EZB überrascht mit längerer Forward Guidance

Wer dachte, die EZB würde nach ihrer letzten Sitzung auf dem gewohnten Pfad bleiben, lag falsch. Die EZB versucht, die Konjunkturschwäche mit neuen Maßnahmen zu bekämpfen. Vor allem die verlängerte Forward Guidance überraschte.

Die EZB überzeugte diejenigen vom Gegenteil, die dachten, sie würde die derzeitige Schwäche wie gewohnt angehen. Sie überraschte den Markt mit einem Paket, das überzeugen soll. So will sie Bedenken zerstreuen, sie sei aufgrund der viel kritisierten Negativzinsen sowie dem beendeten Anleihekaufprogramm inzwischen mittellos.

Dieses Paket enthält mehrere Überraschungen: Das Herabstufen des Konjunkturausblicks wurde weithin erwartet. Das Kürzen der Prognose für das reale Wachstum auf 1,1 Prozent (von 1,7 Prozent) in diesem Jahr liegt weit unter dem derzeitigen Konsensniveau. Die gesenkte Inflationsprognose für das Jahresende auf 1,2 Prozent (von 1,6 Prozent) hingegen spiegelt in Verbindung mit der Abwärtskorrektur der mittelfristigen (2021) Prognose auf 1,5 Prozent die Erwartung wider, dass die EZB in den nächsten drei Jahren Schwierigkeiten haben wird, ihr Inflationsziel (von „knapp unter zwei Prozent“) zu erreichen. Zusammen mit der Einschätzung, dass die Risiken für die Wachstumsaussichten weiterhin nach unten gerichtet bleiben, deuten diese Prognosen darauf hin, dass bei Bedarf weitere politische Maßnahmen möglich sind.

verlängerte Forward Guidance überrascht

Die Verlängerung der Foward Guidance zu den Leitzinsen dürfte wahrscheinlich am meisten überrascht haben. Die EZB hat sich verpflichtet, bis Ende dieses Jahres – nicht nur bis zum Ende des Sommers – die Zinsen nicht weiter zu erhöhen. Damit hat der EZB-Rat seine Politik über die Amtszeit Draghis hinaus festgelegt, die im Oktober 2019 enden soll. Gleichzeitig nimmt sie damit seinem Nachfolger den Handlungsspielraum. Dieser Schritt zeigt, dass die Draghi-Nachfolge – und alle damit verbunden Unsicherheiten – nicht beeinträchtigt wird. Zudem verdeutlicht er die Bereitschaft der EZB, die Wirtschaft weiterhin zu stützen.

Die Entscheidung für das TLTRO III, die Nachfolgeeinrichtung der Targeted LTROs II, an sich überraschte weniger. Die EZB kündigte sie jedoch schneller an, als viele es erwartet haben. Allerdings ist der Bedarf einer Nachfolgeeinrichtung unbestritten, mit rund 725 Milliarden Euro an Zentralbankfinanzierungen die Mitte 2020 beginnen sollen. Zumal das italienische und spanische Bankensystem allein über die Hälfte dieser Mittel beanspruchten und weiterhin  Lebenserhaltungsmaßnahmen brauchen. Die Bedingungen der TLTRO III-Finanzierung signalisieren in angemessener Weise den anhaltenden Wunsch nach einer allmählichen geldpolitischen Normalisierung. Die Laufzeit der „Ersatzdarlehen“ wurde auf zwei Jahre halbiert und der Zinssatz ist variabel (und nicht wie bei den TLTRO II-Darlehen fest), falls die EZB ihren Leitzins noch erhöhen sollte.

Markt reagiert schnell auf EZB-Politik

Der Markt reagierte schnell auf die politische Kehrtwende der EZB. Anstatt sich auf die Vorteile einer geldpolitischen Anpassung zu konzentrieren, scheint sich der Markt auf die Risiken zu konzentrieren. Dies bestätigt die Einschätzung der EZB, wonach die Risiken eindeutig nach unten geneigt bleiben. Infolgedessen sank der Euro um ein Vielfaches – er handelte vor der Sitzung über 1,13 US-Dollar und schwächte sich nach den Ankündigungen in Richtung 1,12 US-Dollar ab. Gleichzeitig erholten sich die globalen Anleihen, die zehnjährigen Bund-Renditen halbierten sich auf sechs Basispunkte und wurden erneut fast negativ. Unterdessen verdauten die Aktienmärkte die deutliche Abwärtsrevision der Wachstumsprognosen und handelten im negativen Bereich




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