Fünf falsche Mythen zu Nebenwerten

„Anleger lassen sich lukrative Anlagemöglichkeiten durch die Lappen gehen, wenn sie Nebenwerte außer Acht lassen“, ist Claire Shaw überzeugt. Die Britin managt den OYSTER European Mid & Small Cap Fonds von SYZ Asset Management und kennt sich als Stockpickerin hervorragend mit kleinen und mittleren Unternehmen aus.

Viele europäische Aktienanleger setzen gerne auf Großunternehmen – aufgrund ihrer Tradition und Prognosesicherheit. Tief verwurzelte Fehleinschätzungen halten sie häufig davon ab, Unternehmen ins Auge zu fassen, die sich in der Kapitalisierungsstruktur weiter unten befinden. Das wirft die Frage auf, ob die vorherrschende Skepsis eine Gewichtung in Nebenwerten unangemessen unterdrückt hat, denn diese Aktienklasse ist sehr dynamisch: Nebenwerte haben sich in 12 der letzten 17 Jahre besser entwickelt als Large Caps und liegen seit Jahresbeginn gegenüber dem Large-Cap-Index um rund 5,5 Prozent in Führung.

Auch wenn das der populären Wahrnehmung zuwiderläuft, glauben wir, dass ein selektiver Ansatz in Small und Mid-Caps Anlegern viel bieten kann: nämlich nicht nur ein robustes Engagement in stark wachsenden Unternehmen, sondern auch eine Outperformance, die vom konjunkturellen Umfeld unabhängig ist. In meinem neuesten Anlage-Update bemühe ich mich, einige der wichtigsten Mythen zu zerstreuen, die weiterhin kleine und mittlere Unternehmen umgeben.

1.    Mythos: Nebenwerte sind grundsätzlich risikoreicher

Die Vorstellung, dass Small und Mid-Caps naturgemäß risikoreicher sind, wird durch eine ganze Reihe spektakulärer Unternehmenszusammenbrüche im Large-Cap-Bereich erschüttert. Der US-Energiekonzern Enron und der Telefonriese WorldCom sind nur zwei herausragende Beispiele, die zur Vorsicht mahnen.

Anleger sollten nicht annehmen, dass mit der zunehmenden Marktkapitalisierung eines Unternehmens auch sein inhärentes Risiko abnimmt. Die Risikofaktoren eines Unternehmens zu verstehen, heißt nicht, dass man weiß, welchen Weg ein Unternehmen einschlagen wird oder wie es geführt wird; es geht darum, zu verstehen, wie ein Unternehmen unabhängig von seiner Größe einen Wettbewerbsvorsprung bewahren kann.

2.    Mythos: Kleiner gleicht schwächer

Dies enthüllt auch einen zweiten Mythos, der mit der Anlage in kleine und mittelgroße Unternehmen verbunden ist: „Kleiner bedeutet schwächer“. Anleger, die einen selektiven Ansatz verfolgen und eingehende Analysen betreiben, können Unternehmen ausfindig machen, deren Bilanzen schlanker sind und deren Fremdverschuldung geringer ist. Bei solchen Unternehmen ist auch die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie durch wirtschaftliche Turbulenzen erschüttert werden – anders als bei einigen ihrer Pendants aus dem Large-Cap-Segment.

Für uns liegt das Geheimnis der Anlage in Nebenwerten im Kauf hochwertiger Qualitätsunternehmen mit Nettoliquidität in der Bilanz und günstigen Bewertungen. So können Anleger von dem starken Alpha profitieren, das von Small und Mid-Caps erzielt wird, ohne dadurch ein höheres Risiko einzugehen.

3.    Mythos: Vorsicht vor der Volatilität

Es kann argumentiert werden, dass Kleinunternehmen als Gruppe gegenüber Veränderungen im Konjunkturzyklus und Phasen mit erhöhter Volatilität anfälliger sind. Allerdings ist das eine übermäßige Vereinfachung, die einen wichtigen Anlageaspekt verdeckt: den Nutzen der Volatilität. Statt vor der Volatilität zurückzuschrecken, sollten Anleger, die hochwertige Qualitätsunternehmen im Anlageuniversum entdecken wollen, sie im Gegenteil begrüßen.

