Einen kritischen Blick wagen

Grüne Bonds finden bei Investoren reißenden Absatz. Jedoch sollten diese in einem weiteren ESG-Kontext betrachtet und die fundamentalen Treiber der Anleihen berücksichtigt werden, rät Euan McNeil, Portfoliomanager bei Kames Capital.

Der explosionsartige Anstieg der Nachfrage nach Green Bonds in den letzten Jahren lässt sie im Vergleich zu anderen Festzinspapieren inzwischen teuer erscheinen. Dabei gibt es für Anleger außerhalb dieser Marktnische bessere Alternativen.

Im letzten Jahr wurden grüne Anleihen im Wert von über 100 Mrd. USD ausgegeben, allen voran Euro-Anleihen, auf die 43% der Emissionen entfallen.

Anleger stürzen sich scharenweise auf die Titel und die Marktlage für solche Wertpapiere war in den letzten 18 Monaten außergewöhnlich günstig. Daher haben die Emittenten meist die Konditionen solcher Anleiheemissionen diktieren können und viele haben die nötigen „Green Bond-Strukturen“ eilig geschaffen. Das hat jedoch zu einer Überbewertung dieses Segments geführt.

Wir wollen zwar nicht die Stimmung verderben, machen jedoch angesichts des derzeitigen Kursniveaus lieber einen Bogen um Green Bonds.

Ist die langfristige Zahlungsfähigkeit eines Emittenten nicht durch ein solides Geschäftsmodell oder eine intakte Bilanz untermauert, verlockt uns der grüne Touch nicht, auf solch einen Schuldner zu setzen.

Deshalb ist ratsam, grüne Anleihen im weiteren ESG-Kontext zu betrachten und eine fundierte Kenntnis der fundamentalen Treiber jeder Anleihe zu gewährleisten, statt sich allein auf die mit ihnen verbundenen nachhaltigen Aspekte zu konzentrieren. Insbesondere müssen sich Anleger bewusst sein, dass das zugrundeliegende Risiko von Green Bonds nicht von anderen Emissionen des Unternehmens abgegrenzt ist.

Wir sind der Meinung, dass grüne Anleihen genau wie alle anderen Marktanomalien behandelt werden sollten; wir versuchen, sie nach Möglichkeit auszunutzen.

Wenn wir einem Emittenten Geld für denselben Zeitraum bei gleicher Sicherheit leihen und außerdem ein grünes Projekt unterstützen können, ist das eine großartige Sache.

Wir werden aber sicher kein Geld zum Nachteil unserer Fonds investieren, wenn das Kapital, das wir den Emittenten zur Verfügung stellen, mit dem restlichen Kapital austauschbar und gleichrangig mit allen anderen Schuldtiteln ist, die der Emittent zur Finanzierung seiner allgemeinen Geschäftstätigkeit ausgegeben hat.

Nachhaltige Geldanlagen sollten aktiv gefördert werden, jedoch nicht zu Preisen oder bei Unternehmen, die im Normalfall nicht den Investment-Standards entsprechen. Daher sind ein solides Geschäftsmodell und eine gute Unternehmensführung für unseren Investmentprozess und den ESG-Erfolg maßgeblich. G steht daher für Governance und nicht für Grün.




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