Ausblick 2019: Wohin geht die Reise des Wachstums?

Kommt das Wachstum der Eurozone aus seiner gegenwärtigen Schwächephase heraus? Profitieren Schwellenländer von der anziehenden Konjuktur? Valentijn van Nieuwenhuijzen, Chief Investment Officer bei NN Investment Partners, gibt Antworten auf die Fragen.

Im kommenden Jahr 2019 werden die USA einer moderaten Wachstumsabkühlung entgegen sehen, da die Wirkung der fiskalischen Anreize nachlässt und die jüngsten Straffungsmaßnahmen der US-Notenbank allmählich spürbar werden. Europa dürfte aus seiner aktuell leichten Schwächephase herauskommen, da der Arbeitsmarkt enger wird und das Lohnwachstum anzieht. Ein robustes Geschäftsvertrauen, verbesserte Gewinnmargen und ein gegenwärtig im Vergleich zum Produktionsniveau noch niedriges Investitionslevel sollten dazu führen, dass die Investitionen steigen und optimale Voraussetzungen für einen weiteren Anstieg des Kreditwachstums schaffen. Wir sehen in der Eurozone noch eine latente Nachfrage nach Kapitalgütern und erwarten, dass die EZB ihre Geldpolitik nicht vor September 2019 strafft. Daher erwarten wir in Europa für den Großteil des kommenden Jahres ein über dem Trend liegendes Wachstum. Auch Japan dürfte weiter über dem Trend wachsen, da die geldpolitischen und fiskalischen Maßnahmen bewusst auf eine Überhitzung der Wirtschaft abzielen, um die Inflationserwartungen zu erhöhen. Die Konjunkturentwicklung in Europa und Japan nähern sich damit im neuen Jahr wieder dem US-Wachstum an. Dabei werden die sonst üblichen Showstopper von Seiten der Zentralbanken und der Arbeitsmärkte das Bild wahrscheinlich diesmal nicht trüben.

Schwellenländer und US-Handel

Insgesamt ist das Umfeld für die Schwellenländer herausfordernder geworden. Die Normalisierung der Geldpolitik in den Industriestaaten führt zu strafferen Finanzierungsbedingungen und letztlich zu einem geringeren Wachstum der Inlandsnachfrage in den Schwellenländern. Zugleich beeinträchtigt der US-Protektionismus den Globalisierungstrend, der sich bereits vor der jüngsten Einführung der US-Handelszölle abgeschwächt hatte. Das dürfte die ausländischen Direktinvestitionen und das Exportwachstum in den Schwellenländern beeinträchtigen. Zudem nimmt die Rohstoffintensität des chinesischen Wachstums ab. Es sinkt allmählich auf ein Niveau, das eher zu seiner Demographie und seiner Schuldenquote passt. Da sich China mehr auf den Inlandskonsum als auf Anlageinvestitionen konzentriert, ist es schwierig vorherzusagen, wann die chinesischen Stimulusmaßnahmen ihre Wirkung zeigen und die negativen Auswirkungen der US-Zölle kompensieren werden.

Wir erwarten in der Gruppe der Schwellenländer eine weitere politische Divergenz zwischen Staaten mit der nötigen institutionellen Stärke zur Fortsetzung ihrer Reformen und den übrigen Staaten. In diesem Zusammenhang werden wir die Wahlen in Indonesien, Indien und Polen genau im Auge behalten.
Die Spannungen zwischen den zwei weltgrößten Volkswirtschaften werden an den Märkten ein Dauerthema bleiben. Zölle führen zu Ineffizienzen, die zu einer unterdurchschnittlichen makroökonomischen Entwicklung führen, die am stärksten bei der Produktivität sichtbar wird. Schon bevor dieser Punkt erreicht wird, könnten wir negative Auswirkungen auf die Stimmung der Unternehmen und der Finanzmärkte erleben. Insgesamt gehen wir davon aus, dass die Handelsspannungen auf China und die USA beschränkt bleiben und 2019 weiter zu Schwankungen an den Märkten führen werden.

Europa

Im Jahr 2019 liegt Beginn der griechischen Schuldenkrise bereits ein Jahrzehnt zurück. Und dennoch steckt die Eurozone bei ihrer Fiskal- und Bankenunion immer noch mitten im Aufbau der Institutionen, was sie für wirtschaftliche und politische Schocks anfällig macht. Die Stärkung dieser Institutionen ist unerlässlich, gestaltet sich aber aufgrund der unterschiedlichen Präferenzen der Mitgliedsstaaten als schwierig.

Der Brexit kann – nicht zuletzt aufgrund von Veränderungen bei britischen Institutionen im Bereich der internationalen Handels- und Finanzbeziehungen – mit sehr hohen wirtschaftlichen Kosten verbunden sein. Dagegen könnte sich der Nutzen aufgrund der großen Verflechtungen mit dem europäischen Kontinent im Bereich Wirtschaft und Verteidigung als trügerisch erweisen.

Unterdessen spielt sich in Italien ein Drama ab, bei dem die Populisten richtig erkannt haben, dass eine lange Phase starken Realwachstums notwendig ist, um das Inflationsniveau von vor der Krise und eine tragbare Schuldenlast zu erreichen. Zu strikte Sparmaßnahmen, wie wir sie nach der Finanzkrise erlebt haben, belasten das Realwachstum stark, da sie eine größere Vorsicht im Privatsektor auslösen. Andererseits können fehlende Sparmaßnahmen leicht zu einer Verschärfung der Finanzierungsbedingungen und des Kreditangebots, einem schwindenden Vertrauen und letztlich zu einem erheblich niedrigeren Realwachstum führen. Das würde zu Herabstufungen des Länderratings, steigenden Kreditkosten und einem weiteren Anstieg der Verschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt führen. Zudem würde ein mangelnder italienischer Sparwille die Beziehung zu den anderen Ländern der Eurozone verkomplizieren und die Bereitschaft der EZB mindern, ein Sicherheitsnetz für die italienischen Staatsschulden zur Verfügung zu stellen. Die einzige Lösung für Italien ist, die richtige Balance bei den öffentlichen Ausgaben mit Wirtschaftsreformen zu kombinieren, um das Wachstum anzukurbeln.




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