Über länderspezifische Entwicklungen hinaus

Was sind die konkreten Ursachen für die Volatilität bei Schwellenländerwährungen? Sam Finkelstein, CIO für Schwellenländeranleihen bei Goldman Sachs Asset Management, gibt in seinem Beitrag einige Erklärungen.

Die jüngste Volatilität der Schwellenländerwährungen wirft Fragen auf: Was sind die Auslöser dafür und was ist für die kommenden Monate zu erwarten? Insbesondere die türkische Lira und der argentinische Peso haben zuletzt stark geschwankt. Unserer Meinung nach gehen die jüngsten Kursrücksetzer eher auf länderspezifische Abverkäufe zurück, als auf eine Krise in der Region. Anleger sollten nicht vergessen, dass es sich bei den Schwellenländern um ein sehr vielfältiges Anlagesegment mit vielen einzelnen Ländern handelt, deren Fundamentaldaten und Anlagepotenzial sich in der Regel solide bzw. nach wie vor vielversprechend darstellt.

Was hat die Performance der Schwellenländerwährungen in diesem Jahr negativ beeinflusst?

Die Wertentwicklung der Schwellenländerwährungen wurde dieses Jahr durch eine Kombination aus vier verschiedenen Faktoren belastet.

1) Das sich abschwächende globale Wachstum, nachdem das starke und synchrone Wachstum letztes Jahr zu signifikanten Zuflüssen in Schwellenländer-Assets führte;

2) Ein globaler Liquiditätsabbau und eine verschärfte finanzielle Ausgangslage, bedingt durch die in diesem Jahr erwarteten vier Zinserhöhungen seitens der Fed;

3) Politische Unsicherheiten, die das Marktsentiment belasten;

4) Höhere Ölpreise, die für Nettorohstoffimporteure ein Problem darstellen können.

Was hat die Schwellenländerwährungen im Sommer zusätzlich belastet?

Hinzu kamen länderspezifische Ereignisse: die US-Sanktionen gegen Russland, externer Finanzierungsbedarf der Türkei und Argentinien und aufkommende Zweifel, was die Fortschritte der süfafrikanischen Wirtschaftsreformen angeht. Die sich verschärfenden Handelsspannungen zwischen den USA und China strapazierten den chinesischen Yuan und weitere Währungen, die vom chinesischen Wachstum abhängen.

Warum wurden türkische Vermögenswerte besonders in Mitleidenschaft gezogen?

Unorthodoxe wirtschaftspolitische Maßnahmen haben das makroökonomische Gleichgewicht in der Türkei gestört. Das äußerte sich in einem über dem Trend liegenden Wachstum sowie einer zu hohen Inflationsrate und einem deutlich höheren Leistungsbilanzdefizit. Im August führte dann eine diplomatische Auseinandersetzung mit den USA zu gezielten Zoll- und Sanktionsmaßnahmen. Anleger wurden daraufhin unsicher, ob die Türkei weiterhin in der Lage sein würde, ihr massives Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren.

Welche Veränderungen sind für die weitere Entwicklung in der Türkei relevant?

1) Anleger sollten darauf achten, welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen ergriffen werden. Das schließt ein: eine straffere Geldpolitik, verbindliche Haushaltsdisziplin, Akzeptanz einer wirtschaftlichen Neuausrichtung und die Rekapitalisierung des Banken- und Unternehmenssektors, sollten diese unter Finanzierungsdruck geraten;

2) Stabilität des Bankensektors, einschließlich der Fähigkeit der türkischen Banken, ihre Auslandsverschuldung in den nächsten Monaten bedienen zu können;

3) Leistungsbilanzanpassungen, die teilweise durch die Märkte vorangetrieben werden. Denn durch die schwächelnde Währung und das geringere Binnenwachstum sollten die Importe zurückgehen, gleichzeitig dürfte eine schwächere Lira positiv für die Export-Wettbewerbsfähigkeit sein.

Warum sind argentinische Vermögenswerte in den vergangenen Wochen so stark unter Druck geraten?

Argentinien hat makroökonomische Ungleichgewichte wie etwa ein hohes Leistungsbilanzdefizit. Zudem reagiert das Land empfindlich auf dreierlei Dinge: Einen möglichen Rückgang der Auslandsinvestitionen, die weltweiten Liquiditätsbedingungen und  die wahrgenommene Glaubwürdigkeit der politischen Entscheidungsträger. Angesichts des weniger synchronen globalen Wachstums und der restriktiveren Geldpolitik der Industrieländer war es für Argentinien zuletzt schwieriger, seinen Finanzierungsbedarf durch ausländisches Kapital zu decken. Dies führte dazu, dass der argentinische Präsident Mauricio Macri den Internationalen Währungsfonds um die frühzeitige Auszahlung eines Kredits in Höhe von 50 Milliarden US-Dollar bat, damit das Land seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann.

Welche künftigen Entwicklungen sind für Argentinien zu beachten?

1) Auch für Argentinien stehen politische Maßnahmen im Fokus. Hierzu zählt eine mögliche weitere Straffung der Geld- und Fiskalpolitik, nachdem die Zentralbank die Zinsen dieses Jahr bereits um 31,25 Prozent angehoben hat;

2) Eine Leistungsbilanzanpassung, zu der es kommen könnte, wenn sich das Wachstum erholt und die Umsatzrückgänge bei den Agrarexporten nachlassen, die eine Dürre zu Beginn des Jahres bewirkte;

3) Unterstützung durch den Internationalen Währungsfonds, insbesondere wenn klar wird, wann das Hilfspaket kommt und wie groß es sein wird;

4) Innenpolitische Stabilität, die aufgrund des Vertrauensverlustes in Institutionen unter den argentinischen Verbrauchern, Unternehmen, Anlegern und Sparern leiden könnte.

Wie sieht der allgemeine Ausblick für die Schwellenländer aus?

Die wirtschaftlichen Fundamentaldaten der meisten Schwellenländer sind solide. Außerdem haben sich die Leistungsbilanzungleichgewichte sowie die Wachstums- und Inflationsdynamik in den letzten Jahren verbessert. Gleichwohl sind wir uns bewusst, dass es sich bei den Schwellenländern um ein äußerst vielfältiges Anlagesegment handelt. Die Chancen und Risiken sind von Land zu Land sehr unterschiedlich. Wenn Investoren Schwellenländer-Vermögenswerte einschätzen und ihr Aufholpotential bewerten, ist auf kurze Sicht Geduld gefragt. Wir sind jedoch überzeugt, dass mittel- bis langfristig günstige strukturelle Faktoren wie ein starkes Wachstumspotenzial, günstige demografische Bedingungen, geringe Verschuldung, widerstandsfähigere Bilanzen und das Potenzial für steigende Unternehmensgewinne intakt bleiben. Die jüngsten Ereignisse waren länderspezifisch und sollten nicht als Stimmungsbarometer für die Schwellenländer generell herangezogen werden. Wir erkennen nach wie vor viel Anlagepotenzial in den Märkten der Region.




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