Rückblick: Was war los in Istanbul?

Burak Öztunç, Fondsmanager bei TEB Asset Management/ BNP Paribas und Aktienmarkt-Experte für die Türkei, erörtert im Interview mit GLOBAL INVESTOR die Lage am Bosporus. Im ersten Teil schaut der Experte zurück: Was ist 2017 geschehen – starke Börse, schwache Wirtschaft?

Wie bewerten Sie die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei?

Die türkische Wirtschaft konnte 2017 ein beeindruckendes Wachstum vorweisen. Allein in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres legte das Bruttoinlandsprodukt um sieben Prozent zu. Das katapultierte die Türkei in die Top Fünf der wachstumsstärksten Ökonomien. Die Hauptschwäche hingegen liegt bei der hohen Inflation, die im vergangenen November sogar einen Höchstwert von 13 Prozent erreichte. Außerdem erwies sich das schlechtere Leistungsbilanzdefizit als hinderlich für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.

Was trieb das BIP-Wachstum so stark?

In erster Linie konnten fiskalpolitische Entscheidungen die Karten im Jahr 2017 neu mischen. Die türkische Regierung setzte auf eine fiskalische Expansion durch die Einführung des Kreditgarantiefonds. Dieser garantiert eine Absicherung von bis zu zehn Prozent für notleidende Kredite bei einem Gesamtvolumen von 250 Milliarden. Diese Maßnahme konnte das Vertrauen in die Wirtschaft wieder stärken. Davon profitierte zuvörderst der Bankensektor, da die Kreditgarantien das Kreditwachstum befeuern konnten, ohne dabei das Bilanzrisiko zu erhöhen. Deshalb verwundert es nicht, dass die Banken in der ersten Jahreshälfte 2017 gute Zahlen präsentierten.

Die türkische Lira (TL) verlor vor allem im November 2017 deutlich an Boden. Wie wirkt sich dieser Umstand auf die Gesamtwirtschaft aus?

Während Inflation und Maßnahmen der Zentralbank zur Preisstabilität debattiert wurden, destabilisierte sich die türkische Währung zusehends. Die lockere Geldpolitik der Zentralbank sorgte für eine Geldschwemme, die Unmengen billiges Geld zur Verfügung stellte. Seit 2009 nimmt zudem die Versorgung mit Hartwährungen für türkische Unternehmen stark zu. Die Auslandsverschuldung erreichte 432 Milliarden US-Dollar (das entspricht rund 52% des BIP aus dem zweiten Quartal 2017). Die Bruttoauslandsverschuldung türkischer Banken und Unternehmen liegt aufsummiert bei etwa 303 Milliarden US-Dollar, was etwa 70% der Gesamtschulden entspricht. Die kumulierten privaten Auslandsschulden der letzten Jahre sowie das anhaltend hohe Leistungsbilanzdefizit von rund vier bis fünf Prozent des BIP macht das Land von Auslandskapital abhängig.

Wie kann diese Situation gemanagt werden?

Ein derartiger bilanzieller Schuldenstand wirft mit Blick auf eine abrupte Abwertung der Währung auch die Frage auf, wie es um die finanziellen Situation der Unternehmen gestellt ist. Wir sind der Auffassung, dass eine graduelle Abwertung der Währung in wachsenden Ökonomien gut gemanagt werden kann. Das Risiko ist allerdings dann besonders hoch, wenn die Abwertung unvermittelt eintritt. Wir glauben, dass angesichts einer Abwertung von 24 Prozent seit Ende 2015 die türkische Währung unter Berücksichtigung des effektiven Wechselkurses unterbewertet ist. Die Abwertung bietet also auch Chancen, denn sie erhöht die Wettbewerbsfähigkeit türkischer Produkte.

Trotz wirtschaftlicher Defizite konnte die Istanbuler Börse dennoch einige beeindruckende Wertentwicklungen aufweisen. Wie kommt das?

Diese Frage beschäftigte viele Investoren im letzten Jahr. Es existieren unterschiedliche Ansichten, die für sich genommen Sinn machen. Türkische Unternehmen sind heute mehr denn je mit globalen Wertschöpfungsketten verbunden. Die Schwergewichte profitieren daher von einer schwachen Lira, sie exportieren weltweit und preisen ihre Güter und Dienstleitungen in Hartwährungen aus. In den ersten neun Monaten des Jahres 2017, als sich die türkische Lira gegenüber Euro und US-Dollar um 23 Prozent abwertete, konnten die Nicht-Finanzunternehmen der Borsa Istanbul 100 ihre Umsatzerlöse um 32 Prozent steigern, die EBDITA legte um 59 Prozent zu und das Gewinnwachstum wuchs sogar um 112 Prozent. Zudem spielt auch der Basiseffekt eine gewichtige Rolle: Die geopolitischen Unsicherheiten zwischen den Jahr 2013 und 2016 beeinträchtigten die Börsenentwicklung am türkischen Markt maßgeblich. In der gleichen Zeitspanne konnte der US-Markt 16 Prozent Wertzuwachs verzeichnen, während Schwellenländer im gleichen Zeitraum 18 Prozent an Wertverlust verzeichneten. In der gleichen Periode verlor die türkische Börse um 57 Prozent an Wert. 2017 entwickelte sich die Börsenstimmung zum globalen Wachstum wieder positiv, auch die Istanbuler Börse reagierte darauf dementsprechend. Weiterhin profitierten türkische Aktienwerte von der zunehmenden Bedeutung von passiven Anlagen. Der bereits erwähnte Kreditboom heizte zusätzlich die Konjunktur an.




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