Die Blitzableiter-Strategie

Euro, EZB und Anleihen. Was passiert gerade? Didier Saint-Georges, Mitglied des Investmentkomitees und Managing Director, kommentiert die derzeitigen makroökonomischen Entwicklungen.

Im Sommer 2017 blieben die Finanzmärkte von größeren externen Schocks verschont, die ihre Widerstandsfähigkeit auf die Probe gestellt hätten. Es gab weder eine Finanzkrise noch eine militärische Intervention, abgesehen von einigen Provokationen durch Nordkorea. Das Konjunkturumfeld war insgesamt positiv, und am Ende stand das berühmte Treffen der Zentralbanker im August in Jackson Hole, wo man sich vor allem darauf verständigte, zu geldpolitischen Fragen zu schweigen. Insgesamt gab es also keine besonderen Vorkommnisse.

Im Juli und August verlor der EuroStoxx 1 Prozent, der S&P 500 Index legte um 1,8 Prozent zu und der Aktienindex MSCI World gewann dank der soliden Entwicklung der Schwellenländer 2,3 Prozent. Hinter dieser undramatischen Entwicklung verbargen sich jedoch weitere Verschiebungen der globalen wirtschaftlichen Gleichgewichte (siehe unsere Note vom Juli „Rationale Überschwänglichkeit?“). Dies lässt sich vor allem an zwei Entwicklungen verdeutlichen: Einerseits steht hier der seit Anfang dieses Jahres zu beobachtende Rückgang des US-Dollar. Dieser hat sich vor allem gegenüber dem Euro beschleunigt und konnte in diesem Sommer um rund 5 Prozent zulegen. Auf der anderen Seite steht der Rückgang der risikofreien Zinssätze. Beide Einzelentwicklungen gilt es zu verstehen, denn in ihnen drücken sich die Befürchtungen der Anleger aus. Sie fungieren auch als „Blitzableiter“: In ihrem Windschatten konnten die Aktien- und Kreditmärkte von guten Unternehmensergebnissen profitieren und sich mit ihren Bewertungsniveaus zufrieden geben.

Die Anomalie des Anleihenmarkts ist immer weniger haltbar

Seit dem Jahresanfang besteht ein scharfer Kontrast zwischen dem globalen Wirtschaftsaufschwung – vor allem in Europa – und der Zinsentwicklung.

In den ersten Monaten des Jahres waren die politische Unsicherheit in Verbindung mit den Präsidentschaftswahlen in Frankreich, die wahrscheinlich damit zusammenhängende, zögerliche Konjunkturerholung in Europa und die monatlichen Anleihekäufe der EZB ausschlaggebend für den außergewöhnlichen Aufschlag auf deutsche Bundesanleihen. Das Niveau ihrer jährlichen Renditen zwischen 0,2 Prozent und 0,5 Prozent war selbst vor dem Hintergrund eines Inflationsniveaus von unter 2 Prozent bereits deutlich niedrig. Dennoch konnte diese Anomalie bei unveränderten Bedingungen fortbestehen. In diesem Sommer aber wandelte sich das Umfeld.

Was die Politik anbelangt, hat Angela Merkel ihren Vorsprung in den Umfragen zur Bundestagswahl im September ausgebaut. Dies stützt die Hoffnung auf eine neue europäische Dynamik und auf eine gestärkte deutsch-französische Achse. Von diesem politischen Impuls könnte u.a. Italien profitieren, auch wenn Ex-Premier Berlusconi sich in den Medien wieder zu Wort meldet. Das Land erholt sich nach und nach vom gescheiterten Referendum über die von Matteo Renzi geplanten Reformen im Dezember 2016: So stieg der Geschäftsklimaindex der italienischen Wirtschaft im August erneut an und erreichte seinen höchsten Stand seit 2008.




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