Vorsprung durch Angst

Das erneute Vertrauen der Investoren in Europa ist zwar berechtigt, doch einen zweiten Macron wird es nicht geben. Argumente für und gegen die Investition erläutert der Gründer von Mellinckrodt & Cie AG Dr. Georg Oehm.

Europa hat sich in den vergangenen Monaten politisch bemerkenswert stabilisiert. Die populistischen Bewegungen mit ihrem Gefahrenpotenzial für den Zusammenhalt verloren an Bedeutung. Die Gewinner wichtiger Wahlen waren pro-europäisch eingestellte Politiker. Vor allem der Sieg von Emmanuel Macron, der nun mit klarer Mehrheit Frankreich regieren kann, hat das Vertrauen in und gegenüber Europa deutlich gestärkt. Vor wenigen Monaten, als die Griechenland- und Flüchtlingskrise die Hauptthemen waren, wagten viele nicht einmal von dieser Entwicklung zu träumen – insbesondere nicht an der Wall Street.

Historisches Wechselbad der Gefühle

Sie hat die Börsenkurse beflügelt. Der Stoxx Europe 600 ist wieder in die Nähe seiner einstigen Rekordstände gerückt. Ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist, aufgrund der politischen Entwicklungen, das eigene Portfolio stärker auf Europa auszurichten, darf allerdings bezweifelt werden. Einen weiteren Macron wird es in Europa nicht geben, auch in Deutschland nicht. Ähnliche Kursbewegungen wie in den vergangenen Monaten sind nicht abzusehen. Auch die Wirtschaft läuft gut. Kurzum: Die Rahmenbedingungen sind eingepreist, wie Börsianer gerne sagen.

Vor rund 20 Jahren bezeichnete der „Economist“ Deutschland als den lahmen Mann Europas. Jüngst titelte er „The German Problem“ und sekundierte damit dem US-Präsidenten Donald Trump, der den deutschen Handelsbilanzüberschuss als ein inakzeptables Problem bezeichnet. Dieser gemeinsame Fingerzeig von The Donald und „The Economist“ auf Deutschlands Wirtschaftsstärke ist ein Indiz für die Probleme anderer Länder.

Beim Vergleich Deutschlands wird oft vernachlässigt, dass es im letzten Jahrhundert zwei Weltkriege verloren und häufig fundamentale Wechsel der gesellschaftlichen Strukturen erlebte. Dieses historische Wechselbad würde englischen Adligen, französischen Unternehmerfamilien oder der amerikanischen Oberschicht, den sogenannten White Anglo-Saxon Protestants (WASP), nicht nur schlaflose Nächte bereiten, sondern Existenzängste.

Die Vermögenssituation in Deutschland ist daher anders als in diesen Ländern. Wenn ganze Generationen erhebliche Teile des Nettolebenseinkommens dafür aufwenden müssen, Haus und Hof sowie Straßen und Schulen wiederholt neu aufzubauen, dann fällt der Grundstock des Vermögens geringer aus als dort, wo der erwirtschaftete Reichtum von Generation zu Generation ohne diese Rückschläge weitergegeben werden konnten. Als Siemens-Aktionär wurde man seit Gründung der Gesellschaft dreimal enteignet. Einem Nestlé-Aktionär blieb dieses Schicksal erspart. Vor diesem Hintergrund ist auch das im Vergleich zu Deutschland extrem hohe Pro-Kopf-Vermögen der Italiener zu sehen.

Dieser Kontext relativiert den Vorwurf des Economist, die deutsche Sparquote sei systematisch zu hoch. „Vorsprung durch Angst“ ist der treffende Titel der Analyse. Die historische Erfahrung bei Menschen wirkt manchmal viel länger nach, als oft geglaubt wird. Zudem haben weit verbreitete Stimmungen innerhalb der Bevölkerung häufig Effekte gehabt, die Politiker entweder nicht wahr haben wollten oder unterschätzt haben. Genau deshalb ist spannend, wie Europa die Verteilungsfragen regelt, die im Zusammenhang mit dem Brexit auf die Agenda gekommen sind.




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