Für überzeugungsgetriebene Anleger schaffen Phasen, in denen bestimmte Aktien nicht gefragt sind, optimale Kaufgelegenheiten. Unser Research-Vorteil besteht darin, unbekannte und unterbewertete Aktien zu kaufen – das schwedische Unternehmen Lucara, einer der führenden Produzenten von Diamanten des Typs IIa, ist hierfür ein perfektes Beispiel.

Lucara hat keine breite Abdeckung durch Sell-Side-Analysten und wurde aufgrund einer Reihe negativer Faktoren im Jahr 2017 vom Markt abgestraft. Durch diese kurzfristigen und im Wesentlichen zyklischen Faktoren bot sich eine attraktive Einstiegsgelegenheit. Wir investierten in ein extrem profitables Unternehmen mit sehr niedrigen Bewertungskennzahlen, zweistelligen Free-Cashflow-Renditen und einer Dividendenrendite von 4 Prozent. Auf lange Sicht ist die Volatilität ein Freund der geduldigen und langfristig orientierten Anleger.

4.    Mythos: Mangelnde Dividendenrendite

Ein lange vertretenes Einkommensargument, das zur Anlage in Large Caps ermutigt, lautet, dass kräftige und stabile Titel mit etablierten Marktpositionen sich darauf konzentrieren, Unternehmenswert zu schaffen und die Dividenden zu steigern. Das mag zutreffen, gilt aber nicht ausschließlich für größere Unternehmen.

Mittels unseres Anlageprozesses identifizieren wir Unternehmen, die gute Renditen für die Anleger erzielen können und ein hohes Nettoliquiditätsniveau aufweisen. Obgleich sich der Mythos eines kargen Renditeumfelds im Anlagesegment der Nebenwerte hält, gibt es eine Menge Unternehmen, die einen freien Cashflow erwirtschaften.

5.    Mythos: einen „Small-Cap-Aufschlag“ bezahlen

Der „Small-Cap-Aufschlag“ war weit verbreitet, ist aber eine übertriebene Verallgemeinerung. Im Laufe der Zeit können wir bei Kleinunternehmen höhere durchschnittliche Renditen als bei den größeren Unternehmen erwarten. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir Titel blindlinks kaufen und davon ausgehen, dass die Erträge ins Unendliche schießen.

Mit unserem Prozess vermeiden wir aktiv die Zahlung des Small-Cap-Aufschlags. Wir betreiben vor der Anlage in hochwertige Qualitätsunternehmen möglichst pessimistische juristische Analysen und Szenario-Planungen, bei denen der Aufschlag für Kleinunternehmen vermindert ist. Die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine im Jahr 2014, der Einbruch des Ölpreises unter 30 US-Dollar im Jahr 2015 und die italienische Bankenkrise des vergangenen Jahres waren alles Themen, in die wir zu einem Zeitpunkt investiert haben, als die Stimmung am schlechtesten und die Furcht am größten war.

Es ist einfach zu sagen, man sei ein konträrer Anleger; aber das in die Tat umzusetzen ist schwierig und verlangt echte Überzeugung vom eigenen Prozess und der eigenen Philosophie. Nebenwerte-Anleger müssen ein erhöhtes Maß an Volatilität ertragen. Doch genau dann, wenn Investoren bestimmte Aktien, Sektoren und Länder stark ablehnen, wird es für uns als konträre Anleger erst richtig interessant.

Die Aktien in unserem Portfolio sind per Definition häufig genau das Gegenteil der Allokation unserer Konkurrenten. Für überzeugungsgetriebene Anleger haben die Langlebigkeit der Mythen über Nebenwerte und ein ineffizienter Markt einen fruchtbaren Boden für wirklich aktive Manager geschaffen.




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