Abstimmung über Austrittsabkommen

Im britischen Parlament ist es die Woche der Wahrheit. Je nachdem, wie die Abstimmung diesen Dienstag ausgeht, stehen Mittwoch und Donnerstag weitere an. Doch das ist nicht das einzige, was die Märkte bewegt.

Am 1. März überraschte die britische Premierministerin Freund und Feind mit dem Antrag, nacheinander über mehrere für den Brexit relevante Fragen abzustimmen. Zuerst soll es um das bereits im Januar vom Unterhaus abgelehnte Austrittsabkommen mit der EU gehen, danach um die Möglichkeit eines No-Deal-Brexits und schließlich um einen Aufschub des Austrittstermins. Das erste Votum soll bereits diesen Dienstag stattfinden, die weiteren dann an den beiden folgenden Tagen. Damit hat für Großbritannien die Woche der Wahrheit begonnen.

Brexit-Befürworter und Brexit-Gegner wollen Klarheit

Überraschend war nicht nur die Ankündigung dieser Abstimmungsserie, inklusive des bisher so vehement ausgeschlossenen Aufschubs, überraschend war auch die Tatsache, dass die Abgeordneten diesem Plan mit überwältigender Mehrheit (502:20 Stimmen) zustimmten. Dies lässt sich wohl so lesen, dass die verfeindeten Lager von Brexit-Befürwortern und -gegnern nun endlich Klarheit haben wollen – so oder so. Mays Plan ist nicht dumm, denn er zwingt die Abgeordneten, Stellung zu beziehen. Allerdings hätte man sich diese Stellungnahme schon wesentlich früher gewünscht. Theresa May hat gepokert. Sie hat absichtlich so lange gewartet, um daheim die verfeindeten Brexit-Fraktionen auf Linie zu bringen und gleichzeitig der EU mit dem Schreckgespenst eines harten Brexits letzte Zugeständnisse abzupressen. Damit ist May gescheitert.

Auch in der heutigen Abstimmung könnte der existierende Austrittsvertrag abgelehnt werden. Somit käme es morgen zum Votum über den harten Brexit. Sollte, was ebenfalls naheliegend erscheint, das Parlament sich gegen einen harten Brexit aussprechen, würde dies die verbleibenden Optionen auf einen Rückzug des Artikel-50-Antrages sowie eine Verschiebung des Austrittsdatums beschränken. Hierbei kommt erschwerend hinzu, dass die wahrscheinlichere Variante einer Verschiebung von den 27 anderen EU-Ländern gutgeheißen werden muss. Die britische Regierung wird erklären müssen, was sich im Fall eines kurzfristigen Aufschubs (wegen der EU-Parlamentswahl sind hier maximal drei Monate, also bis Ende Juni, denkbar) an der eigenen Position ändern soll, nachdem sie zuvor nahezu drei Jahre verhandelt hat, ohne klar auszudrücken, was sie will.

EZB erwartet schwächere Wirtschaft im Euroraum

Während infolge von derlei Politspielchen die Wahrscheinlichkeit zumindest eines harten Brexits zu schrumpfen scheint, geht die EZB von einer ökonomischen Abschwächung im Euroraum aus. Die Wachstumsprognose für 2019 wurde markant von 1,7 auf 1,1 Prozent – und damit unter den Potenzialpfad – gesenkt. Da war es nur konsequent, dass die Zentralbank gleich eine ganze Palette expansiver Maßnahmen mitlieferte, allen voran einen Aufschub der ersten Zinsanhebung bis ins nächste Jahr und das Versprechen neuer, zinsbegünstigter Geldversorgung für Banken, um die Kreditvergabe anzukurbeln. Die Aktienmärkte haben eher die Molltöne in diesen Ankündigungen gehört und verhalten reagiert. Positiv waren die Kurseffekte hingegen an den Bondmärkten. Sowohl die Renditen deutscher Bundesanleihen als auch ihrer südeuropäischen Pendants gingen über den Verlauf der Woche kräftig zurück.

Kursgewinne versus geschrumpfte Gewinnerwartungen

Aus Sicht der Aktienmärkte ist generell zuletzt mehr Zurückhaltung spürbar geworden. Seit Jahresbeginn stehen kräftige Kursgewinne zu Buche geschrumpfte Gewinnerwartungen gegenüber. Damit sind die Märkte teurer geworden, getrieben durch die Milde der Zentralbanken, Hoffnung auf Entwarnung im Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie dem Eindruck, dass der Ende 2018 an den Tag gelegte Konjunkturpessimismus doch ein wenig übertrieben war. Der Markt scheint jetzt innezuhalten und auf neue Treiber zu warten. Gut möglich, dass diese aus Asien kommen.

Sollte sich der chinesische Präsident nach Abschluss des Volkskongresses tatsächlich auf den Weg in die USA machen, um mit Donald Trump den Handelsdeal zu unterschreiben, wäre das vermutlich eine gute Nachricht für globale Aktien. Im gleichen Zuge könnten es aber eine negative für europäische Aktien sein, denn noch jedes Mal, wenn sich Trump einem seiner beiden Lieblingsgegner im Welthandel, also China und Europa, angenähert hat, gab es kurz später umso aggressivere Tweets gegenüber dem jeweils anderen. Sollte es also, was wir für wahrscheinlich halten, zum Deal mit China kommen, dürfte sich die Rhetorik aus dem Weißen Haus bezüglich Autozöllen gegenüber Europa eher verschärfen. Für uns ein Grund mehr, bis auf weiteres bei unserer Untergewichtung europäischer Aktien zu bleiben.




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