Anleger müssen sich (nicht) sorgen

Eigentlich haben Anleger keinen Grund zur Sorge, doch die Stimmung an den Märkten kann schnell kippen. Welche Aspekte man beachten sollte, erklärt Dr. Martin Lück von BlackRock.

Eigentlich könnten Marktteilnehmer entspannt in das letzte Drittel dieses Jahres gehen. Die volkswirtschaftliche Lage sieht rund um den Globus solide aus, sieht man von Währungsturbulenzen in einigen Schwellenländern wie Argentinien oder der Türkei ab und davon, ob wohl in China die erwünschte Kreditverknappung unfallfrei gelingt. In den USA, der nach wie vor größten Volkswirtschaft der Welt aber, haben die Steuergeschenke der Trump-Regierung das ohnehin schon starke Wachstum noch einmal angefacht, und entsprechend rosig ist der Gewinnausblick der Unternehmen.

Auch in Europa haben die letzten Konjunkturindikatoren – wie der Ifo-Index – zuletzt signalisiert, dass die befürchtete Wachstumsverlangsamung in diesem Jahr doch milder ausfallen könnte als erwartet. Zwar sieht die Dynamik damit auch auf Unternehmensebene weniger spektakulär aus als auf der anderen Seite des Atlantik, außerdem stehen europäische Firmen stärker im Fokus etwaiger Handelsrestriktionen. Unterm Strich bleibt aber auch in Europa der fundamentale Ausblick positiv. Unsere zu Jahresbeginn aufgestellte Prognose, der zufolge die Aktienmärkte das Jahr leicht im positiven Bereich beschließen dürften, sehen wir somit weiterhin gut im Rennen.

Politik verunsichert Anleger

Unsicherheiten drohen wieder einmal aus der politischen Richtung. Schon in den letzten Wochen haben die Spannungen um die angeschlagene türkische Lira gezeigt, wie schnell Anleger angesichts derartiger Risiken bereit sind, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Überreaktionen im Sinne einer Übertragung der Türkei-Schwäche auf die gesamten Schwellenländer halten wir für verfehlt, im Zweifel dürften sich bei Schwellenländern mit gesunden Fundamentaldaten sogar Kaufgelegenheiten ergeben.

Zu weiterer Verunsicherung trägt die konfrontative Haltung der neuen italienischen Regierung bei. Nachdem im Interesse maximaler medialer Aufmerksamkeit einem Flüchtlingsschiff der eigenen Küstenwache das Anlaufen italienischer Häfen untersagt wurde und Premierminister Conte mit einem Einfrieren von Zahlungen an die EU drohte, wächst die Erkenntnis, dass die anstehende Auseinandersetzung um den italienischen Staatshaushalt für 2019 haarig werden könnte. Anzeichen für eine auf Konfliktvermeidung angelegte Position der Regierungsparteien Lega und Fünf-Sterne-Partei, also ein auf Einhaltung der Fiskalpakt-Regeln bedachter Budgetentwurf, sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu erkennen. Eher das Gegenteil. Seit Mitte Juli hat sich dann auch der BTP-Zehnjahreszins wieder deutlich über die drei-Prozent-Hürde gearbeitet. Er könnte deutlich höher steigen, sollten Investoren im Rahmen der Budgetvorstellung Mitte September höhere Risikoprämien fordern und/oder sich das Rating Italiens verschlechtern.

Trumps Impeachment hätte gute und schlechte Konsequenzen

Und schließlich gibt es neue Unsicherheit aus den Vereinigten Staaten. Nachdem sich zwei der engsten früheren Mitarbeiter des Präsidenten vor Gericht verantworten mussten und einer davon – Trumps ehemaliger Anwalt Michael Cohen – sich bereit erklärt hatte, mit Sonderermittler Robert Mueller zusammenzuarbeiten, wurde wieder von Impeachment gesprochen. Zwar teilen wir nicht die vom Präsidenten umgehend geäußerte Einschätzung, der zufolge die Märkte im Falle seiner Amtsenthebung einbrechen würden. Dennoch halten wir die Frage, ob es zu einem Impeachment-Verfahren gegen Trump kommt, aus verschiedenen Gründen für kapitalmarktrelevant. So könnte die Aussicht auf eine Welt ohne Trump Investoren auf eine verantwortungsvollere Fiskalpolitik hoffen lassen. Gleichermaßen dürften aber Aktionäre von Energieunternehmen skeptischer in die Zukunft schauen, wenn unter einem neuen Präsidenten der Umweltschutz plötzlich wieder eine Rolle spielen könnte.

Ausgang der Kongresswahlen wichtig für Entwicklung der Märkte

Bleibt die Frage, wie wahrscheinlich ein Amtsenthebungsverfahren ist. Bei den gegenwärtigen Machtverhältnissen des für die Prozedur zuständigen Kongresses geht die Wahrscheinlichkeit eines Impeachment gegen null. Das könnte sich ändern, sollte am 6. November die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus durch eine demokratische abgelöst werden. Selbst wenn dann ein vermutlich weiterhin republikanisch dominierter Senat sich weigert, die effektive Entfernung des Präsidenten aus dem Amt umzusetzen, könnte ein mit viel medialer Begleitung durchgeführtes Impeachment im Repräsentantenhaus Trumps Wiederwahlchancen für 2020 beeinflussen. Aus Sicht der Märkte ist es also durchaus vernünftig, die Wasserstandsmeldungen des Kongresswahlkampfes ebenso aufmerksam zu verfolgen wie Berichte über vermeintliche und tatsächliche Verfehlungen des wohl ungewöhnlichsten US-Präsidenten aller Zeiten.




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