Finanzielle Inklusion: Banking the Unbanked

Finanzielle Inklusion ist in den vergangenen Jahren zum Trendwort geworden. Doch was versteht man überhaupt darunter und warum ist sie so wichtig? Seyfi Günay, Direktor für Finanzkriminalität und Terrorismus bei LexisNexis Risk Solutions, gibt einen Einblick.

Aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen profitieren moderne Gesellschaften von der Beteiligung möglichst vieler Menschen an Finanzdienstleistungen – mit anderen Worten an finanzieller Inklusion. Unter finanzieller Inklusion versteht man die Bereitstellung einer Reihe von Finanzdienstleistungen für Privatpersonen und Unternehmen zu erschwinglichen Kosten.

Finanzielle Inklusion ist in den vergangenen Jahren zum Trendwort geworden

Finanzielle Inklusion umfasst dabei nicht nur den Zugang zu einem Konto und die Möglichkeit, einen Kredit aufzunehmen. Auch Angebote zur sicheren Aufbewahrung von Vermögen und Zugang zu Versicherungsleistungen und Anlagemöglichkeiten gehören dazu. Finanzielle Inklusion spielt deshalb auch bei der Entwicklung von Unternehmen, der Schaffung von Arbeitsplätzen und dem Abbau von sozialen Ungleichheiten eine wesentliche Rolle.

In Ländern, deren finanzielle Inklusion große Lücken aufweist, sind Verbraucher gezwungen, Finanzdienstleistungen über informelle und dementsprechend nicht regulierte Wege zu beziehen. Dies ist häufig nicht nur mit Wucherpreisen und hohen Risiken für die Kreditnehmer verbunden. Finanzielle Exklusion kann sich auch negativ auf die Finanzstabilität des jeweiligen Landes auswirken, da das Vertrauen in offizielle Finanzinstitute schwindet – was illegale Kreditgeber frohlocken lässt.

Auch der Investmentsektor profitiert von finanzieller Inklusion

Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, finanzielle Inklusion als wesentliche Voraussetzung für ein langfristiges Wirtschaftswachstum weiter voranzutreiben. Die Eingliederung neuer bis dato nicht berücksichtigter Personen in das offizielle Finanzsystem stärkt nicht nur die Wirtschaft als Ganzes. Sie bietet darüber hinaus ein ideales Umfeld für die Entstehung neuer Investitionsmöglichkeiten und ist somit auch für private und institutionelle Investoren von großer Bedeutung.

Zahlreiche internationale Organisationen wie die Weltbank und das Weltwirtschaftsforum haben daher Maßnahmen ergriffen, um finanzielle Inklusion auf globaler Ebene zu fördern – und ihre Bemühungen zahlen sich langsam aus. Nach Informationen der Global Findex Database besaßen im vergangenen Jahr 69 Prozent der Erwachsenen weltweit ein Bankkonto, was einem Anstieg von sieben Prozent seit 2014 entspricht. Somit haben alleine in den vergangenen vier Jahren 515 Millionen Personen Zugang zu einem Konto erhalten.

Zudem haben Regierungen weltweit ein regulatorisches und politisches Umfeld geschaffen, das es Banken und anderen Finanzinstituten erleichtern soll, Innovationen einzuführen und den Zugang zu Finanzdienstleistungen zu erweitern. Der Zusammenarbeit der einzelnen Finanzinstitute untereinander kommt dabei eine wachsende Bedeutung zu.

Eine der Herausforderungen in diesem Zusammenhang besteht in der Beschaffung von Informationen einerseits und in der mangelnden Transparenz unter den Finanzinstituten andererseits. Selbst wenn alle nötigen Informationen verfügbar sind, ist ein vollständiges Bild potenzieller Neukunden oftmals nicht möglich, da die Daten auf verschiedene Wirtschaftsauskunfteien und andere Finanzinstitute verteilt sind.

Dies hat nicht nur Konsequenzen für die Millionen von Menschen, die ohne ein Bankkonto in Entwicklungs- und Schwellenländern leben, sondern betrifft auch in hochentwickelten Industrienationen wie Deutschland Unternehmen und Privatpersonen, deren Kreditwürdigkeit aufgrund fehlender Daten nicht bestimmt werden kann und die um den Zugang zu den benötigten Finanzdienstleistungen kämpfen.

So ergab eine im September 2016 veröffentlichte Studie im Auftrag des Daten- und Technologieunternehmens LexisNexis Risk Solutions, dass die Hälfte der befragten Finanzinstitute aufgrund unzureichender Know Your Customer (KYC)- oder Kreditrisikomanagementprozesse zwischen sechs und 15 Prozent potenzieller Einzelkunden und kleiner Geschäftskunden abweist.

Vollständige finanzielle Inklusion setzt effektive KYC-Prozesse voraus

Verbesserte KYC-Prozesse könnten dazu beitragen, dieses Problem zu lösen und finanzielle Inklusion weiter voranzutreiben. Neueste Entwicklungen im KYC-Bereich erlauben es Finanzdienstleistungsunternehmen, Compliance- und Kreditrisiken von Bestands- und Neukunden gleichermaßen wesentlich effektiver zu bestimmen. Die Umfrage von LexisNexis Risk Solutions deutet darauf hin, dass schon geringfügige Anpassungen einen signifikanten Einfluss auf die Qualität der Daten haben können.

Die Bereitschaft dafür ist definitiv vorhanden: Mehr als drei Viertel (77 Prozent) der Befragten gaben an, dass die Erbringung von Finanzdienstleistungen für Personen ohne beziehungsweise mit eingeschränktem Kontozugang einen wesentlichen Bestandteil ihres Geschäftsmodells darstellt. Eine umfassendere, globale Kunden-Due-Diligence, die sich nicht nur auf die Einhaltung von Vorschriften, sondern auch auf die Erhöhung der finanziellen Transparenz und die Einbeziehung der gesamten Kundenbasis in den Finanzdienstleistungssektor konzentriert, ist jedoch vorerst noch nicht absehbar.

Vollständige finanzielle Inklusion auf globaler Ebene mag zwar bisher noch Zukunftsmusik sein, doch der Anfang ist gemacht – und wie schon ein altes chinesisches Sprichwort besagt: „Auch der weiteste Weg beginnt mit einem ersten Schritt.“




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