Aktueller Blick auf die Märkte

In Italien läuft alles auf Neuwahlen hinaus, die frühestens im Oktober stattfinden dürften. Das dürfte auch die Sorgen um den Zusammenhalt der Eurozone am Kochen halten. Dr. Martin Lück von Blackrock analysiert die angespannte Lage.

Am Wochenende scheiterte in Rom die Bildung einer neuen Regierung. Präsident Sergio Mattarella verweigerte dem eurokritischen Kandidaten für das Amt des Finanzministers, Paolo Savona, die Ernennung und brachte damit die Wahlsieger, Lega und Fünfsternepartei, gegen sich auf. Mattarella dürfte jetzt eine Technokratenregierung ernennen, deren Handlungsfähigkeit aber erheblich eingeschränkt sein könnte, denn sowohl Lega als auch Fünfsternepartei haben bereits angekündigt, im Parlament gegen eine solche Regierung stimmen zu wollen. Damit läuft alles auf Neuwahlen hinaus, die frühestens im Oktober stattfinden dürften. Für die Haushaltsplanung 2019, die im Rahmen des Europäischen Semesters ebenfalls im Oktober der EU-Kommission vorzulegen ist, wird es dann vermutlich eng.

Finanzminister Savona dürfte eine Eurokrise provozieren

Dies alles dürfte die Sorgen um Italien, und damit um den Zusammenhalt der Eurozone, am Kochen halten. Besonders unerfreulich ist, dass es keine wirklich gute Alternative zum Status Quo gibt. Die jetzt gewählte offene Konfrontation zwischen Staatspräsident und den auf eine Regierungsbildung drängenden Wahlsiegern birgt das Risiko einer Schwächung der staatstragenden Institutionen, bis hin zur Verfassungskrise. Die Alternative mit einem Finanzminister Savona hätte wohl ein schlagartiges Wiederaufleben der Eurokrise provoziert, denn der streitbare Professor hat den Plan für Italiens Austritt aus dem Euro bereits fertig in der Schublade liegen. Genau dies dürfte der Grund dafür gewesen sein, warum ihn der Präsident um jeden Preis verhindern wollte.

Der Schuldenstand Italiens entspricht dem Siebenfachen Griechenlands

Das Risiko einer weiteren Eskalation, bis hin zur Existenzfrage des Euro, war nie so groß wie heute. An Italien könnte sich die Zukunft des Euro entscheiden. Denn im Unterschied zu Griechenland, an dessen Tsipras/Varoufakis-Gespann aus dem Jahr 2015 die italienische Variante Salvini/Di Maio auf erschreckende Weise erinnert, ist Italiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) fast zehnmal so groß, der Schuldenstand entspricht mehr als dem Siebenfachen Griechenlands. Damit ist das Land und sein aus den 80er und 90er Jahren stammender Schuldenberg zu groß für jeden Rettungsschirm. Und damit entscheidet sich an Italiens künftiger Positionierung, ob Europa sich weiterentwickelt oder auseinanderfällt.

Dass es mit der Weiterentwicklung, also Vertiefung der Eurozone mau aussieht, zeigt sich auch hierzulande. Wieder einmal fegte letzte Woche ein Aufruf von 154 Wirtschaftsprofessoren, darunter die üblichen Verdächtigen, Emmanuel Macrons Vorschläge zur tieferen Integration vom Tisch. Lieber gar kein Europa als eine Transferunion, lautete die AfD-freundliche Botschaft. Irgendwie verständlich, dass die südeuropäischen Spreads auf diese Gemengelage, in der populistische Vereinfachungen scheinbar überall zum Mainstream werden, nervös reagieren.

Apropos Populismus. Er trifft mich, er trifft mich nicht, Donald Trumps Gänseblümchendiplomatie in Nordkorea sorgt selbst bei abgebrühten Geopolitikern für Kopfschütteln. Erstaunlicherweise hat Trumps unbedarftes Gewurschtel immerhin dazu geführt, dass sich in der Region wieder etwas bewegt. So dürfte die Annäherung der beiden koreanischen Staaten auf Trumpf Unberechenbarkeit, unzuverlässiger Beschützer des Einen, unkalkulierbarer Gegner des Anderen, zurückzuführen sein. Denkbar also, dass ausgerechnet ein US-Präsident, der vor kurzem nicht einmal wusste, wo Korea liegt, diesen gordischen Knoten durchschlägt.

Was bedeutet das für die Anleger?

Für Anleger bedeutet all dies, dass sich leider die allzu vorhersehbare Einschätzung bewahrheitet, nämlich jene, dass 2018 viel risikoreicher wird als es zu Jahresbeginn aussah. Aktienanleger warten an der Seitenlinie. Interessant ist, dass zwar die Notierungen quasi auf Ausgangsniveau des Jahresanfangs stehen, allerdings bei niedrigeren KGVs (Kurs-Gewinn-Verhältnis) und höheren Diskontierungsfaktoren, also Zinsen. Derweil hat sich der Ölpreis um ein paar US-Dollar entspannt, weil sich Saudi-Arabien und Russland großzügig bereit erklären, etwaige Angebotsengpässe infolge von Spannungen in Iran und Venezuela durch mehr eigene Förderung auszugleichen. Ein Schelm, wer Böses denkt. Und in den USA steuert die Fed auf den nächsten Zinsschritt am 13. Juni hin, den die Märkte inzwischen zu 89 Prozent einpreisen. Auch für September sieht der Markt die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Erhöhung schon bei knapp 60 Prozent. Sollte all dies so kommen und zusätzlich die Italexit-Furcht sich verfestigen, könnte es für höhere Aktienbewertungen in der zweiten Jahreshälfte eng werden.




Nachricht an die Redaktion

Hier können Sie uns einen Kommentar zu dem Artikel zukommen lassen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

Bitte lasse dieses Feld leer.]

Bei unseren Lesern momentan beliebt