EZB-Enscheidung: Was die Branche sagt

Am gestrigen Donnerstag verkündete Draghi die Kürzung des Anleiheaufkaufs durch die EZB. Was denken Experten der Branchen über den Schritt? Welche Folgen kommen auf die Branche zu?

Julien-Pierre Nouen, Chef-Wirtschaftsstratege bei Lazard Frères Gestion

„Wie erwartet hat Mario Draghi angekündigt, dass die EZB einen weiteren Schritt in Richtung Normalisierung ihrer Geldpolitik gehen wird. Beginnend im Januar 2018 bis September 2018, und gegebenenfalls darüber hinaus, sofern nötig, wird sie pro Monat Staatsanleihen im Wert von 30 Milliarden Euro ankaufen. Bislang beträgt der Ankaufswert 60 Milliarden Euro pro Monat. Diese Ankündigung liegt im Großen und Ganzen im Rahmen der Markterwartung. Eine heftige Reaktion der Märkte scheint deshalb relativ unwahrscheinlich. Da für die Politik des Quantative Easings der Bestand an angekauften Werten wichtiger ist als die einzelnen Zuflüsse, wird die Geldpolitik weiterhin gelockert bleiben. Wir erwarten, dass eine vorsichtige Rückkehr zur Normalität nicht zu einer hohen Volatilität an den Märkten führen wird.

Mario Draghi hat noch einmal betont, dass die EZB ihren vorsichtigen Kurs in der Geldpolitik beibehalten will, und dass die kurzfristigen Zinsen erst deutlich später nach einem Stopp der Anleihenankäufe durch die EZB steigen werden. Die Zentralbank will dadurch eine ungewollte Verschärfung der finanziellen Großwetterlage vermeiden, wie zum Beispiel einen erneuten starken Anstieg des Euro-Kurses oder ein zu schnelles Ansteigen der langfristigen Zinsen. Sobald diese beiden Ereignisse bevorstünden, würde die EZB durch geldpolitische Andeutungen gegensteuern oder die Parameter ihrer Ankaufspolitik nachjustieren. Möglicherweise würde sie sogar so weit gehen, die Dauer des Ankaufsprogramms auszuweiten. Anders jedoch, wenn die Inflation in den nächsten Monaten stark steigen sollte. Dann würden die Falken in der EZB versuchen, den Normalisierungsprozess zu beschleunigen. Dessen ungeachtet: Eine sehr behutsame Geldpolitik und eine ausgeweitete Erholung schaffen ein positives Umfeld für risikoreichere Anlagen.“

Paul Hatfield, Global Chief Investment Officer bei Alcentra (BNY Mellon IM)

„Die Ankündigung entsprach so sehr unseren Erwartungen, dass sie fast enttäuschte. Anleihen könnten profitieren und der Euro leicht abschwächen. Da es aber nichts Überraschendes gab, gehen wir auf absehbare Zeit von einer restriktiven Grundhaltung innerhalb einer engen Spanne aus. Draghi ließ sich die Sicherheitsoption offen, die Druckmaschine wieder in Schwung zu bringen, falls es für die Eurozone makroökonomisch abwärts geht, so dass zumindest für weitere zwölf Monate keine Zinserhöhungen zu erwarten sind.“

Viktor Nossek, Direktor Research bei WisdomTree in Europa

„Die Anleger in Europa sollten das Hedging ihrer festverzinslichen Engagements in Erwägung ziehen, nachdem die EZB ab Anfang 2018 die Käufe von Anleihen reduzieren wird. Deutsche Bundesanleihen könnten jetzt in der Schusslinie sein, da die Reduzierung des Programms eventuell gewisse Trotzreaktionen in Europa auslösen könnte. Jetzt, da die EZB signalisiert hat, dass die Erholung sich weitgehend selbstragend gestaltet, könnten die Bundesanleihen den gleichen Weg gehen wie US-Staatsanleihen im Jahr 2013. Daher könnten die Anleger jetzt in Erwägung ziehen, aus den Bundesanleihen auszusteigen, zumal die Renditen so nahe der Rekordtiefs sind.“

Patrick O’Donnell, Senior Investment Manager bei Aberdeen Standard Investments

„Mario Draghi hat den unbestreitbar schwersten Teil des Tapering-Prozesses – nämlich die Ankündigung als solche – hinter sich gebracht, ohne jemanden auf die Füße zu treten. Aber es war herauszuhören, dass nicht alles rosig ist: Die heute angekündigten Entscheidungen fanden keine einhellige Zustimmung. Und die Fragen, ob es überhaupt noch genügend Anleihen für das Kaufprogramm gibt, werden bleiben. Aber Draghi wird froh darüber sein, den heutigen Tag ohne größeren Unfall hinter sich gebracht zu haben.“

 




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