muss eine klare Botschaft an die Investoren gesendet werden, dass das Problem verstanden und entschieden angegangen wird.

Der größte Teil des wirtschaftlichen Schmerzes, den die Türkei erleidet, ist selbstverschuldet. Die Türkei hat immer wieder bewiesen, dass sie ohne weitere Verschuldung kein hohes Wachstum aufrechterhalten kann – und das alles bei geringen inländischen Ersparnisse und einer Verschuldung in US-Dollar, die mit einem inhärenten Währungsrisiko behaftet ist. Kein Wunder also, dass die geld- und kreditpolitischen Impulse nach dem gescheiterten Staatsstreich im Jahr 2016 zu einer raschen Ausweitung des Leistungsbilanzdefizits, einer außer Kontrolle geratenen Inflation und das Land an den Rand einer Währungskrise geführt haben.

Die Behörden werden früher oder später die Zinsen erhöhen müssen – sie haben eigentlich keine andere Wahl. Aber die Situation ist derart außer Kontrolle geraten, dass sie viel weiter gehen müssen als noch vor drei Wochen. Trotz all dem ist die Türkei immer noch ein Land mit großem Potenzial. Die Wirtschaft in ihrer Gesamtheit ist angemessen diversifiziert und verfügt über eine solide Exportbasis. Aber jetzt geht es um Glaubwürdigkeit, und der einzige Weg, die Situation kurzfristig wiederherzustellen, ist zu handeln.

 

Recep Tayyip Erdogan
Bildquelle: ymphotos / Shutterstock.com
  • Zu der aktuellen Lage nach der Rede von Erdogan kommentiert Aneeka Gupta, Associate Director – Equity & Commodities Strategist bei WisdomTree:

Die lang erwartete Rede von Präsident Erdogan über das neue Wirtschaftsmodell für die Türkei hat auf den Finanzmärkten mehr Schaden angerichtet. Präsident Erdogans Rede enthielt keinerlei Kompromiß mit den internationalen Märkten und war geprägt von Trotz und Nationalismus, da er entschlossen ist, den Zinslobbys nicht zum Opfer zu fallen. Er meinte, die Krise könne durch lokale Maßnahmen bewältigt werden und hat die Bürger zum Tausch ihrer Gold- und Devisenbestände gegen die türkische Lira aufgefordert. Es wurden keine neuen politischen Initiativen angekündigt. Die Märkte erwarteten eine Zinserhöhung von mindestens 300 Basispunkten, doch die Erwartungen des Finanzministers Berat Albayrak wurden nicht erfüllt.

Aufgrund des hohen relativen Engagements von BBVA, Uni Credit und BNP Paribas bei türkischen Banken ist die heutige Kursentwicklung um 3-4% gesunken. Die Märkte befürchten, dass es in Europa eine Reihe von Krediten im türkischen Unternehmenssektor gibt und dass es für die türkischen Unternehmen nicht möglich ist, ihre Kredite zu tilgen und somit in eine Zahlungsbilanzkrise geraten. Obwohl wir weit von einem solchen Engpass entfernt sind, zeigt die Marktreaktion eine erhöhte Besorgnis über ein Tail-Risk-Szenario, das wir für übertrieben halten.
Die Verdoppelung der Zölle auf Stahl und Aluminium durch US-Präsident Trump hat den Rückgang der Lira auf -12,40% weiter verschärft. Während die Türkei kein großer Exporteur von Stahl und Aluminium ist, unterstreicht die Ankündigung von Zöllen durch die USA, dass die gestrigen Gespräche zwischen den beiden NATO-Verbündeten der USA erfolglos geblieben sind.




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