Ertragssaison wichtiger als aktuelle Turbulenzen?

Karolina Noculak, Investment Strategist bei Aberdeen Standard Investments, kommentiert den aktuellen Ausverkauf an den Aktienmärkten und warnt vor überstürzten Reaktionen.

Die Märkte sind wieder in Bewegung. Wie bei so vielen Ausverkäufen an den Finanzmärkten ist dies eine Geschichte des stetig zunehmenden Drucks, bis sich dieser wieder entspannen muss. Volatile Märkte werden uns weiter begleiten, aber die nächsten Wochen werden zeigen, ob diese Episode ein Signal für etwas Unheilvolles oder nur eine weitere Erschütterung ist.

Anstieg der US-Treasury-Renditen

Der grundlegende Auslöser für den aktuellen Ausverkauf an den Aktienmärkten war der Anstieg der US-Treasury-Renditen. Insbesondere die Tatsache, dass die Treasuries, die 3,2-Prozent-Marke durchbrochen haben – was mehr psychologisch und nicht unbedingt wirtschaftlich von Bedeutung ist. Der Anstieg der Treasury-Renditen hat eine solche Dynamik erreicht, dass Anleger befürchten, dass diese bald anfangen könnten, die Aktienmärkte zu schädigen. Aber wir sind noch gar nicht auf einem solchen Niveau angelangt, welches laut Umfragen bei Treasury-Renditen von 3,5 bis 3,6 Prozent liegt. Aber die bloße Tatsache, dass wir uns ihnen nähern, hat gereicht, um Investoren in so große Panik zu versetzen, dass sie ihre Aktien verkaufen.

Diese panische Antwort sagt uns etwas über den Kontext, in dem wir agieren. Die Investoren sind allmählich mehr und mehr darüber besorgt, was der US-amerikanische und chinesische Handelskrieg für Unternehmen und Volkswirtschaften bedeutet, während sich das globale Wachstum zu verlangsamen scheint. Es gibt viele politische Wolken am Horizont: der Brexit, die fragile politische Situation in Italien und die Mid-Term-Wahlen in den USA im nächsten Monat. Diese erhöhen zusätzlich die Unsicherheit über die Gesamtaussichten. Und die Renten- und Devisenmärkte neigen nicht dazu, solche Unsicherheit freundlich aufzunehmen und reagieren in der Regel mit einem reflexartigen Ausverkauf.

Zu den technischen Gründen

Dann gibt es noch einige technische Aspekte der Finanzmärkte, die den Ausverkauf aggressiver gestaltet haben. Die US-Gewinnsaison geht nächste Woche in die heiße Phase, und der Vorlauf hierzu zeigt, dass die Unternehmen derzeit sehr konservativ an den Finanzmärkten agieren. Das bedeutet unter anderem, dass viele der Aktienrückkaufprogramme, welche die Aktienmärkte in letzter Zeit angetrieben haben, gestoppt wurden und damit den Aktienmärkten den Wind aus den Segeln genommen haben.

Ein weiteres technisches Element ist, dass der Herbst den Aktienmarktrenditen tendenziell nicht förderlich ist. Forscher haben jahrzehntelang versucht, genau herauszufinden, warum dies der Fall ist – weitgehend ohne Erfolg. Aber es ist nichtsdestotrotz einer dieser Aberglauben der Finanzmärkte, der durch langfristige Renditeentwicklungen bestätigt wird. Diese zeigen, dass die Herbstmonate tendenziell rückläufige Marktrenditen bringen, egal was die Ursache ist.

Die nächsten Wochen der US-Gewinnsaison könnten uns zeigen, ob dieser Ausverkauf von Dauer oder ob es nur eine weitere Schwankung ist. Der Gewinn pro Aktie wird für den S&P 500 Index voraussichtlich um rund 20 Prozent steigen, und die zugrundeliegenden Trends sind intakt, da die Unternehmen von starken Konsumausgaben und den Steuerausfällen profitieren, die Anfang des Jahres Präsident Trump zu verdanken waren. Investoren kaufen oft Aktien aufgrund des zugrundeliegenden Gewinnwachstums. Wenn wir also eine starke Ertragssaison sehen, könnte das helfen, die aktuellen Sorgen an den Finanzmärkten zu beruhigen.

Starker Dollar könnte zum Problem werden

Aber es gibt einige Risiken für US-Unternehmen. Eines davon ist die Stärke des Dollars und das Ausmaß, in dem dieser die Gewinne im Ausland untergraben könnte. Zum anderen können wir trotz der guten Beschäftigungslage und des zunehmenden Wettbewerbs um Arbeitnehmer immer noch keine nachhaltige Belebung bei den US-Löhne feststellen. Eine abschließende Frage ist, ob höhere Ölpreise die Betriebskosten erhöhen und die Verbrauchernachfrage beeinträchtigen könnten, wenn diese beginnen, höhere Preise an den Zapfsäulen zu sehen.

Diese Risiken machen die Einschätzungen, die wir von US-Unternehmen in den kommenden Wochen erhalten werden, äußerst wichtig. Diese sollte uns zeigen, wie bewusst sich die Unternehmen dieser Sorgen sind und was sie mit ihren Cashflows vorhaben. Die Hinweise sollten auch Aufschluss darüber geben, ob Themen wie der US-amerikanische Handelskrieg mit China das Verhalten der Unternehmen und ihre Investitionsbereitschaft beeinflussen. Wenn Unternehmen beispielsweise Investitionen tätigen wollen, könnte dies zu zukünftigem Wachstum beitragen, und die Märkte würden dies positiv aufnehmen.

Ebenso könnten die Aktienkurse zumindest kurzfristig durch den Nachweis gestützt werden, dass Unternehmen planen, ihre Aktien durch den Neustart von Rückkaufprogrammen zu stützen.

Selbst wenn diese Phase ohne Zwischenfälle vergeht und eine starke Ertragssaison den Investoren Frühlingsgefühle zurückbringt, wird die Volatilität aus einem einfachen Grund bestehen bleiben: Die Jahre der quantitativen Lockerung und der extrem niedrigen Zinsen hatten fast alle Quellen der Volatilität überdeckt – jetzt, da die Fed die Zinsen weiter erhöht und ihre Bilanz zurückfährt, ist eine höhere Volatilität aber unvermeidlich.

Diese Phasen der Volatilität sind jedoch nicht unbedingt Episoden, die man fürchten muss. Sie decken Wertpotenziale auf, die Chancen zum Kauf unterbewerteter Assets bieten. Im Moment ist es daher an der Zeit für besonnenes Handeln.




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